Bürger des Weltreichs der Sprache: Bernhard Setzwein wird 60

In München geboren, in Ostbayern ansässig: Der Romancier, Dramatiker, Lyriker und Rundfunkjournalist Bernhard Setzwein wird 60.

Im Bayerischen wie im Böhmischen ist der Oberpfälzer Schriftsteller und Dramatiker Bernhard Setzwein zu Hause. Unser Bild zeigt ihm vor dem „Fressenden Haus“ des Dichters Siegfried von Vegesack in Weißenstein bei Regen im Bayerischen Wald.
von Peter GeigerProfil

Ruft man bei Bernhard Setzwein an, beispielsweise, weil man eine Frage hat an ihn, so lautet die erste Antwort, die man von ihm bekommt, immer und durchwegs: "Ja!" Aber man darf sich davon nicht einschüchtern lassen, von dieser Zustimmung, und erst recht nicht um den Finger wickeln lassen: Denn dieses Setzwein'sche "Ja", es hat so viele Facetten, dass man ausgehend von dieser sprachlichen Mini-Basis eigentlich einen ganzen Roman erzählen könnte, der ihn und seinen Kosmos schließlich beleuchtet.

Es kommt nämlich sehr darauf an, wie Bernhard Setzwein sein "Ja" ausspricht: Ob er es lapidar dahinsagt. Und beispielsweise noch ein bestätigendes "Schon" anfügt. Dann ist die Sache geritzt. Und für alle Zeiten verlässlich festgezurrt. Oder ob er es brummt, leise, aber durchaus gravitätisch, um dann einzuschnaufen und ein "Aber" anzufügen. Dann ist die Sache zwar genau so geritzt und verlässlich festgezurrt. Aber das Gegenüber kennt sich nunmehr aus, was die feinen Verästelungen anbelangt.

Vielleicht ist er, der gebürtige Münchener, der in Bad Dürkheim und Köln aufwuchs, darin seinen Lieblingsnachbarn, den Tschechen, gar nicht so unähnlich. Die sagen zwar "No", wenn sie "Ja" meinen, aber die Literatur eines Bohumil Hrabal beispielsweise ist für Bernhard Setzwein von so überragender Bedeutung, dass er dem 1997 verstorbenen "böhmischen Stoiker" und "unumstrittenen Champion des Schriftstellerns" ein Stück gewidmet hat, das im Regensburger Theater am Haidplatz eine prächtige Uraufführung erfuhr. Als Leser, sagte er damals, im Jahr 2015, sei er schon immer Osteuropäer gewesen, und zwar deshalb, weil die Literatur dieses durch Mauer und Stacheldraht verdichteten und abgedichteten Erfahrungsraums von so elementarer Wucht sei.

Unglück bei Ausflug

Mit ähnlicher Kraft traf Bernhard Setzwein vor drei Jahren ein Unglück bei einem Ausflug im Altvatergebirge an der tschechisch-polnischen Grenze. Dieses schildert er in seinem neuen, nunmehr zu seinem heutigen 60. Geburtstag erscheinenden "Gelben Tagwerk" (edition lichtung). Darin versammelt er "Alltagsflusen und Sternenstaub". Und eben auch die Schilderung jenes Wanderunfalls, bei dem er auf einem pitschnassen Stein nicht nur ins Rutschen geriet, sondern zu Fall kam und sich in der Folge schwer verletzte, und zwar am Oberschenkel. Ein Hubschrauber musste zu Hilfe kommen - und weil auch dieser im unwegsamen Gelände nicht landen konnte, wurde der Verletzte in einen Akia verlegt werden. Diese Trage wiederum wurde mittels einer von dem Motor eines Quads betriebenen Winde einen Hang hochgezurrt. Und so dem Akrophobiker eine Himmelsfahrt der besonderen Art bescherte: "Was, wenn jetzt das Seil reißt?"

Das Seil ist heil geblieben. Und auch die Totalruptur des Quadriceps konnte mittels des erfolgreichen Eingriffs eines Ärzteteams in Ostrau wieder so gut verheilen, dass sich der leidenschaftliche Zufußgeher Setzwein seiner Passion mittlerweile wieder völlig schmerzfrei hingeben kann. Gleich zu Beginn des "Gelben Tagwerks", auf der ersten Seite, da widmet er Hubert Ettl, dem Gründer des lichtung-Verlags, eine kleine Herzensbotschaft: Und erzählt, wie sie sich immer wieder verabreden, an magischen Orten des Bayerischen Walds, am Höllensteinsee etwa, um die Übergabe von Roman-Manuskripten oder Korrekturfahnen zu begehen, mit feierlicher Geste vor Naturkulisse.

Verlegerisches Risiko

Sein Freund Hubert Ettl sei schließlich der einzige Mensch auf diesem ganzen Erdenrund, der bereit sei, sich auf ein solches verlegerisches Risiko einzulassen. Das ist grandios gesprochen. Und zeugt gleichzeitig von der Bescheidenheit des Bernhard Setzwein. Der freilich eine Sache partout nicht ertragen kann: Wenn man ihn als Provinzautor bezeichnet. Nein, das ist er, der im Alter von 15 Jahren beschloss, Schriftsteller zu werden, schon mal gar nicht. Vielmehr ist er ein Bürger eines Weltreichs, das aus Papier immer wieder neu gebaut wird. Und das aus lauter Buchstaben besteht.

Zu seinem heutigen runden Geburtstag kann man Bernhard Setzwein wahrscheinlich nichts schenken, was ihm mehr Freude bereitete, als eine solche Worttorte mit Buchstaben-Kerzen oben drauf.

In der edition lichtung ist "Das gelbe Tagwerk" erschienen.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.