Waldsassen
23.12.2019 - 11:18 Uhr

Zwei große Jungs mit dem Herz auf dem rechten Fleck

Sebastian Bock ist einer, der sein Dasein nicht selbstverständlich sieht. Täglich stellt er in Frage, warum das Leben Leben heißt. Das besingt er mit der Gitarre und in aller Ruhe.

Singer/Songwriter Sebastian Bock hat's geschafft, sein Publikum drei Tage vor Weihnachten "runterzuholen" aus dem Rastlosen. Ganz unspektaktulär-schön begeisterte er die Zuhörer mit seiner Musik. Bild: ubb
Singer/Songwriter Sebastian Bock hat's geschafft, sein Publikum drei Tage vor Weihnachten "runterzuholen" aus dem Rastlosen. Ganz unspektaktulär-schön begeisterte er die Zuhörer mit seiner Musik.

Sebastian Bock ist ein großer Junge. Mit 39 Jahren sitzt er in hellbeigen Camel-Boots, mit braunem Wollkäppi, schlappigem Pullover und verträumten Augen auf der Bühne des Kunsthauses und dichtet über die Liebe, dass alles endlich besser wird und davon, wie es ist, "wenn du niemand mehr bist". Das verpackt der große Junge, von Geburt an Brandenburger, in zärtliche Poesie und strickt einen Gitarrensong drumherum. Oder umgekehrt. Manchmal, sagt der Singer/Songwriter aus Berlin, wisse er selbst nicht mehr, wieso die Zeilen aufs Papier gekommen seien. Dann wieder ist es ein Ereignis, das er besingt. Oder ein Wort wird zum Song. Seit seinem 16. Lebensjahr macht Sebastian Bock Handmade-Musik. Davon leben könne er nicht. Er sei auch ein Künstler, Fassadsenmaler, erzählt er im Kunsthaus Waldsassen, wo er ein wunderbares vorweihnachtliches Konzert am Samstag gibt, ganz ohne Weihnachtsläuten. Auf immerhin drei CDs hat der Musiker seine Gedanken zum Leben, dem Welt- und Liebesschmerz und der ewig quälenden Daseinsfrage gepresst.

Im KuWa lässt er das Publikum teilhaben an seinem gesamten musikalischen Wirken. Mal singt Sebastian Bock Songs "von ganz früher", dann wieder versucht er sich an neuen Liedern. Die sind derart frisch, dass er sich auch verspielt zwischendurch. Was keiner merkt, schließlich kennt das Publikum Sebastians neue Lieder nicht. Aber er spricht es an, weils ihm nicht wichtig erscheint, perfekt sein zu müssen. Dem sonst eher schwerfälligen Oberpfälzer fällt es diesmal nicht schwer, ihn umgehend als Freund in die Arme zu schließen. Die Damen in der vierten Reihe tun dies, weil Sebastian Bock ein attraktiver Kerl ist, so einer zum Verlieben. Da wird gekichert, geklatscht, nach vorne gerufen. Ganz offen. Die Männer fühlen eher im Stillen mit ihm und dem, was er zu sagen hat. Die eigenen Erfahrungen in der Liebe dringen durch, wenn Sebastian Bock fragt "Bist du die Antwort?" und wenig später mehr ins Leere als an eine wirkliche Person die Frage stellt: "Bist du wirklich da, wenn ich morgens aufwache?" Der Liederpoet hat noch jemanden mitgebracht. Mit Moritz Ecker betritt (scheinbar) sein Ebenbild die KuWa-Bühne. Moritz Ecker ist gleich groß, gleich gekleidet, gleicher Bart, gleiche schlacksige Gangart. Bedient Moritz Ecker aber die Gitarre, kommt der Virtuose zum Vorschein. Seine Musik ist anders schön.

Moritz Ecker und Sebastian Bock (v. li.) sind zusammen und im Solo große Musiker, die in keine Schublade passen. Bild: ubb
Moritz Ecker und Sebastian Bock (v. li.) sind zusammen und im Solo große Musiker, die in keine Schublade passen.

Moritz sei ein Jahr mit einem gefundenen Fahrrad durch Australien gefahren, erzählt Sebastian Bock vom Musikerkollege. Und dass dieser eine LP gemacht hat. Moritz Ecker lässt sich überreden und singt. Völlig andere Stimme, völlig anderer Stil und in englischer Sprache. Sebastian Bock schreibt deutschsprachig, was spätestens hier erwähnt sein sollte. Moritz ist ziemlich gut, auch. Beide auf ihre Art gehören zweifelsohne in die "Art of Musik"-Szene, die hiermit mit dieser Wortfindung erfunden wurde. "Bei euch ist es so still", witzelt Sebastian Bock in Richtung seiner Zuhörer und grinst. "Weil gerade die staade Zeit ist", witzeln die Zuhörer zurück. Er möge das, behauptet er frech schmunzelnd. "Schön habt ihr es hier, tolles Haus, gute Akustik." Die beiden großen Jungs mittleren Alters bestreiten ein wunderbar zurückgenommenes Konzert. Nichts ist aufgesetzt, nichts dient der Effekthascherei oder dem Ego der Eitelkeit. Ehrliche Musik in der Vorweihnachtszeit tut einfach nur gut. Und wie war das mit dem Liedtitel "Ahnungslos"? Manchmal ist es wirklich besser, ahnungslos zu sein.

 
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