Ist Weglassen Manipulation?

Was gehört hinein in eine Täterbeschreibung? Und ist es tatsächlich immer nötig, eine zu veröffentlichen? Ein Leser wirft uns vor, kürzlich manipulierend vorgegangen zu sein.

Bei dem Faustangriff erlitt der Hockenheimer OB Dieter Gummer (SPD) durch den Schlag ins Gesicht und den anschließenden Sturz Gehirnblutungen, einen Kieferbruch und Prellungen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Die Frage, die der Amberger mir stellt: "Warum macht meine Heimatzeitung die Manipulation der dpa bei der Berichterstattung über den tätlichen Angriff auf den Oberbürgermeister Hockenheims mit?" Die Polizei fahnde nach einem Täter mit "nordafrikanisch-arabischem Erscheinungsbild" (in ersten Meldungen auch: "dunkelhäutig"), der deutsch mit leichtem Akzent spreche. "Diese Täterbeschreibung wird in der heutigen Meldung wie auch in der ersten Meldung nicht gebracht. Oder hat sie die Amberger Zeitung weggelassen?", so der Leser.

So eine Berichterstattung, fährt der Mann fort, passe in das Schema, nach der in deutschen Artikeln über die Gruppenvergewaltigung auf Mallorca nur von "deutschen Urlaubern", in einer Gazette sogar von einem "deutschen Rudel" gesprochen werde. "In den spanischen Zeitungen aber werden die (Achtung, Ironie) altdeutschen Vornamen Serhat, Azad, Yakub und Baran der vier Tatverdächtigen genannt", wundert sich der Leser, der vermutet: "Wenn sie Fritz, Wilhelm, Walter und Emil heißen würden, wären diese Namen dem geneigten Leser sicherlich genüsslich serviert worden. Warum?"

dpa wies darauf hin

Rückblick: Vor wenigen Tagen war Dieter Gummer (67), der seit 2004 Oberbürgermeister von Hockenheim ist und Ende August aus Altersgründen aus dem Amt scheidet, auf seinem Privatgrundstück angegriffen und schwer verletzt worden. Auf der Seite "Politik" veröffentlichten wir dazu zwei kurze Meldungen: die eine am 17. Juli ("Attacke auf Rathauschef"), tags darauf die andere ("Rathauschef kannte Angreifer nicht").

Ich kann bestätigen, dass in dem von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zur Verfügung gestellten Material unter "redaktionelle Hinweise" erwähnt wurde, dass der Tatverdächtige dunkelhäutig sein solle und deutsch mit einem leichten Akzent spreche. Das stand auch in einer ersten Täterbeschreibung des Polizeipräsidium Rheinpfalz, die der Redaktion aber nicht vorlag. Einen Tag später präzisierte das Präsidium und sprach von einem "nordafrikanisch-arabischen Erscheinungsbild" des gesuchten Mannes, der den OB mit der Faust ins Gesicht geschlagen hatte, worauf Gummer stürzte und mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug.

Beschreibung überflüssig

Ich möchte festhalten: Hätte sich dieser Angriff in unserem Verbreitungsgebiet ereignet, in Amberg, in Weiden oder in einem anderen Ort der Region, hätte die Redaktion sich natürlich entschieden, eine möglichst detaillierte Täterbeschreibung zu veröffentlichen, um die Chancen zu erhöhen, dass der unbekannte Schläger geschnappt wird. Eine Täterbeschreibung wiederzugeben zu einer Straftat im rund 300 Kilometer entfernten Hockenheim, macht hingegen keinen Sinn. So eine Beschreibung soll der Polizei bei der Aufklärung helfen. Kaum anzunehmen, dass Leser der Amberger Zeitung, der Sulzbach-Rosenberger Zeitung oder des NT die Polizei hier hätten unterstützen können.

Es sind Deutsche

Insofern ist der Verzicht auf die Täterbeschreibung keine Manipulation. Und zu der von dem Leser aus Amberg angesprochenen Berichterstattung über die Gruppenvergewaltigung auf Mallorca zitiere ich gerne Ernst Elitz. Er ist der Ombudsmann der "Bild"-Zeitung, die bei der Nennung von Namen und Nationalitäten eher wenig zimperlich ist. Elitz schreibt in seiner jüngsten Kolumne: "Nachdem BILD über eine mutmaßliche Vergewaltigung auf Mallorca berichtete, erhielt ich eine Vielzahl von Briefen, in denen sich Leser hasserfüllt darüber beschwerten, dass die Verdächtigen als ,Deutsche' bezeichnet wurden - obwohl Namen und Aussehen auf einen Migrationshintergrund hindeuteten. Meine Antwort: ,Die Redaktion kann den Verdächtigen nicht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen.' Es ist nicht ihr Auftrag, die Herkunft von Menschen, über die sie berichtet, über möglichst viele Generationen zurückzuverfolgen. Wer einen deutschen Pass hat, ist ein Deutscher - auch wenn das nicht allen passt." Ich pflichte Ernst Elitz bei.

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