100 Jahre Hans Scholl: "Es lebe die Freiheit"

Erst Hitler-Jugend, dann Widerstand. Die Schüler der Hans-Scholl-Realschule Weiden beschäftigen sich mit ihrem berühmten Namensgeber. Und haben Hans Scholls Neffen Julian Aicher.

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Von Elisabeth Saller

"Ich habe ihn persönlich nie kennengelernt", stellt Neffe Julian Aicher gleich zu Beginn des Gesprächs klar. 15 Jahre nach Scholls Tod 1943 kam Aicher zur Welt. "Aber ich habe von meiner Mutter ziemlich viel gehört", erläutert Aicher, der in Leutkirch-Rotismühle (Kreis Ravensburg) lebt. Seine Mutter Inge Aicher-Scholl war das älteste Kind von Magdalena und Robert Scholl und die Schwester von Hans und Sophie Scholl. Sie hat 1952 das Buch "Die Weiße Rose" geschrieben, in dem sie von der gleichnamigen Widerstandsgruppe ihrer Geschwister erzählt. Inge war aber kein Mitglied der "Weißen Rose".

Warum wurde Hans Scholl so berühmt? Der Neffe zählt auf: Hans war nicht einseitig parteiisch, habe die Todesnachricht im Gefängnis mit Fassung aufgenommen, ist in jungen Jahren enthauptet worden und er "war fähig, aufgrund von Erkenntnissen seinen Blickwinkel zu ändern." Zudem war Scholl als Widerstandskämpfer sehr mutig. "Würde ich den auch haben? Ich habe keine Antwort darauf." Als ehrgeizig, energiegeladen und charismatisch beschreibt ihn Jakob Knab. Er hat eine Biografie über Scholl herausgebracht.

Schüler sollen Fragen stellen

Wegen ihrer mutigen Aktionen für mehr Menschlichkeit sollen Hans und Sophie Scholl Vorbilder für junge Leute sein. Vielleicht auch deswegen gibt es nach Angaben Knabs in Deutschland fast 200 Schulen, die nach Hans und Sophie Scholl benannt sind. Zur Begründung werde laut Knab gerne aus dem letzten Flugblatt der "Weißen Rose" zitiert: "Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat."

Als Verwandter der Widerstandskämpfer besucht Aicher immer wieder Schulen und berichtet dort von den Taten der Nazis und dem Mut der Regimekritiker. "Ich finde es gut, wenn Schüler Fragen stellen", sagt er. Und zählt auf: "Sie wollen wissen, wann ich erfahren habe, dass meine Verwandtschaft so berühmt ist, ob ich finde, dass es richtig war, Widerstand zu leisten."

Gerne spricht Aicher, der für die ÖDP im Kreisrat Ravensburg sitzt, auch über ein anderes Thema: Umweltschutz. Immer wieder lenkt er das Gespräch auf die Stromerzeugung, spricht von Solarzellen, Atommüll und Strompreisen.

Wissen aneignen

"Ohne Wissen kann ich mich nicht auf die Gefahr einstellen", findet er. Und meint die Nazis, aber auch Atomkraft. Der 60-Jährige habe noch viele Kriegsversehrte getroffen, ältere Leute hätten ihm viel über das Dritte Reich und den Krieg erzählt. Viele Jugendliche von heute könnten diese Erfahrungen nicht mehr so machen. Deshalb berichtet ihnen Aicher - und bereitet sich inzwischen wie die KZ-Gedenkstätten auf Holocaust-Leugner vor.

Aicher kann sich gut daran erinnern, als er den ersten Dokumentarfilm über ein Konzentrationslager darin "einen Berg Leichen" gesehen hat. "Da wird jeder Mensch eine Abwehrhaltung annehmen und sagen: 'Das gibt's doch gar nicht.'" Aicher selbst sei bei diesem Anblick zur Toilette gerannt. Er rät Leugnern, sich die vielen Tausend Dokumente über die Taten in Konzentrationslagern anzusehen. "Es ist richtig, zu sagen, dass Leugnen verboten ist." Wer es trotzdem tut, den halte der Schwabe für einen Wichtigtuer. "Die einen tun das aus Schock, die anderen wollen provozieren."

Mehr Zivilcourage

Alleine im September hat Aicher drei Termine zur "Weißen Rose" und den Friedensaktivitäten seiner Mutter. Am 26. Oktober kommt Julian Aicher (ÖDP) in die Hans-Scholl-Realschule Weiden, um dort an einem Gedenktag für seinen Onkel mit 500 Schülern und 40 Lehrern teilzunehmen. Erwartet werden zu der Veranstaltung, die Geschichtslehrer Johannes Paar organisiert hat, auch Karl Schenk Graf von Stauffenberg (FDP), der Enkel des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg, WAA-Gegner Hans Schuierer (SPD) sowie Mitarbeiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Die Gäste besuchen Klassen und schauen sich mit den Schülern einen Film über den Todesmarsch an. Danach diskutieren die Gäste mit Veit Wagner, Weidener Stadtrat der Grünen, über Verantwortung, Zivilcourage und Erinnerungskultur. Mit dem Schwandorfer Altlandrat Schuierer wird Aicher sicher auch über Atomkraft sprechen. Öffentliche Diskussion mit Julian Aicher, Karl Schenk Graf von Stauffenberg, Hans Schuierer und Veit Wagner am Freitag, 26. Oktober (13 Uhr), in der Aula der Hans-Scholl-Realschule Weiden, Kurt-Schumacher-Allee 8.

Hans Scholls kurzes Leben:

Hans Scholl wurde am 22. September 1918 in Ingersheim bei Crailsheim geboren. Als Jugendlicher trat Hans Scholl gegen den Willen seines regimekritischen Vaters in die Hitlerjugend ein. Er soll darin "aktiv und begeistert" mitgewirkt haben, berichtet sein Neffe Julian Aicher.

Doch Scholl änderte seine Meinung und wandte sich gegen Adolf Hitler und die Nazis. Als Medizinstudent an der Universität München verschickte er mit Alexander Schmorell im Sommer 1942 die ersten Flugblätter der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Im Februar 1943 verteilten Hans und seine Schwester Sophie das fünfte Flugblatt an der Universität. Sie wurden dabei vom Hausmeister entdeckt und von den Nazis festgenommen. Hans trug den Entwurf für ein weiteres Flugblatt von Christoph Probst bei sich. Auch Probst wurde gefangen genommen.

Am 22. Februar 1943 wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst im Münchener Gefängnis Stadelheim mit der Guillotine enthauptet. Hans Scholls letzte Worte: "Es lebe die Freiheit." Die Guillotine hat Scharfrichter Johann Reichhardt bedient. Dieser stammte aus in Wichenbach bei Wörth an der Donau und war als Henker auch in Weiden tätig. (esa)

Neue Literatur:

Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, sind die Geschwister Scholl im Münchener Gefängnis Stadelheim hingerichtet worden. 2018 sind zwei neue Biografien zu Hans Scholl erschienen. In „Ich schweige nicht – Hans Scholl und die Weiße Rose“ (Verlag H.C. Beck) beschäftigt sich Autor Jakob Knab mit dem Umdenken Scholls vom fanatischen Mitglied der Hitler-Jugend zum Widerstandskämpfer. Eine Biografie mit dem Titel „Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose“ (Theiss-Verlag) hat Robert M. Zoske veröffentlicht. Darin enthalten sind auch alle Gedichte, die Hans Scholl verfasste. Die Texte der „Weißen Rose“, die die Regimegegner auf Flugblättern verteilten, sind in beiden Büchern enthalten. (esa)

Zur Biografie von Inge Aicher-Scholl

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