Ärztlicher Direktor zur Coronakrise in der Nordoberpfalz: Ganz leichte Entspannung

Es herrscht noch Ausnahmezustand an den Krankenhäusern im Norden der Oberpfalz. Aber aus Professor Christian Paetzels Einschätzung zur Coronakrise lässt sich auch vorsichtiger Optimismus herauslesen.

Professor Christian Paetzel, Chefarzt an den Kliniken Nordoberpfalz
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

"Gleich bis tendenziell leicht rückläufig": Professor Christian Paetzels Einschätzung zum Corona-Patienten-Zugang lässt vorsichtig hoffen. Der befürchtete exponentielle Zuwachs ist nicht eingetreten, die Belastung bei der Kliniken Nordoberpfalz AG bleibt hoch, aber die Mitarbeiter können sie bewältigen. "Wir mussten zuletzt keine neuen Stationen eröffnen." Organisatorisch profitiere die AG von den Häusern in Vohenstrauß und Erbendorf, "in die wir überwiegend covidpositive Patienten zur Kurzzeitpflege verlegen können", erklärt Paetzel.

Professor Christian Paetzel im O-Ton

Dass es auch anders hätte kommen können, zeigen Italien und Spanien. Dort habe der rasante Anstieg die Gesundheitssysteme kollabieren lassen. "Uns haben die rasch ergriffenen Maßnahmen geholfen." Diese seien mit verantwortlich, dass die Infektionsraten langsamer stiegen. Auch in Frankreich und Großbritannien stirbt ein höherer Patientenanteil. Dazu möchte Paetzel keine Einschätzung abgeben. Grundsätzlich spreche der Vergleich aber für das deutsche Gesundheitswesen. "Wir profitieren von unserem Gesundheitssystem. Es zeigt sich, dass wir unsere Krankenhausbetten und vor allem unsere Kapazitäten in der Intensivmedizin dringend brauchen."

Insgesamt hat die Kliniken AG bis Anfang dieser Woche etwa 750 Patienten mit Verdacht auf oder gesicherter Covidinfektion stationär behandelt. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gibt an, dass sechs Prozent der Infizierten intensivmedizinisch behandelt werden müssen. "Diese Quote spiegelt sich auch in unseren Zahlen wider", sagt der Ärztliche Direktor der Kliniken AG.

Weiden in der Oberpfalz

Die meisten Infektionen zeigen allerdings keine oder nur schwache Symptome, oft treten leichtes Fieber und Atemwegsbeschwerden auf. "Unsere stationären Patienten zeigen schwere Atemwegserkrankungen mit Luftnot", beschreibt Paetzel. Gerade bei älteren Patienten kommen manchmal andere Erkrankungen hinzu und sorgen für Komplikationen. Und auch Verläufe wie beim britischen Premier Boris Johnson sind nicht ungewöhnlich: Ein "zweigipfeliger Verlauf mit einer scheinbaren Stabilisierung der Patienten in den ersten Tagen". Nach einer Woche komme es dann zu einer oft raschen Verschlechterung, berichtet Paetzel

Um "Nicht-Covid-Patienten" zu schützen, haben sich die Aufnahmezelte für Covid-Verdachtsfälle bewährt. Auch die stationäre Versorgung erfolge getrennt, wenn möglich in verschiedenen Bauteilen. Das Personal wurde nochmals geschult, "um jede Keimverschleppung zu vermeiden", erklärt Paetzel. Hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nicht: "Grundsätzlich kann das Virus von jeder Person also auch neu aufgenommenen Patienten transportiert werden." Deshalb ist es so wichtig, in der Klinik wie außerhalb das Übertragungsrisiko zu minimieren.

Außerhalb des Krankenhauses tragen die Ausgangsbeschränkungen besonders dazu bei. Paetzel äußert sich zu einer Lockerung dann auch eher zurückhaltend: "Meiner Meinung nach muss sich zunächst die Tendenz des Rückgangs der Infektionszahlen bestätigen." Eine Lockerung dürfe diesen Rückgang nicht gefährden. Das könnte auch bedeuten, dass besonders betroffene Regionen wie die Nordoberpfalz die Schutzmaßnahmen langsamer zurückfahren. "Eine Rückkehr zur völligen Normalität ist für mich noch nicht prognostizierbar", macht Paetzel klar. Schon aus Rücksicht auf ältere Mitmenschen werde noch längere Zeit bedachtes Handeln nötig sein.

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