Ärztlicher Direktor im Interview: "Alle Kräfte für die Katastrophe bündeln"

Die nördliche Oberpfalz ist Corona-Hotspot. Wie geht die Kliniken Nordoberpfalz AG damit um. Ein Interview mit dem Ärztlichen Direktor, Professor Christian Paetzel.

Im Auge der Katastrophe. Das Klinikum in Weiden
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Im Interview spricht der Mediziner über die Herausforderung für Mitarbeiter und Unternehmen. Paetzel erklärt, warum ihn die Belegschaft stolz macht. Und er gibt eine Erklärung zu den zuletzt gestiegenen Todeszahlen im Kreis Tirschenreuth kommen.

ONETZ: Professor Paetzel, wie weit sind ihre Stationen inzwischen vom Normalbetrieb entfernt?

Christian Patzel: Wir halten den normalen Betrieb aufrecht, versuchen dabei aber alle Maßnahmen, die nicht sofort gemacht werden müssen, zu verschieben. Es geht darum, alle Kräfte für diese Katastrophe zu bündeln. Tatsächlich ist es ein sehr beklemmendes Gefühl, wenn man über die Stationen geht. Unsere Ärzte und Pfleger tun dort alles, um diese extreme Situation bestmöglich zu meistern.
Wie lange können Klinik und

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Wie lange können Klinik und Mitarbeiter garantieren, das Aufkommen zu bewältigen?

Wir kommen jeden Morgen zusammen, um die Lage einzuschätzen. Bisher sind wir jeden Tag zum Schluss gekommen, dass wir die Lage beherrschen. Keiner kann sagen, was in den nächsten Tagen ist. Für uns ist es essenziell wichtig, dass sich alle an die Ausgangsbeschränkungen halten. Jeder kann so beitragen, um eine Explosion der Zahlen wie etwa in den letzten Tagen in Spanien zu verhindern.

ONETZ: Es gibt neue Kritik an Krankenhausschließungen vergangener Jahre. Wäre es einfacher, wenn diese Häuser nicht geschlossen worden wären?

Diese Ressourcen werden ja weiterhin genutzt. Wir verlegen gerade bestimmte Patienten nach Vohenstrauß und Erbendorf. Das Problem ist eher das medizinische Personal und das Material. Wir setzen bereits medizinische Fachkräfte ein, die sich freiwillig gemeldet haben. Außerdem leisten unsere Mitarbeiter Außergewöhnliches, bis an den Rand der Leistungsgrenze. Und gerade weil wir im Team bereits krankheitsbedingte Ausfälle haben, macht es mich stolz, zu sehen, was unsere Mitarbeiter auf den Stationen leisten.

Professor Christian Paetzel.

ONETZ: Wie viele Corona-Patienten behandelt die Kliniken AG derzeit auf wie vielen Stationen?

Wir haben uns verständigt, solche Zahlen zu den Patienten nicht zu veröffentlichen. Die Zahl der Stationen ist ebenso schwer zu benennen. Es ist ein großer logistischer Aufwand, den wir betreiben. Das betrifft vor allem die Verdachtsfälle. Diese Patienten müssen alleine isoliert werden. Das Letzte, was wir wollen, ist, dass sich Menschen bei uns im Haus gegenseitig anstecken.

ONETZ: Die Staatsregierung auf mehr Tests, um Infizierte schneller zu entdecken. Was halten sie von dieser Maßnahme?

Das kann sinnvoll sein, wenn auch die Kapazität der Laboren wächst. Derzeit dauert es oft Tage, weil die Labore an Grenzen stoßen. Uns im Haus hilft es sehr, dass wir nun bis zu 100 Tests am Tag in einem mobilen Labor des Bernhard-Nocht-Institut selbst auswerten können. Für die Menschen draußen ist es aber vor allem wichtig, sich gar nicht zu infizieren. Und dafür ist es unerlässlich, sich an die Vorgaben der Ausgangsbeschränkung zu halten. Es ist sehr sinnvoll, dass die Maßnahmen verlängert wurden.

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Bei der Zahl der Neuinfizierten spielt die Testhäufigkeit eine Rolle. Viele kritisieren deshalb die Aussagekraft. An welchen Werten orientieren sie sich?

Es stimmt, diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Ich kann nur raten, sich immer auf die Zahlen der selben Quelle zu beziehen. Aus verschiedenen Gründen unterscheiden sich Werte verschiedener Organisationen. Und es ist wichtig, weniger auf die absoluten Zahlen und mehr die Dynamik, die Änderung der Zahlen zu verfolgen.

ONETZ: Wie bewerten sie die Zahlen. Wann wird sich die Ausgangsbeschränkung widerspiegeln?

Man muss die Zeitverzögerung zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit beachten. Ich hoffe inzwischen jeden Tag, dass man bei den Neuinfektionen etwas bemerkt. Es ist aber nicht klar, wie dieser Effekt aussieht. Möglicherweise ist es schon ein Erfolg, dass wir keine Explosion wie zuletzt Spanien erleben.

ONETZ: Ganz klar sind die Zahlen bei den Corona-Toten. Im Raum Tirschenreuth sind diese stark gestiegen. Der Anteil an den Infizierten ist höher als im restlichen Deutschland. Wie lässt sich das erklären?

Die Fallzahlen in Tirschenreuth sind immer noch zu gering, um diese Prozentwerte verlässlich zu interpretieren. Ich befürchte tatsächlich aber, dass die Werte in ganz Deutschland ansteigen werden. Die Erfahrung zeigt, dass man die Patienten einige Zeit beatmen kann. Bei vielen lässt sich der negative Verlauf aber nicht aufhalten. Unsere Region ist der Entwicklung im Land zwei Woche voraus. Deutschland wird sich vermutlich dem weltweiten Anteil von etwa vier Prozent verstorbener Infizierten annähern. Wir müssen alles tun, um nicht zehn Prozent zu erreichen wie Italien oder Spanien. Dort ist das komplette medizinische System zusammengebrochen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.