„Alle Zivilisationen enden einmal“

Für politische und gesellschaftliche Intrigen ist Robert Harris stehts zu haben. Sie können in Nazi-Deutschland, im alten Rom oder im Vatikan spielen. Jetzt ist der neue Roman des britischen Bestseller-Autors erschienen.

Robert Harris
von Holger Stiegler (STG)Profil

Der zweite Schlaf“ spielt in einem postapokalyptischen Großbritannien, in dem der Priester Christopher Fairfax im Südwesten Englands in eine entlegene Gemeinde geschickt wird, um den dort verstorbenen Pfarrer zu beerdigen. Und dabei stolpert der junge Geistliche in ein Geflecht aus Intrigen, Verschwörungen, Geheimnissen. Ein kurzweiliges Telefonat mit Robert Harris über sein neues Werk, den Kollaps der Zivilisation und seine Liebe zum Schreiben.

ONETZ: Mr. Harris, 1998 haben wir uns über Ihren Roman „Aurora“ unterhalten ...

Richard Harris: Oh mein Gott, ist das lange her …

ONETZ: … und in diesem Zusammenhang haben Sie mir gesagt: „Die Vergangenheit kehrt immer zurück!“ Würden Sie das auch heute, gut 20 Jahre und ungefähr zehn Bestseller später, noch sagen?

Ja, definitiv, da glaube ich fest daran. Wir sind gefangen in einem endlosen Kreis der Geschichte. Die Vorstellung, dass die Welt linear und geradeaus nach vorne läuft, halte ich für komplett falsch. Wir kehren vielmehr immer wieder auf „Start“ zurück und beginnen von Neuem.

ONETZ: Ihr neuer Roman ist in einem Großbritannien nach der Apokalypse angesiedelt. Der Leser fühlt sich ins Mittelalter nach einer totalen Katastrophe zurückversetzt, bis nach etwa 40 Seiten und der Erwähnung von Apple-Produkten klar wird, dass unsere heutige Gegenwart die Vergangenheit im Roman ist. Das klingt nicht gerade optimistisch für die Zukunft …

Nun, der Roman ist eine Dystopie, und da spinne ich eine Geschichte bis zum ultimativen Punkt. Es soll schon auch ein unterhaltsames Buch sein, aber die Grundstimmung ist sicherlich nicht fröhlich oder unbeschwert – das ist schon wahr. Wenn ich zurückblicke, war ich schon immer fasziniert von politischen Strukturen, von Machtstrukturen und den Entwicklungen, wie politische Regime schließlich zu Ende gegangen sind. Und auch alle Zivilisationen enden irgendwann einmal: Schauen Sie sich allein die Ägypter, die Römer, die Maya an. Und ich denke, man muss sich schon auch immer die eigene Zivilisation und Ordnung anschauen, um zu erkennen, ob es Anzeichen gibt, die zu einem Kollaps führen könnten.

ONETZ: Eine Schlüsselpassage befasst sich mit dem Zukunfts-Szenario eines Wissenschaftlers aus dem Jahr 2022 – nämlich mit dessen fruchtlosem Appell, über Notfallmaßnahmen bei einem Kollaps der technischen Zivilisation nachzudenken.

Das ist so. Auch deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Wir sind derzeit einer großen Gefahr ausgesetzt, ein Großteil unseres Lebens spielt sich heute schon in einer digitalen Welt ab. Und wir wissen aus unzähligen Beispielen der jüngeren Vergangenheit, wie verwundbar und leicht zu attackieren sie ist. Wir werden immer abhängiger von Technologien, wir leben in einer absolut revolutionären Zeit.

ONETZ: Wenn von einer „fehlenden Notfallplanung auf Regierungsebene“ die Rede ist, dürfte mancher Leser an Ihren Premierminister und dessen Umgang mit dem Brexit denken. Gewollt?

(lacht) Naja, es war jetzt nicht direkt geplant. Aber natürlich ist es angesichts der aktuellen politischen Lage schon schwierig, ein Buch wie dieses zu schreiben – noch dazu als britischer Autor und bei einer Geschichte, die im apokalyptischen Großbritannien spielt –, ohne dass gewisse Assoziationen geweckt werden.

ONETZ: Historische Epochen spielen bei Ihnen eine große Rolle – Nazi-Zeit, das Römische Reich, Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Jetzt das – zumindest atmosphärische – Mittelalter: Hatten Sie Lust auf etwas Neues?

Nein, nicht direkt. Es ist eine schon etwas ältere Idee. Sie ist entstanden aus meinen Büchern, in denen die römische Geschichte im Mittelpunkt steht. Wir reden oft darüber, was von früheren Kulturen übriggeblieben ist und welche Ruinen der Nachwelt überlassen wurden. Seit sechs, sieben Jahren mache ich mir Gedanken, aber ich habe mit der Thematik einfach noch gewartet. Und ich habe den Eindruck, es war ein guter Zeitpunkt, das Buch genau jetzt zu veröffentlichen.

ONETZ: Viele Ihrer Bücher sind verfilmt worden, in wenigen Wochen läuft die Verfilmung von „Intrige“ unter dem Titel „J’accuse“ an. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Sie – wie hier geschehen – an der filmischen Umsetzung Ihres Stoffes beteiligt sind?

Ich gebe zu, dass ich sehr stolz auf den Film bin, zudem ich das Drehbuch schreiben durfte. Aber es ist vor allem die schauspielerische Leistung, die dem Film etwas Besonderes verleiht. Es ist sicherlich bislang die beste Verfilmung eines meiner Bücher. Ich denke aber auch, dass das mein letztes Drehbuch war.

ONETZ: Wieso das?

Ganz einfach: Ich brenne einfach dafür, Romane zu schreiben. Wenn ich damit fertig bin, „Der zweite Schlaf“ vorzustellen und zu präsentieren oder mich mit Journalisten wie Ihnen zu unterhalten, dann ziehe ich mich erst einmal wieder ins stille Kämmerchen zurück. Dort entscheide ich, was ich nun angreife. Die liebsten Jahre sind mir die, in denen ein neues Buch entsteht.

ONETZ: Also 2020, spätestes 2021 ein neuer Roman?

Möglicherweise. Ich tue, was ich kann. Ich habe in den letzten Jahren auch meine Geschwindigkeit etwas erhöht, Romane zu verfassen. Das treibt mich einfach an. Und für unser nächstes Gespräch warten wir nicht wieder 21 Jahre, o.k.?

Robert Harris: "Der zweite Schlaf" (416 Seiten, 22 Euro, Heyne-Verlag).

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