Appell an Europa-Politiker: Bauern bezahlen teuer für billiges Essen

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Die Lebensmittel in Deutschland sind zu billig, um die Erzeuger davon zu ernähren. Die Bundeskanzlerin bestellte deshalb den Handel zum Rapport. Und die Milchbauern den Weidener EU-Abgeordneten Christian Doleschal.

Europa-Abgeordneter Christian Doleschal (rechts) lauscht den Botschaften des BDM-Chefs Werner Reinl (Mitte).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Europaweit liegen die deutschen Lebensmittelpreise im Mittelfeld. Alles in Butter, könnte man also meinen? Mitnichten, weiß der Bund Deutscher Milchvieherzeuger (BDM). Eine großangelegte Studie der Universität Augsburg bestätigt, dass Milch im Supermarkt aufgrund versteckter Kosten eigentlich das Doppelte wert sei.

"Die Standards werden vor allem in Deutschland immer höher, die Kosten steigen, aber der Preis bleibt gleich", klagt BDM-Kreischef Werner Reinl. Die Folge: Immer mehr kleine Familienbetriebe müssen aufgeben. Also genau verschwinden die bäuerlichen Strukturen, welche die CSU eigentlich erhalten will.

40 Prozent warfen das Handtuch

"Jeder redet von der bäuerlichen Landwirtschaft", sagt BDM-Vertreter Matthias Zahn, aber 8 Prozent der Ferkelerzeuger und 5 Prozent der Milchproduzenten hätten vergangenes Jahr aufgegeben. "Seit wir mit dem BDM anfingen, haben schon 40 Prozent das Handtuch geworfen." "Wir bräuchten ein Stück weit mehr Marktpolitik", fordert deshalb Zahn.

Seit Jahren plädiert die Vertretung der Milchbauern für eine Marktstrategie, die die Produktion drosselt, sobald der Preis droht, wieder ins Bodenlose zu fallen. "Märkte gestalten, statt Krisen verwalten", nennt das auch Werner Reinl. "Mit Anreizen, aber auch Sanktionen haben wir schon einmal gezeigt, dass man eine Krise marktwirtschaftlich regulieren kann."

"Wer die Macht hat, bestimmt den Preis"

Ganz und gar nicht marktwirtschaftlich geregelt sei dagegen das Verhältnis zwischen Erzeugern und Vermarktern: "Es gibt ein eklatantes Missverhältnis zwischen Molkerei und Bauern", sagt Christina Kunz, "wer die Macht hat, bestimmt den Preis." Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht nickt dazu. "Wir lassen diese Lockangebote verbieten, mit denen unter Einstandspreis verkauft wird", sagt Rupprecht.

Das Grundproblem aber sei damit noch nicht gelöst. "Wir bräuchten größere Erzeugergemeinschaften", beschreibt Zahn das Dilemma, "aber wir dürfen maximal 3,5 Prozent der EU-Milch in einer Gemeinschaft bündeln." Deutschland produziere 20 Prozent der gesamten EU-Menge: "Wir können nicht mal für die deutsche Milchmenge eine Gemeinschaft bilden, aber der Handel ist zu 85 Prozent über Aldi, Lidl, Edeka und Rewe gebündelt."

"Wir werden mit Peanuts abgespeist!"

Für die Sektorstrategie 2030 wünscht sich der BDM von der Politik, eine eigene Branchenorganisation gründen zu dürfen: "Bisher ist das nur erlaubt, wenn eine Organisation zwei Stufen beinhaltet", erklärt Zahn, "also Milchbauer und Molkerei oder Molkerei und Handel - wir sagen, dass es eine nur für Bauern geben muss, weil die Interessen zu weit auseinandergehen."

Der noch neue EU-Abgeordnete Christian Doleschal lauscht aufmerksam: "Ich sehe meine Rolle darin, mir eure Position anzuhören und nach Lösungen zu suchen." Er verweist darauf, dass Landwirte seit 2014 für die ersten 30 Hektar etwa 50 Euro mehr und für weitere 16 Hektar rund 30 Euro mehr bekommen - insgesamt werden so rund 7 Prozent der Direktzahlungen eingesetzt, um kleinere und mittlere Betriebe stärker zu fördern. "Um unsere Betriebe zu erhalten, ist die Umverteilungsquote viel zu gering", findet Christina Kunz. "Wir werden mit Peanuts abgespeist!"

"Dann kommen sie zu uns"

Auch in dem neuen "Green-Deal" sieht Doleschal Ansatzpunkte, die höhere umweltpolitische Standards in der EU zu berücksichtigen, "wenn man es schafft, Lieferketten unter Nachhaltigkeitsperspektiven zu sehen und auch den Transport miteinbezieht". Das Problem sei, entgegnet BDM-Vertreter Hubert Meiler, "dass wir es uns leisten können, am Weltmarkt einzukaufen".

Entwicklungsländer seien da ärmer dran: "Wenn der Weizenpreis steigt, verhungern Menschen." Reinl verweist auf den Besuch afrikanischer Milchbauern: "Wir entziehen ihnen mit unserem billigen Milchpulver ihre Existenzgrundlage." Wenn sie aber zu Hause keine Perspektive mehr hätten, "dann kommen sie zu uns".

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