Aufsteigerregion Nordoberpfalz

Die einen wollen sich zur Metropole zusammenballen - andere fordern einen neuen Blick auf ländliche Räume. Dazu gehört Professor Dr. Wolfgang Weber von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden.

Wolfgang Weber fordert einen positiveren Blick auf die Region.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Wir stellen beim Symposium der Akademie Ostbayern-Böhmen bei uns an der Hochschule zehn Thesen vor, die das regionale Selbstbewusstsein stärken", kündigt er die Veranstaltung am kommenden Samstag mit Podiumsdiskussion an der OTH an (siehe Infokasten unten). Zusammen mit seinem wissenschaftlichen Mentor, Professor Dr. Jörg Maier, positioniert sich Weber gegen den Zentrum-fixierten Mainstream: "In der Bundesraumordnung stehen Verdichtungsräume im Fokus", sagt der Wirtschaftsgeograph, "demnach sollen zentrale Orte Entwicklungen befördern." Regionen wie die nördliche Oberpfalz kämen in dieser Betrachtungsweise allenfalls als Restgröße für Freizeit, Erholung und Naturschutz vor. Dabei hätten sich die Landkreise nördlich von Regensburg in den vergangenen 20 Jahren vom kriselnden Zonenrandgebiet zur Aufsteigerregion gemausert.

  • Anfang der 90er Jahre habe es nach der Grenzöffnung eine kurze Phase der Sonderkonjunktur gegeben, danach sei die vom Strukturwandel- Stichwort Porzellan und Textil - betroffene Region wieder in die Krise getaumelt. "Erst mit der IT-Automatisierung, der sich entwickelnden Investitionsgüter-Industrie und den vielen florierenden KMUs wurde eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur geschaffen, die heute weit weniger krisenanfällig ist", sagt Weber. "Wir hatten im Winter teilweise eine Arbeitslosenquote von 15 bis 18 Prozent - heute liegt sie bei 2,4 Prozent."
  • Man befinde sich in der nördlichen Oberpfalz trotz des hohen Industriebesatzes auf dem Weg in die Dienstleistungs- und Bildungsgesellschaft: "Man übersieht, dass Industrieunternehmen wie BHS auch große Dienstleister für Wartung, Service weltweit mit bedeutender Entwicklungsabteilung und Programmierern sind." Ähnliches gelte für das produktionsorientierte Gewerbe, das teils dem Handwerk, teils der IHK oder anderen Verbänden zugeordnet sei. "Auch Ärzte, Steuer- und Unternehmensberater sind nicht als Dienstleister erfasst", erklärt Weber. Dazu komme, dass sich auch die Landwirtschaft mit Pensionen und Hofläden als Direktvermarkter neu aufstellten.
  • "Die OTH entließ bereits 6500 Absolventen als qualifizierten Nachwuchsfür die Region." Als die Hochschule gegründet wurde, habe es geheißen: "Wo sollen die Studenten unterkommen?" Heute stellten sie 6,5 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das komme den immer höheren Qualifikationsanforderungen der Unternehmen entgegen.
  • Die Stadt Weiden habe als Oberzentrum einen Anteil von 80 Prozent sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze in Handel und Dienstleistung. "Hier muss man Antworten auf die Herausforderungen des E-Commerce finden - ist der stationäre Handel vorbereitet mit eigenen Online-Angeboten, spielt er seine Beratungsstärke aus, lässt sich der Einkauf mit einem Erlebnis verbinden?"
  • Die Funktion der Stadtmüsse sich wandeln, um weiter junge Leute anzulocken: "Bahnhofsstraßen waren vor 30 Jahren Prachtalleen, an denen sich Wöhrl oder Hettlage ansiedelten, weil Bahnfahrer zwangsläufig vorbeikamen." Heute müsse man dafür sorgen, dass der Handel zumindest innerstädtisch bleibe. "Kinos sind eine weitere Möglichkeit", sagt Weber.
  • Die Digitalisierungsei eine weitere entscheidende Größe für die Entwicklung ländlicher Räume. Das Homeoffice könne Arbeiten ortsunabhängiger machen. Die Anforderungen durch fortschreitende Automatisierung und den Wegfall gering qualifizierter Tätigkeiten würden ständig steigen: "In der Bleikristall-Herstellung gab es noch 50 bis 60 Prozent ungelernte Arbeitskräfte."
  • Es gebe bei jedem Wandel Gewinner und Verlierer: Entscheidende Standortfaktoren seien Infrastruktur, Ärzteversorgung, die Nähe zum Lebensmittelhandel. "Es findet nicht die große Abwanderung statt, aber eine innerregionale Wanderung."

Vor allem fordert Weber aber: "Wir brauchen ein Regionalmarketing, das unsere Stärken nach außen und innen kommuniziert." Beispiel Arbeitsmarkt: "Eltern kennen oft nur die bekannten Firmen, kleine Mittelständler mit interessanten Angeboten werden selten in Betracht gezogen." Das sei ein Grund für eine Abwanderung aus Mangel an Informationen.

Info:

Zukunftsperspektiven für ländliche Räume

Am Samstag, 16. Februar, um 10 Uhr startet die Akademie Ostbayern-Böhmen ihr Jahresprogramm 2019 mit dem Thema „Zukunftsperspektiven für ländliche Räume“. Gastgeber ist die OTH Amberg-Weiden im Hörsaalgebäude am Hetzenrichter Weg 15 in Weiden – öffentlich und kostenlos.

◘ Dr. Manuel Trummer (Universität Regensburg) beleuchtet „Grundzüge des kulturellen Wandels in ländlichen Regionen seit 1945“.

◘ Prof. Dr. Jaroslav Dokoupil und Prof. Dr. Jiri Ješek (Westböhmische Universität Pilsen) referieren über „ländliche Räume in Westböhmen“.

◘ Prof. Dr. Jörg Maier (Uni Bayreuth) und Dr. Wolfgang Weber (OTH Amberg-Weiden) porträtieren den ostbayerischen ländlichen Raum.

◘ Danach stellen sich alle Referenten einer Podiumsdiskussion. (jrh)

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