Weiden in der Oberpfalz
17.01.2019 - 17:19 Uhr

Auslaufmodell "Kuh an der Leine"

Bis 2030 soll es keine ganzjährige Anbindehaltung mehr geben. Das fordern fünf Molkerei-Verbände aus Bayern und Baden-Württemberg. Der Bayerische Bauernverband (BBV) wehrt sich.

So stellen sich Verbraucher Tierwohl vor: Kreisobmann Karl Bäumlers glückliche Kuh auf der Weide. Bild: Katja Bäumler
So stellen sich Verbraucher Tierwohl vor: Kreisobmann Karl Bäumlers glückliche Kuh auf der Weide.

Im Ziel unterscheiden sie sich nicht so stark: Ob Verbraucher, Molkereien oder Landwirte - alle wünschen sich glückliche Kühe auf der Weide oder im artgerechten Laufstall. Den Weg dorthin beschreiben sie unterschiedlich:

  • Molkereien sehen, gedrängt vom Wettbewerb, bessere Absatzchancen, wenn sich Verbraucher beim Kauf der Milch von der Kuh, die lacht, besser fühlen. Allerdings relativiert Georg Müller, Bereichsleiter Milcheinkauf der Schwarzenfelder Molkerei Bechtel: "Wir richten uns nach dem Markt, nicht nach Verlautbarungen von Verbänden." Fakt sei: "Bei uns bleibt kleine Milch stehen und es gibt bisher keine Preisdifferenzierung." Auf der anderen Seite wolle der Verbraucher wissen, wie die Erzeuger mit Umwelt und Tieren umgingen: "Wir orientieren uns am Markt."
  • Der Bund Deutscher Milchviehhalterformuliert im Positionspapier: "Laufställe werden den Anforderungen an das Tierwohl und die Arbeitswirtschaft in der Milchviehhaltung in der Regel besonders gerecht. Sie ermöglichen artgerechtes Sozialverhalten, erhöhen den Tierkomfort und erleichtern die Arbeitswirtschaft. Mittelfristig ist diese Haltungsform flächendeckend anzustreben."
  • Der Bayerische Bauernverband (BBV) warnt allerdings: "53 Prozent der Betriebe und 26 Prozent der Kühe in der Region haben noch Anbindehaltung", sagt Hans Winter, BBV-Geschäftsstellenleiter in Weiden. Und die meisten hätten keine andere Möglichkeit: "Zum Teil gibt es keine Erweiterungsmöglichkeit, zum Teil fehlt das Geld oder die Zeit wie bei Nebenerwerbslandwirten."

Lebendes Beispiel dafür ist Josef Irlbacher aus Grubhofbei Nabburg. Der Nebenerwerbslandwirt gehört zur Minderheit, die einen Anbindestall noch 2006 modernisierte: "Ich wollte den Weg gehen mit Laufstall und mehr Kühen, habe aber nicht die Flächen vor Ort." Der Anbindestall sei neben seinem Brotjob gerade noch machbar. "Bei einem Laufstall muss eine Arbeitskraft vor Ort sein." Ein auslaufendes Modell, ist sich Irlbacher im Klaren. "Ob meine beiden Töchter aufgeben oder umstellen, steht in den Sternen", sagt er. "Vielleicht lass ich als Hobby die Kühe nach der Rente auf die Weide."

Ein Trio verteidigt Landwirte, die auf die Anbindehaltung angewiesen sind: (von links) Hans Winter, BBV-Geschäftsstellenleiter in Weiden, Leitender Landwirtschaftsdirektor Reinhold Witt und Karl Bäumler, stellvertretender Kreisobmann in Weiden. Bild: jrh
Ein Trio verteidigt Landwirte, die auf die Anbindehaltung angewiesen sind: (von links) Hans Winter, BBV-Geschäftsstellenleiter in Weiden, Leitender Landwirtschaftsdirektor Reinhold Witt und Karl Bäumler, stellvertretender Kreisobmann in Weiden.

Ausbrechende Rinder

Apropos Weide: Klingt pflegeleicht, ist es aber nur in arrondierten Lagen wie im Allgäu: "Man kann nie sicher sein, dass eine Kuh keinen Rappel bekommt und ausbricht", sagt Josef Wittmann, BBV-Geschäftsstellenleiter in Schwandorf. Eine Kuh? Bei Luhe-Wildenau machten sich im November elf schottische Hochlandrinder auf Wanderschaft, konnten wochenlang nicht eingefangen werden. Eines lief in ein Auto, das Rind ist tot, der Fahrer zum Glück unverletzt. "Man kann die Tiere nicht unbeobachtet draußen lassen, dazu gibt es zu viel Verkehr ", ergänzt Irlbacher.Leitender LandwirtschaftsdirektorReinhold Witt bestätigt den Trend: "Heute baut kein Landwirt mehr einen Anbindestall."

Die Zahlen bestätigen das: "Das Programm des bayerischen Staatsministeriums für Landwirtschaft, das Investitionen in Laufställe bis zu einer Investitionssumme von 400 000 Euro mit 30 Prozent fördert, wird gut genutzt." Zurzeit sei die Richtlinie ausgesetzt. Das Budget werde mit dem neuen Doppelhaushalt festgelegt. Auch ein bayerisches Sonderprogramm für kleinere Maßnahmen mit geringeren Auflagen bis zu einer Investitionssumme von 150.000 Euro käme gut an, ergänzt Karl Bäumler, stellvertretender Kreisobmann in Weiden: "Im Bewilligungszeitraum seit 2015 haben allein im Landkreis Neustadt 14 Betriebe auf Laufstallhaltung umgestellt." Dennoch sei das finanzielle Risiko nicht zu unterschätzen: "Es rentiert sich nur, wenn man die Bestände in etwa verdoppelt", sagt Witt. "Im Schnitt hatten die Umsteller zuvor 34, danach 69 Kühe."

Unsichere Nachfolge

Für einen Stallplatz pro Kuh müsse man mit Kosten von 10 000 Euro rechnen. "Alles in allem geht's da um eine dreiviertel Million Euro", gibt er zu bedenken, "die Hofnachfolge ist oft nicht gesichert, da sagen viele, das Geld sehe ich nicht mehr." Dazu komme die Flächenknappheit. "Gerade im Dorf gibt es oft keine Erweiterungsmöglichkeit und die Nachbarn spielen nicht immer mit - ein offener Stall hat mehr Emissionen."

Viele dieser kleinen Betriebe würden die nächsten Jahre ohnehin aufhören. Gerade deshalb, findet BBV-Geschäftsstellenleiter Hans Winter, dürfe man deren Lebenswerk nicht schlecht reden: "Es geht um Wirtschaftlichkeit, aber auch um die Wertschätzung, die ein Landwirt erfährt", erklärt Winter. "Sie haben ein Leben lang nach bestem Wissen und Gewissen gewirtschaftet, wie sie es gelernt haben", fährt er fort, "die Milch ist genauso gut wie die aus dem Laufstall, und das soll jetzt nichts mehr wert sein?" Winter ist froh, dass die Privatmolkerei Bechtel dem Ultimatum des Molkerei-Verbands nicht folgt: "Finanzielle Nachteile für die Milch aus Anbindehaltung würden viele nicht verkraften."

Info:

Rangordnung der Kühe

„Wir haben 1994 für 20 Kühe umgebaut“, erzählt Karl Bäumler, stellvertretender Kreisobmann in Weiden. Wegen der Rangordnung, sei es eine Frage der Stallorganisation, rangniedrigere Tiere zu schützen: „Wenn ich genügend Fressplätze habe, gibt es kein Probleme.“ Bäumler ist pragmatisch: „Wenn eine Kuh rindert und besamt werden soll, ist sie unter Stress – dann wird sie angehängt.“ Früher sei es schwieriger gewesen, der Kuh das Kalb wegzunehmen: „Wir haben jeine zusätzliche Absperrung, da kann ich die Kuh wegbringen und das Kalb rausnehmen.“Zur Sicherheit des Nachwuchses habe er eine Abkalbebucht eingerichtet: „Ein Kälbchen hatte Haut über der Nase, wenn ich es nicht rechtzeitig gesehen hätte, wäre es erstickt.“ Auch mit Weidehaltung hat er Erfahrung: „Wenn die Kühe länger draußen sind, hat man allein keine Chance, sie reinzubringen.“ Sie genießten das sehr. „Wir sind immer zu dritt beim Reintreiben.“

 
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