Badespaß trotz Corona: Todesfallen in Seen und Flüssen

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Die Pandemie verändert alles: Mangels Strandurlaub und begrenzten Kapazitäten in den Freibädern zieht es viele an unbewachte Seen und Flüsse. Experten warnen.

Die Kreis-Wasserwacht Schwandorf war beim Hochwasser 2013 mit 28 Einsatzkräften rund 1000 Stunden in Passau im Einsatz und wurde unmittelbar nach Ende des Einsatzes nach Fischerdorf gerufen, wo 81 Einsatzkräfte über vier Tage hinweg etwa 3.500 Einsatzstunden leisteten.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

2019 sind 417 Menschen in Deutschland ertrunken, drei davon in der Oberpfalz. Bisher hat der Corona-bedingte Run auf Badeseen und Flüsse in der Region keine erhöhte Zahl von Opfern gefordert. Dennoch kein Grund zur Entwarnung.

Die meisten der tödlichen Unfälle des vergangenen Jahres ereigneten sich in Seen (200) und Flüssen (120), nur wenige in den von Wasserwacht oder DLRG überwachten Schwimmbädern (11). Von den Ertrunkenen waren 25 Kinder unter 10 Jahren, 27 Flüchtlinge. Die Zahl der Nichtschwimmer steigt. Durch die Corona-Pandemie seien außerdem viele Schwimmkurse ausgefallen, Schwimmunterricht an Schulen konnte nicht durchgeführt werden. In Zeiten geschlossener oder reglementierter Freibäder und „Social Distancing“ zieht es immer mehr Leute an unbewachte, wilde Badestellen.

Erst vergangenen Mittwoch hatte ein Jugendlicher einen 81-jährigen Schwimmer, der das das Bewusstsein verloren hatte, bei Mariaort aus der Naab gezogen. Der Mann verstarb einen Tag später in einem Regensburger Krankenhaus. Häufig führen gesundheitliche Probleme zu Badeunfällen: „Die Wassertemperatur ist deutlich kälter als die des Körpers“, sagt ein Sprecher der Polizei. Nach Information der DLRG ziehen sich Adern bei plötzlichem Temperaturabfall im Wasser zusammenziehen, was vor allem bei alten Menschen zu Bewusstlosigkeit oder einem Herzinfarkt führen kann.

Keine Mutproben

„Mutproben wie Kopfsprünge in unbekannte Gewässer, zu viel Alkohol oder das Überschätzen der eigenen Kräfte führen häufig zu lebensgefährlichen Situationen im Wasser“, sagt Dr. Andreas Spall, Standortarzt der Johanniter in Ostbayern. Besonders gefährdet sind Kleinkinder – für sie werde selbst ein Gartenteich oder ein Planschbecken zum Risiko, wenn sie dort unbeaufsichtigt spielen.

Michael Schmid, Vorsitzender der Kreiswasserwacht Amberg-Sulzbach, warnt vor den Gefahren an unbewachten Freigewässern. Man sollte dort deshalb nie allein schwimmen gehen. Insbesondere Kinder, die noch keine geübten Schwimmer sind, solle man nicht alleine ins Wasser lassen. „Es gibt Stellen, an denen man noch stehen kann, und 30 Zentimeter weiter ist plötzlich eine Kante und es geht in die Tiefe." Auch vor Schlingpflanzen soll man sich in Acht nehmen. Im Landkreis Amberg-Sulzbach gebe es kein einziges Freigewässer, das offiziell Badeweiher sei. Im Landkreis Schwandorf werde unter anderem der Trausnitzer Stausee von der Kreiswasserwacht betreut. „Die sind zwar jedes Wochenende dort, aber auch nur mit einer Minimalbesatzung.“

Wasserwacht Amberg-Sulzbach warnt vor unbewachten Badestellen

Amberg

Retter in Lebensgefahr

„Es ertrinken nicht nur Kinder“, sagt Reinhard Hösl, stellvertretender Bezirksvorsitzender der Wasserwacht Niederbayern-Oberpfalz. „Bei Erwachsenen ist es oft Selbstüberschätzung, wie beim jüngsten Fall oben am Rhein, wo ein Vater seinem Kind nachgeschwommen ist. Der Pfreimder sieht aber durchaus das Dilemma, in dem sich Eltern befinden, deren Kinder in Not geraten. „Das ist ein natürlicher Reflex, seinem Kind zur Hilfe zu eilen, aber wenn es im Fluss nur zehn Meter abtreibt, hat man keine Chance mehr.“ Man bringe sich dann selbst in Lebensgefahr und müsse genau abwägen, womit man dem Kind am besten helfe. „Wenn ich mir das als guter Schwimmer realistisch zutraue, wenn es nur einen halben Meter vom Ufer weg ist oder im Bad sowieso, dann kann ich das machen.“

Allerdings seien viele keine so guten Schwimmer, um auch nur in einem Weiher weit rauszuschwimmen. „Nicht umsonst haben wir unsere Ausbildung“, sagt Hösl und rät Eltern, die sich Sorgen machen: „Wer häufig gerade mit Kindern zum Baden geht, kann bei uns Kurse absolvieren.“ Von Anfängern über Fortgeschrittene bis zu Rettungsschwimmern könne man sich in den Ortsgruppen der Wasserwacht mehr Sicherheit antrainieren. Dass ein Seepferdchen gerade mal dazu reicht, dass sich die Kleinen über Wasser halten können, müsse jedem bewusst sein: „Wenn ein Kind aus dem Schwimmkurs rauskommt, kann‘s nicht schwimmen, es muss mindestens einmal in der Woche üben.“

Bäder erhalten

Um die nächste Generation fit für den Badespaß zu machen, seien Hallen- und Freibäder unerlässlich: „Überall dort, wo wir die Möglichkeit haben, Schwimmkurse abzuhalten, ist die Zahl der Kurse konstant hoch“, sagt Hösl, „an anderen Orten ist sie rückläufig.“ Im Landkreis Schwandorf sei glücklicherweise noch kein Bad geschlossen worden. „Aber wenn sie in ein gewisses Alter kommen, wird immer häufiger die Frage gestellt: ,Können wir uns das leisten?‘“ Die Wasserwacht sei da hinterher: „Wir loben jeden Bürgermeister, der in sein Bad investiert“, sagt er augenzwinkernd.

Die Corona-Hygiene-Konzepte hält der überzeugte Wasserwachtler für unerlässlich. „Am Samstag hat das Freibad in Perschen aufgemacht, die Konzepte funktionieren, die Leute freuen sich und halten sich an die Regeln.“ Und er plädiert: „Der Badetod ist ein leiser.“ Das sei nicht wie im Film, wo ein Ertrinkender minutenlang schreie und wild um sich schlage. „Auf einmal ist einer weg.“ Deshalb sollte jeder den Nächsten im Blick behalten, das könne Leben retten.

Ausbildung bei der Wasserwacht zum Rettungsschwimmer.
Tipps von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG):

So baden Sie sicher

Achim Wiese, Pressesprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), erklärt die wichtigsten Regeln:

  • Springen Sie nie in unbekannte Gewässer – egal ob Teich, See oder Meer. Es besteht Verletzungsgefahr z.B. durch Felsen.
  • Baden Sie nur, wo es eine Aufsicht gibt. Gibt es keine, schauen Sie, wo Leute im Wasser sind, fragen Sie, wo es tief wird.
  • Kühlen Sie Arme und Beine ab, bevor Sie ins Wasser gehen. Nie mit vollem oder leerem Magen schwimmen.
  • Nichtschwimmer sollten nur bis zur Brust ins Wasser.
  • Haben Sie ein wachsames Auge auf Menschen, die nicht gut schwimmen können, damit Sie im Notfall schnell Hilfe holen können. Beispielsweise bei Kindern mit Migrationshintergrund ist Schwimmenlernen in den Herkunftsländern oft nicht üblich.
  • Am Fluss: Baden Sie nicht in Flüssen! Die Strömung (im Rhein z.B.10 km/h) kann man nicht sehen aber sie kann einen Erwachsenen mitreißen. Durch Schiffe und an Brückenpfeilern können sich gefährliche Strudel bilden.
  • Am See: Vorsicht am Baggersee! Das Wasser ist lange flach und plötzlich fällt der Boden ab. Schwimmen Sie in Seen nicht zu weit vom Ufer weg. Es gibt Temperaturschichten mit teils mehr als zehn Grad Unterschied, das kann Kreislaufbeschwerden und Krämpfe auslösen.
  • Am Meer: Flaggensignale der DLRG beachten. Gelbe Flagge heißt: Gefahr insbesondere für Kinder und Nichtschwimmer. Rot: absolute Lebensgefahr! Badeverbot. An Nordseestränden (mit Ebbe und Flut) stehen Badezeiten auf Schildern. Meiden Sie Buhnen oder Steinwälle – gefährliche Strömungen sind möglich. Nie auf einer Luftmatratze ins Meer – ablandige Winde können Sie nach draußen treiben.
  • Am Pool: Selbst für einen Pool oder Gartenteich gilt: Kinder nie unbeaufsichtigt lassen. Sie können schon in zehn Zentimeter tiefem Wasser ertrinken.
  • Falle Badesee: Mal eben kurz ins Schwimmbad – in diesem Sommer geht das nicht: wegen der Corona-Regeln. Umso mehr Menschen weichen deshalb auf frei zugängliche, unbewachte Gewässer aus. Und die sind gefährlich – besonders für ungeübte Schwimmer!

Vor allem Kinder schweben nach Angaben der DLRG in besonderer Gefahr zu ertrinken: Im vergangenen Jahr kamen bundesweit 17 Kinder im Vorschul- und acht im Grundschulalter im Wasser ums Leben. Und auch in diesem Jahr ist es wieder zu tragischen Unfällen gekommen, so wie am vergangenen Wochenende.

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