BHS Tabletop nach dem großen Stellenabbau: Nur noch Scherben?

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250 Stellen will der nordbayerische Hotelporzellan-Hersteller BHS Tabletop abbauen. Dass es um die Aktiengesellschaft nicht gut steht - legt ausgerechnet die Reaktion der Gewerkschaft auf den bis 2021 geplanten Stellenabbau nahe.

Das Fabrikgebäude mit dem Übergang über die Bahnhofstraße gehört zu Weiden wie Josefskirche und Max Reger. So schwer wie jetzt war nur selten eine Phase in der Geschichte des Traditionsunternehmens
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Die Bombe platzt um 16.40 Uhr. Um diese Zeit verschickt die börsennotierte BHS Tabletop AG die Ad-hoc-Mitteilung, wie es das Aktienrecht bei folgenreichen Unternehmensentscheidungen vorschreibt. Folgenschwer dürfte die Entscheidung tatsächlich vor allem für die Beschäftigten sein: 250 Stellen fallen weg - bei derzeit 1100 BHS-Beschäftigten entspricht das immerhin knapp 23 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland.

In der Mitteilung des Unternehmens heißt es zwar, der Abbau solle "möglichst sozialverträglich" erfolgen. Allerdings sei auch klar, dass ein solcher Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen kaum möglich sein wird. Wie viele Kündigungen an welchen Standorten nötig sein werden, lasse sich allerdings noch nicht sagen. Dazu wird es in den kommenden Tagen und Wochen Gespräche zwischen Unternehmensspitze und Betriebsrat geben, hieß es aus der Pressestelle.

Eher erleichtert als entsetzt

Die Belegschaft selbst wurde zeitgleich über die Pläne informiert: Trotz der schlechten Nachrichten habe die Belegschaft eher gefasst reagiert. "Man hatte das Gefühl, viele waren erleichtert, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist", sagt ein Mitarbeiter am Tag danach. Dass es um den eigenen Arbeitgeber nicht gut steht, muss jedem Beschäftigten klar gewesen sein, der in den letzten Wochen mit offenen Augen durch den Betrieb ging.

Nachdem Corona die gesamte Gastronomie zum Schließen zwang, sei praktisch über Nacht auch das Geschäft des auf Hotel- und Gastroporzellan spezialisierten Unternehmens zusammengebrochen. Mitarbeiter aus der Verwaltung berichten von Tagen, an denen praktisch kein Auftrag beim Unternehmen einging - vor Corona undenkbar. Einzelne Mitarbeiter befinden sich seit Monaten zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Nun scheint auch dies nicht mehr ausreichend, um die Finanzen zu entlasten.

Denn die Aktiengesellschaft hatte schon vor Corona zu kämpfen. Unter anderem hohe Personalkosten und Auflagen in Deutschland belasten das Geschäft und bedeuten gegenüber der Konkurrenz aus der Türkei, Großbritannien oder den arabischen Ländern einen bemerkenswerten Nachteil. Mit der ab 2021 fälligen CO2-Steuer, steht für das Unternehmen mit energieintensiver Produktion der nächste Nachteil gegenüber der Konkurrenz an. Und die Wettbewerber aus Großbritannien, dem Mittleren Osten und aus Fernost seien "noch agiler geworden und nicht mehr nur 'billig'", heißt es in der Mitteilung des Unternehmens, in der die Verantwortlichen gar nicht versuchen, die Probleme alleine auf Corona zu schieben. Statt dessen gibt es Zweckoptimismus: "Die BHS wird auch morgen noch ein fester Bestandteil der nordbayerischen Wirtschaftsstruktur sein. Dafür muss sie allerdings widerstandsfähiger und strukturell effizienter werden", wird Vorstandsvorsitzender Gerhard Schwalber darin zitiert. Neben dem Stellenabbau setzt das Unternehmen auf Automatisierung und Digitalisierung.

Lob der Gewerkschaft

Was dies konkret bedeutet, bleibt zunächst unklar, denn auf Nachfragen gibt es auch am Freitag keine weitere Antworten, sondern nur den Verweis auf die Erklärung vom Vortag. Auch die Nachfrage zu den Folgen für den Standort Weiden bleibt unbeantwortet. "Der geplante Unternehmensumbau wird bis Ende 2021 alle Standorte in Nordbayern sowie alle Unternehmensbereiche umfassen: von der Produktion über die Logistik bis hin zu Vertrieb, Marketing und Verwaltung", heißt es wie in der Pressemitteilung vom Vortag. Auch der Gesamtbetriebsrat ist bei der Suche nach Antworten keine Hilfe. Am Freitagvormittag heißt es, die Mitglieder besprächen die Lage, später hebt unter der Nummer der Arbeitnehmervertreter niemand das Telefon ab.

Wie schwer die Situation des Unternehmens sich aus Arbeitnehmersicht tatsächlich darstellt, lässt sich aus der Reaktion der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) Nordostbayern vom Freitag ablesen. Diese klingt tatsächlich mehr erleichtert als entsetzt: "Das Wichtigste für die IG BCE ist, dass die Standorte in Schönwald, Selb und Weiden gesichert werden und die Produktionsbetriebe in Nordostbayern aufrechterhalten werden", wird darin die zuständige Gewerkschaftssekretärin Iris Schopper zitiert. "Ich bin beruhigt, dass das Unternehmen weitere Investitionen tätigt, um die Produktion zu flexibilisieren und um die Digitalisierung voranzutreiben."

Das Unternehmen BHS Tabletop habe sie in den vergangenen Jahren als "sozial, wohlwollend und verantwortungsvoll" kennengelernt. Oberste Priorität bleibe, "dass alles gerecht und sozialverträglich zugeht". Durch den Abbau sei "die Personaldecke auf Kante genäht". Eine gesunde Fortführung des Unternehmens sei nur möglich, wenn das Unternehmen attraktiv für Fachkräfte bleibe.

Hintergrund:

Die BHS Tabletop AG ist...

  • ist 1998 aus den Unternehmen Bauscher, Hutschenreuther und Schönwald entstanden.
  • ist an der Börse Frankfurt vertreten, die Mehrheit hält seit 2017 die Serafin Unternehmensgruppe. Im Streubesitz finden sich rund 12 Prozent der Aktien.
  • beschäftigt derzeit rund 1100 Mitarbeiterin Schönwald und Weiden (jeweils Produktion) sowie in Selb (Verwaltung)
  • erzielte im Jahr 2019 einen Umsatz von 121 Millionen Euro.
  • ist aktuell (Stand Freitag, 16 Uhr) 47,78 Millionen Euro wert.

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