CO2-Steuer setzt Keramikindustrie in der Oberpfalz zu

Klimaschutz wird es nicht umsonst geben. Der Oberpfalz könnte er noch mehr Arbeitsplätze kosten. Die Führung der BHS-Tabletop AG sieht die neue Gesetzgebung mit Sorge.

Der Porzellanbrand im Ofen sorgt für jede Menge CO2-Ausstoß und künftig für neue Kosten. Das setzt die Unternehmen in der Region unter Druck.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Wie sehr setzen die Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung die Wirtschaft in der Oberpfalz unter Druck? Der Schock über das Aus des Continental-Werks in Roding (Landkreis Cham) ist noch nicht verdaut, da meldet sich in Weiden der nächste große Arbeitgeber. Zwar betonen die Vorstände der BHS-Tabletop AG ganz ausdrücklich, dass akut keine Arbeitsplätze in Gefahr sind.

Mittelfristig gehe es aber sehr wohl um die Zukunft der Produktionsstandorte des Unternehmens in Weiden, Selb und Schönwald und damit um "1000 Mitarbeiter in einer strukturschwachen Region", wie es in einer Erklärung des Unternehmens heißt.

Und das Problem betreffe nicht nur BHS-Tabletop, sondern alle Unternehmen der keramischen Industrie, die in Nordostbayern immer noch wichtiger Arbeitgeber ist. Im Wirtschaftssektor "Glaswaren und Keramik" arbeiteten im Jahr 2017 laut bayerischem Wirtschaftsministerium in der Oberpfalz noch mehr als 9000 Menschen, ähnlich viele waren es in Oberfranken. Die beiden Bezirke sind für die Branche die wichtigsten Bezirke.

1,5 Millionen neue Belastung

Während es beim Automobilzulieferer Continental der Trend zur Elektromobilität ist, der das Werk in Roding mittelfristig überflüssig macht, schauen die BHS-Vorstände sorgenvoll auf das Brennstoffemissionshandelsgesetz, das der Bundestag am 8. November beschlossen hat. Diese CO2-Steuer legt einen Preis je ausgestoßener Tonne CO2 fest - zunächst 10 Euro je Tonne ab 2021.

Bis 2025 soll der Preis auf 35 Euro, anschließend weiter bis 60 Euro je Tonne steigen. Dieser Tarif würde die Aktiengesellschaft "mit etwa 1,5 Millionen Euro zur heutigen Situation zusätzlich belasten", rechnet Finanzvorstand Gernot Egretzberger im Redaktionsgespräch vor.

Keine Alternative zum Gas

Die drohende Zusatzbelastung ist für das Unternehmen und die gesamte keramische Industrie deshalb so kritisch, weil es auf absehbare Zeit keine Alternative gibt, erklärt Produktionsvorstand Rainer Schwarzmeier. Der größte Anteil des CO2-Ausstoßes entstehe beim Brennen des Porzellans im 1400 Grad heißen Ofen. "Die verbrauchte Energie ist Prozessenergie", erklärt Schwarzmeier. Durch das verbrennende Gas werden chemische Prozesse ausgelöst, die für die Porzellanherstellung notwendig sind. In einem durch Strom beheizten Ofen könne das Unternehmen schon aus eben diesen chemischen Gründen seine jährlich 35 Millionen Stück Porzellan nicht fertigen, sagt Schwarzmeier weiter.

Albert Rupprecht (Zweiter von rechts) soll helfen: Den BHS-Tabletop-Vorständen Rainer Schwarzmeier (von links), Gernot Egretzberger und Gerhard Schwalber macht die beschlossene CO2-Steuer Sorgen.

Umwelt gewinnt nicht

Schon heute leide die Industrie in Deutschland unter "nicht mehr wettbewerbsfähigen Strompreise", dazu stehen Investitionen in die Digitalisierung an. Wenn hierfür Kapital fehlt, profitiere letztlich nicht die Umwelt, sondern die Wettbewerber ergänzt Vorstandsvorsitzender Gerhard Schwalber. "Würden wir aufhören, in Deutschland Porzellan zu produzieren, würde das auf die Nachfrage nach Porzellan keinen Einfluss haben." Die Hauptkonkurrenten von BHS-Tabletop produzieren laut Schwalber in Großbritannien, der Türkei oder auf der arabischen Halbinsel. "Das sind alles keine Länder, die für ihre Umweltstandards bekannt sind." Schwalber ist deshalb überzeugt, dass die Umwelt nicht von einem Aus der Produktion in Deutschland profitieren würde.

28 Prozent gesenkt

Die AG habe an ihren Standorten in der Oberpfalz und in Oberfranken massiv investiert, auch und gerade um umweltschonender zu produzieren. In den vergangenen zehn Jahren habe das Unternehmen seinen CO2-Ausstoß um 28 Prozent senken können. Damit stoße es aber aus den genannten Gründen nun an technische Grenzen.

Härtefallregelung möglich

Hoffnung macht den drei BHS-Vorständen der CSU-Bundestagsabgeordnete Albert Rupprecht. Zwar ist das Gesetz bereits beschlossen, der Text sehe aber ausdrücklich Härtefallregelungen vor. "Und in meinen Augen ist das hier ein Musterbeispiel für einen solchen Härtefall", sagt Rupprecht. Er sagt aber auch, dass die Zeit drängt. "Es ist schon ungewöhnlich, dass ein solch großes Vorhaben in einer solchen Geschwindigkeit abgearbeitet wird", erklärt Rupprecht zu dem Gesetz.

Auch Schwalber schätzt, dass wohl schon der "Dezember der entscheidende Monat sein wird". Auch dieses Tempo sehen die drei Porzelliner-Vorstände mit Skepsis. Eine solche Hektik sei bei einer solch weitreichenden Entscheidungen Fehl am Platz.

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Kommentare

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Peter Kasseckert

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26.11.2019
Maria Estl

Zu den Klagen der BHS Tabletop über die CO2 Bepreisung fallen mir folgende Fakten ein:
Energieintensive Betriebe profitieren heute schon von enorm reduzierten Strompreisen, so müssen sie wenig oder keine EEG Umlage zahlen und auch die Netzentgelte fallen geringer aus: Stichwort „Atypische Netznutzung“ oder „Intensive Netznutzung“. Diese Regelungen scheinen MdB Albert Rupprecht, CSU, nicht bekannt zu sein, sonst würde er auf die Klagen der BHS Tabletop anders reagieren. Was mich auch irritiert, noch im Jahr 2018 erklärte BHS-Vorstandschef Christian Strootmann gegenüber dem Neuen Tag „Unser absolut wettbewerbsfähiges Leistungspaket stimmt mich für die Zukunft zuversichtlich."
Dass die CO2 Reduktion nach dem Verursacherprinzip geregelt werden muss, ist ja wohl gerechtfertigt. Wer sündigt, muss zahlen, ein ganz altes, bewährtes Prinzip. Und die Betriebe haben die Möglichkeit das Sündigen zu vermeiden, denn sie können mit dem Geschäftsmodell PPA gegensteuern. PPA heißt Power Purchase Agreement. Gemeint sind damit langfristige, bilaterale Stromlieferungsverträge, die zwischen einem Verkäufer (Anlagenbetreiber) und einem Käufer (Stromabnehmer – bspw. Energieversorger oder industrieller Großverbraucher) geschlossen werden. Ein solcher Vertrag regelt die Lieferung einer Strommenge zu einem festgelegten Preis oder einem gleichwertigen finanziellen Ausgleich. Wird der Vertrag zwischen einem Windpark und BHS abgeschlossen, gilt der gelieferte Strom als CO2 frei.
Vielleicht schauen sich die BHS Manager und auch Albert Rupprecht mal bei Euwid um, dort gibt es die erforderlichen Infos (https://www.euwid-energie.de/geschaeftsmodell-power-purchase-agreement-ppa-potenzial-zum-megatrend/). Und wenn es keine WKA gibt, von denen man Strom beziehen kann? Auch da gibt es eine einfache Maßnahme: 10H in Bayern abschaffen und Windkraft an Land ausbauen. Die Salzgitter AG macht es bereits vor, sie setzt auf Wasserstoff und Windstrom bei der Stahlproduktion - allerdings nicht in Bayern.

23.11.2019