Coronakrise: Schwere Last auf der Seele

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Wegen dem Virus daheim sitzen, vielleicht sogar allein: Das verkraften schon Gesunde auf Dauer nicht gut. Die Psychotherapeuten machen sich daher nicht nur Sorgen um ihre Patienten.

Wer ohnehin psychisch angeschlagen ist, leidet unter der Coronasituation besonders. Und dann fehlt auch noch der direkte Kontakt zum Therapeuten.
von Frank Stüdemann Kontakt Profil

Die Kontaktbeschränkungen für die Menschen in der Coronakrise könnten Psychotherapeuten zufolge zu einem Anstieg von psychischen Erkrankungen führen. Hans-Dieter Klar, Therapeut in Weiden, sagt, die anhaltende Ausnahmesituation sei „gerade für Sensible eine Bedrohung, etwas Unheimliches". Er geht daher davon aus, dass die Krise etliche Menschen traumatisieren wird, und zwar nicht nur jene, die bereits psychische Vorerkrankungen haben. "Da wird es noch eine Welle von Betroffenen geben, die therapeutische Hilfe brauchen", so Klar. Er stelle fest, dass sich schon jetzt mehr Patienten bei ihm melden, weil sie besorgt sind und Redebedarf haben. Der Haken: Neue Patienten aufnehmen konnte er, wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen, schon vor der Viruskrise kaum - die Kapazitäten sind ausgelastet, die Wartelisten lang.

Von einem verstärkten Redebedarf seiner Patienten merkt Dr. Christoph Schrems derzeit zwar noch nichts. Der Arzt für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin praktiziert in Ilsenbach (Püchersreuth, Kreis Neustadt/WN) rechnet aber ebenfalls damit, dass die Corona-Ausgangsbeschränkungen noch für neue psychische Problemfälle sorgen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) beschreibt die Risiken für bisher gesunde Menschen so: "Andauernde Gefühle von Unsicherheit, Angst und Isolation erzeugen Stress und sind ein Risikofaktor für Gesunde," sagt Vorstandsmitglied Iris Hauth. Mögliche Folgen könnten Schlafstörungen, Angststörungen oder depressive Gefühle sein.

Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, sieht angesichts der Coronakrise die Therapeuten unter massivem Druck. "Die Versorgungsqualität geht gerade in den Keller", sagt er der Düsseldorfer "Rheinischen Post" (Freitag) mit Blick auf das derzeit eingeschränkte Angebot in psychiatrischen Kliniken und Praxen. Diese würden planbare Behandlungen verschieben und Termine reduzieren, um die Versorgung von Akutpatienten zu garantieren.

Weg zum Therapeuten blockiert

Menschen mit Depressionen hätten im Moment besonders stark zu kämpfen: "Durch die krankheitsbedingte Interesse- und Antriebslosigkeit fällt es sehr schwer, den Tag zu strukturieren, mit der möglichen Folge, dass die Betroffenen auch tagsüber grübelnd im Bett liegen", sagt Hegerl. In Zeiten der Ausgangsbeschränkungen haben sie noch ein weiteres Problem - ihre Therapeutin oder ihren Therapeuten dürfen sie derzeit nicht einfach so besuchen. Laut Allgemeinverfügung der Staatsregierung ist unter anderem geregelt, dass der Besuch nur noch erlaubt ist, wenn dies "medizinisch dringend erforderlich" ist - im Unterschied etwa zum Besuch beim Hausarzt, der ohne Einschränkung weiter möglich ist.

Sprechstunde per Video

"Wir sind von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern angehalten, jetzt per Online-Videokonferenz mit unseren Patientinnen und Patienten zu sprechen", sagt Psychotherapeut Klar. Da eine reine Telefon-Therapiestunde nicht abgerechnet werden könne, bleibe der Griff zum Hörer eine "Goodwill-Aktion" seitens der Therapeuten, sagt Klar. Die Regelung der KVB nennt er einen "rein bürokratischen Akt", zumal es Bundesländer gebe, in denen die Abrechnung von telefonischen Therapiestunden erlaubt sei. Überdies tauchten mit den Videosprechstunden immer wieder technische Probleme auf.

Wer Hilfe braucht, wird lange warten müssen

Deutschland & Welt

Auf das Thema angesprochen, will Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der Bayerischen Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten (PTK) in München, beruhigen: "Unsere Therapeuten telefonieren mit ihren Patienten in jedem Fall, wenn das dringend erforderlich ist." Da es aber schon jetzt zu erheblichen finanziellen Ausfällen in den Praxen komme, sei es dringend erforderlich, dass eine gerade in der aktuellen Krisensituation wichtige Leistung auch abgerechnet werden könne. Probleme mit den Videosprechstunden sieht auch Melcop: "Falls Praxen zu diesem Zweck zusätzlich Webcams oder Headsets benötigen sollten, sind viele Modelle derzeit nicht oder nur mit erheblichen Verzögerungen lieferbar." Aber selbst wenn die technischen Macken nicht wären: Nicht jeder Patient, der in dieser Ausnahmesituation Hilfe braucht, hat eine ausreichend gute Internetverbindung - ein Problem vor allem in ländlichen Gebieten wie der nördlichen Oberpfalz. Und gerade ältere Menschen haben oft keinen PC oder ein Smartphone, um eine solche Videosprechstunde mit dem Therapeuten wahrnehmen zu können.

Häusliche Gewalt

Dr. Schrems sieht durch die wegen Corona eingeschränkte Bewegungsfreiheit ein weiteres Problem: "Gerade Familien, die auf engerem Raum zusammenleben, und wo häusliche Gewalt bereits ein Thema war, könnten darunter leiden", sagt Schrems. Auch der Opferhilfeverein Weißer Ring befürchtet zunehmende Fälle häuslicher Gewalt. Stressfaktoren seien auch finanzielle Sorgen oder Zukunftsängste: "Diese Spannung kann sich in Gewalt entladen", sagt der Bundesvorsitzende des Vereins, Jörg Ziercke. Der Weiße Ring fordert Familien, Nachbarn und Bekannte zu gegenseitiger Achtsamkeit auf.

Schrems hat noch ein paar generelle Anregungen: "Ich kann nur jedem raten, häufiger rauszugehen als sonst: dreimal eine halbe Stunde pro Tag mindestens." Den Tag gut strukturieren, mit Freunden mehr denn je in Kontakt stehen, per Telefon, Whatsapp oder Skype, auch das empfiehlt der Arzt. Und der Kreativität freien Lauf lassen: "Wer malen will, soll malen, wer ein Instrument beherrscht, soll musizieren." Mit Patienten habe er schon darüber gesprochen, dass die Coronakrise auch gute Seiten haben könnte. "Mehr Menschen sehen jetzt, was sie wirklich brauchen, was das Wesentliche im Leben ist." Und wie behandelt der Therapeut sich selbst? "Ich sitze mehr am Klavier, greife zur Gitarre, gehen mit dem Hund raus", sagt Schrems.

  • Wer dringend Hilfe braucht, kann sich an das Bezirksklinikum in Wöllershof (Kreis Neustadt/WN) wenden. Hier werden derzeit nur Notfälle stationär aufgenommen, die ambulante Behandlung läuft aber weiter - per Telefon 0 96 02 / 78-74 12.
  • Der Sozialpsychiatrische Dienst der Caritas ist telefonisch und per E-Mail zu erreichen: Telefon 09 61 / 389 050, info[at]spdi-weiden[dot]de
  • Die Koordinationsstelle Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) unterstützt bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz für eine psychotherapeutische Behandlung: 0921/787 765 -40410
  • Die Deutsche Depressionshilfe bietet ein Infotelefon unter 0800/3 344 533 (www.deutsche-depressionshilfe.de)
  • Das Opfer-Telefon des Weißer Rings ist unter der Nummer 116 006 zu erreichen. Weitere Infos auch im Internet unter weisser-ring.de/corona

Sie brauchen Hilfe?

Amberg

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.