Deutsche "werden bewusst als kriminell dargestellt"

Ein Leser kritisiert Polizeimeldungen in der Zeitung. Der Redaktion wirft er vor, bei ausländischen Straftätern werde der "Ball flach gehalten"

Ein fiktiver Einbrecher hantiert mit einem Brecheisen im Keller eines Wohnhauses (gestellte Szene).
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Zwei Polizeimeldungen in der Weidener Lokalausgabe vom vergangenen Samstag. Überschriften: "Polizei fasst mutmaßliche Serieneinbrecher" und "Diebe fast in flagranti" erwischt". Warum, so fragte sich Leser Georg P., werde in dem einen Artikel die Herkunft der Tatverdächtigen genannt, in dem anderen aber nicht?

Er gehe davon aus, meinte der Leser, dass die gefassten Diebe, von denen in dem einen Beitrag berichtet wurde, Ausländer seien. In unserer Zeitung, kritisierte Georg P., werde die Herkunft bei Ausländern "gerne mal verschwiegen", handele es sich jedoch um Deutsche, "wird das betont". P. wörtlich: "Man könnte fast meinen, dass im NT die Deutschen bewusst als kriminell dargestellt werden und im Gegenzug der Ball bei Ausländern flach gehalten wird." Der Leser forderte: Man sollte bei ähnlichen Fällen die Herkunft entweder überall dazuschreiben oder ganz weglassen. Alles andere sei für ihn "eine bewusste Irreführung der Bevölkerung".

Hat Georg P. recht? Was den Vorwurf des Verschweigens angeht: nein. Was die Vermutung anbelangt, dass wir Deutsche "bewusst als kriminell" darstellen würden: ebenso ein entschiedenes Nein. Dass in dem Artikel "Polizei fasst mutmaßliche Serieneinbrecher" von zwei Tätern aus Vohenstrauß die Rede war, stimmt. Das darf man in diesem Fall erwähnen. Wobei zu bedenken ist: Wer aus Vohenstrauß ist, ist nicht automatisch Deutscher. Er könnte natürlich auch eine andere Nationalität haben.

In dem Beitrag "Diebe fast in flagranti erwischt" war bei den mutmaßlichen Einbrechern nur von einem 48-Jährigen und einem 37-Jährigen geschrieben worden. Die Polizei hatte in ihrem der Redaktion zur Verfügung gestellten Pressebericht allerdings erwähnt, dass die Männer aus Tschechien sind.

Der Pressekodex enthält kein Verbot, die Herkunft von Straftätern und Verdächtigen zu erwähnen. Redaktionen sind jedoch verpflichtet, in jedem einzelnen Fall verantwortungsbewusst zu entscheiden, ob für die Nennung einer Gruppenzugehörigkeit ein begründetes öffentliches Interesse vorliegt oder die Gefahr der diskriminierenden Verallgemeinerung überwiegt.

Letztere hat offensichtlich die Redaktionsleitung gesehen und daher auf den Hinweis verzichtet, dass es sich um Tschechen handelte. Im Pressekodex ist festgehalten: "Reine Neugier - egal ob angenommen oder tatsächlich vorhanden, egal, ob individuell oder kollektiv - ist kein geeigneter Maßstab für presseethisch verantwortliche Abwägungsentscheidungen. Auch die Nennung einer Gruppenzugehörigkeit durch Quellen, etwa durch Behörden, entbindet die Redaktionen nicht von ihrer eigenständigen presseethischen Verantwortung."

Noch einmal: Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden. Im Falle der beiden von der Polizei geschnappten Tschechen, so meine Einschätzung, hat ebenfalls öffentliches Interesse bestanden. Insofern wäre die Nennung der Herkunft hier vertretbar gewesen.

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