Diesel-Milchmädchen-Rechnung

Ein Lungenarzt steigt mit einer steilen These in die Diskussion um Dieselfahrverbote ein - 100 Kollegen folgen, der Verkehrsminister springt auf den Zug auf, aber keiner rechnet nach. Außer die "taz" und ein Leser unserer Zeitung.

Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge bei Stuttgart.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Lungenfacharzt Dieter Köhler hatte bei seiner Kritik an EU-Grenzwerten erläutert, ein Raucher nehme bei einem Päckchen pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatmen würde. Die "taz" berichtigte Köhlers Rechnung: Ein Raucher nehme demnach durch Zigaretten erst in 6 bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie der 80-jährige Nichtraucher. Wir sprachen mit dem Umwelttechniker Prof. Dr. Peter Kurzweil von der OTH Amberg-Weiden.

ONETZ: Herr Kurzweil, was sagen Sie zu Köhlers Rechnung?

Prof. Dr. Peter Kurzweil: Um das Rauchen mit de Grenzwerten zu vergleichen, muss man Konzentrationen betrachten. Kämen beim Abbrand einer Zigarette 0,5 mg Stickstoffdioxid (NO2) sofort und vollständig ins Lungenvolumen von 6 Litern, beträgt die Konzentration in der Lunge 0,083 mg/L oder 83 mg/m³ - also das 86-Fache des Arbeitsplatzgrenzwertes und immerhin die Hälfte der tödlichen Dosis. Aber Achtung: Dieser Wert wird nicht erreicht, weil der Raucher viel länger als für einen Atemzug an der Zigarette zieht und in Ruhe etwa 7,5 Liter Luft pro Minute ein- und ausatmet. Am NO2 stirbt er also nicht.

Professor Dr. Peter Kurzweil von der OTH Amberg-Weiden.

ONETZ: Wie relevant ist dann der NO2-Gehalt einer Zigarette?

Prof. Dr. Peter Kurzweil: Der zweifellos schädliche Tabakabbrand ist eine unnötige und vermeidbare Belastung. Lungenkrankheiten, Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, soziale Kosten diese Frage stellt sich. Welchen Anteil NO2 am Siechtum hat, ist aber eine dreiste Frage!

ONETZ: Was bedeutet das für die Diesel-Diskussion?

Prof. Dr. Peter Kurzweil: Benzinautos sind nicht grundsätzlich sauberer als Dieselfahrzeuge und umgekehrt. Die Diskussion um Umweltbelastungen richtet sich einseitig auf Stickstoffoxide (NOx) und in verengter Sicht auf NO2. Doch Verbrennungsmotoren mit Katalysator setzen auch Ammoniak und Lachgas frei. Neben CO2, NOx und SO2 finden sich im Abgascocktail erhebliche Mengen Kohlenwasserstoffe aller Art, darunter die krebserzeugenden PAK, Spuren von Phenolen, Aldehyden, Carbonsäuren und Cyaniden, die in ihrer Gesamtheit anders wirken als Stickstoffdioxid für sich allein. Hinzu kommen Ruß, Schwermetalle, Dioxine und Feinstaub.

ONETZ: Sind die EU-Grenzwerte also sinnvoll oder nicht?

Prof. Dr. Peter Kurzweil: Stickstoffdioxid in Konzentrationen oberhalb von 10 mL/m³ reizt die Schleimhäute, deshalb gilt ein EU-Arbeitsplatzgrenzwert von 0,5 mL/m³ (0,96 mg/m³) für eine 8-Stunden-Arbeitsschicht. Durch langfristige Reizung des Atemtraktes kann eine krebserzeugende Wirkung nicht ausgeschlossen werden. Die tödliche Dosis liegt bei 100 mL/m³ (200 mg/m³), der Außenluft-Grenzwert fordert 0,2 mg/m³.

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ONETZ: Was wäre Ihr Lösungsvorschlag?

Prof. Dr. Peter Kurzweil: Warum wurde das Drei-Liter-Auto kein Markterfolg? Stattdessen bedrohen uns überbreite, aufgeblasene, schwere Karossen - und der Zeitgeist schreit hilflos nach Effizienz und Spritsparen. Die Stickstoffbilanz wird schöngerechnet, obwohl Atome nicht verschwinden können. Jedes Gramm Stickstoff aus der Umgebungsluft, das im Verbrennungsmotor umgesetzt wird, kommt aus dem Auspuff wieder heraus, ein Teil davon in Form von Stickstoffoxiden.
Pathologische Lungenveränderungen durch NO2 aus dem Straßenverkehr sind deswegen nicht die Regel. Aber: NOx aus erdrückend vielen Rohren ist langfristig nicht harmlos. Wir brauchen eine ehrliche Sicht auf das Auto. Daraus ergeben sich neue technische Lösungen für den Fortbestand unserer Wirtschaftsnation.

NT-Leser rechnen besser:

„Nur“ das 25-fache

Auch in seinem Münchener Exil sei er nach wie vor dem ,Neuen Tag‘ verbunden, schrieb unser Leser Harald Winkler noch bevor die „taz“ Köhlers Fehler berichtigte. Daher wolle er auf Unstimmigkeiten in dessen Argumentation hinweisen. „Berechnen wir mit (Anm, d. Red. den korrekten) Zahlen die mittlere Jahresbelastung, auf die sich der Grenzwert von 40µgr/m³ bezieht, so ergibt sich (bei 20 Zigaretten täglich) und einem Atemluftverbrauch von 3650m³/Jahr, eine gemittelte Konzentration von 500µgr x 20 x 365 /3650m³. Das sind 1000 µgr/m³. Der Grenzwert wird nicht um „viele, viele Zehnerpotenzen“ überschritten, sondern um das 25-fache.“

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