Die Doppelmoral der Fußball-Apostel

So sehen hiesige Deutschtürken die Affäre um Özil und Erdogan: "Matthäus schmiert Putin Honig ums Maul"

Leidenschaft schaut anders aus: Dennoch finden viele Deutschtürken die Kritik an Mesut Özil für überzogen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

(jrh) "Zwei Drittel der Deutschtürken für Erdogan", hieß es nach der Präsidenten-Wahl in der Türkei. Stimmt so nur eingeschränkt: Insgesamt leben 2,8 Millionen Menschen mit türkischem Pass oder Wurzeln in Deutschland. Davon waren 1,4 Millionen bei der Türkei-Wahl stimmberechtigt - 50 Prozent nahmen das Recht wahr. Von diesen rund 700 000 Personen entschieden sich 65 Prozent für Erdogan.

Wenn's nach einigen Fußballfans geht, ist auch daran Mesut Özil schuld - genauso wie für das Debakel der deutschen Nationalmannschaft in Russland. Der Arsenal-Star mit der melancholischen Mine und sein Sportsfreund Ilkay Gündogan ließen sich zusammen mit Recep Tayyip Erdogan vor der Wahl ablichten. Das sorgte für Zündstoff, zumal sich Gündogan nur zögerlich dazu äußerte, und Özil bis Sonntag schwieg.

Jetzt also der Paukenschlag: Der 29-jährige Gelsenkirchener tritt als Nationalspieler zurück, kritisiert DFB und Sponsoren und erklärt sein Verhalten so: Aus Respekt für das Amt des Präsidenten habe er die Einladung angenommen, das sei kein politisches Signal gewesen.

Einer, der Erdogan politisch nichts abgewinnen kann, ist Ismail Ertug. Der Amberger Europa-Abgeordnete (SPD) hätte sich von Özil mehr staatsbürgerliches Bewusstsein gewünscht: "Dass wir Demokraten anmahnen, sich mit solchen Leuten nicht gemein zu machen, ist Özil offenbar fremd", traut er ihm kein kritisches politisches Denken zu. "Das ist ein junger Mann, der ist mit der Miss Turkey zusammen - vielleicht will er später mal in der Türkei spielen."

Özils fehlende Haltung sei das eine. Die Reaktionen darauf die andere Seite einer verqueren Debatte: "Was mir stinkt", sagt Ertug, ist die Doppelmoral - Matthäus lästert über Özils Erdogan-Selfie und schmiert Putin Honig ums Maul." Ganz zu schweigen von Uli Hoeneß: "Gerade dieser Steuerhinterzieher ist der allerletzte, der moralische Ratschläge geben sollte." Offensichtlich sei, dass es in allen europäischen Gesellschaften ein Rassismus-Problem gebe: "Solange Benzema, Lukaku, Özil Erfolg garantieren, sind sie einer von uns - wenn nicht, faule Ausländer."Mehtin Türksever, Motor des Inter Bergsteig, des Amberger Kultvereins, der 18 Nationen integriert, hätte sich vom deutschtürkischen Idol mehr Leidenschaft gewünscht: "Wenn ich mich als Fußballer entscheide, für dieses Land zu spielen, muss ich es repräsentieren, die Hymne singen, mir den Arsch aufreißen." Er habe so schlecht gespielt wie die anderen. "Dabei hätte er es allen zeigen können." Umgekehrt hält der 50-Jährige, der als Kind nach Deutschland kam, die Aufregung für überzogen. "Einen Schuldigen für das Scheitern zu finden, ist einfach - die Erdogan-Episode war nur ein kleiner Störfaktor."

Türksever ärgert sich, dass sich die Deutschtürken die vergangenen Monate immer wieder rechtfertigen mussten. Dabei reiche das Thema tiefer. "Obwohl ich Vorzeigetürke bin, merke ich im Alltag, dass ich kein Herr Meier bin - bei der Job- oder Wohnungssuche ist der Name immer noch ein Hindernis." Er rede deutsch, er lebe deutsch, habe seinen türkischen Pass abgegeben, aber keiner könne verlangen, dass er auch seine Werte abgebe. "Wir haben den Wohlstand hier auch mit aufgebaut." Abdullah Ugur, 60, ist seit 24 Jahren deutscher Staatsbürger. Derfrühere Vorsitzende des türkischen Arbeiterkulturvereins in Weidensieht den Fall Özil wie Cem Özdemir: "Als Sportler muss man - noch dazu kurz vor der Wahl - sensibler sein." Er verstehe, dass es aus türkischer Sicht unhöflich gewesen wäre, die Einladung auszuschlagen. Wahrgenommen werde das aber anders: "Man versteht das als Wahlkampfhilfe."

Dennoch findet Ugur, der DFB hätte sich hinter den Leistungsträger stellen müssen. "Jetzt kommen Leute und treten auf den am Boden liegenden Özil ein." Auf das Verhältnis der Deutschen und Türken in Weiden aber wirke sich das Theater nicht aus: "Wir haben hier kein Problem."





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Kommentare

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Irene Kassubek

schwer vermintes Gebiet??

24.07.2018
A. Schmigoner

Der EU-Abgeordnete Ertug hat Recht, wenn er meint "Was mir stinkt", ist die Doppelmoral - Matthäus lästert über Özils Erdogan-Selfie und schmiert Putin Honig ums Maul." Ganz zu schweigen von Uli Hoeneß: "Gerade dieser Steuerhinterzieher ist der allerletzte, der moralische Ratschläge geben sollte." Wie war das bei der WM 1978, als die deutschen Fußballer die argentinische Militärjunta hoffierten? Wie vielen Diktatoren hat Hoeneß die Hand geschüttelt? Viele Weltmeister von 2014 waren satt, konzentrierten sich mehr auf ihre Werbeverträge. Es verging kaum ein Tag ohne entsprechendem Werbespott! Die treffendste Einschätzung hat Özils langjähriger Trainer bei Arsenal, Arsene Wenger abgegeben, der Ihn nach wie vor für einen der besten Mittelfeldspieler Europas hält: Es ist unwürdig Özil zum Sündenbock für das frühe Ausscheiden Deutschlands aus der WM zu stempeln.

24.07.2018