Dubiose Vermittlung von Pflegern: Kliniken Nordoberpfalz reagieren auf Kritik

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Dubiose Vermittler verschicken ausländische Pflegekräfte wie Ware. In einer Recherche des Netzwerks Correctiv tauchen auch die Kliniken Nordoberpfalz auf.

Vietnamesische Pflegekräfte in der Ausbildung.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Von Recherchenetzwerk Correctiv und Jürgen Herda, Oberpfalz-Medien

Die Corona-Pandemie legt ein Brennglas auf ein immer drängenderes Problem: Deutschland gehen die Pflegekräfte aus. Unterbesetzung und ständige Überstunden gefährden nicht nur die Versorgung der Patienten, sie treiben Pflegekräfte aus dem Beruf. Die Lücken sollen dann Pflegekräfte aus dem Ausland füllen. Dass auch die Kliniken Nordoberpfalz AG bei zweifelhaften Unternehmen Mitarbeiter bezog, behauptet nun das Rechercheteam von Correctiv.

Unter dem Titel "Nurses for Sale" (Pflegekräfte zu verkaufen) recherchierten Redaktionen aus fünf Ländern in Europa und Lateinamerika zur Anwerbung ausländischer Pflegekräfte. Correctiv ist ein stiftungsfinanziertes Journalismusprojekt, das Journalismus kostenfrei zugänglich machen will, wie es in der Selbstbeschreibung heißt.

"Nurse for Sale"

Bei "Nurse for Sale" steht der Pflegenotstand im Mittelpunkt, den immer häufiger dubiose Firmen zum Geldmachen nutzen. "Wir können gar nicht schätzen, wie viele Unternehmen sich da tummeln", sagt Isabell Halletz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Ausländische Pflegekräfte. "Es gibt teilweise Einzelpersonen, die selbst ausgewandert sind oder in den Drittstaaten jemanden kennen und dann vermitteln." Das mache die Lage so unübersichtlich.

Bei einem der von Correctiv kritisierten Vermittlerunternehmen sind auch die Kliniken Nordoberpfalz AG in der Kundenkartei. Die Anteile der Aktiengesellschaft teilen sich die Stadt Weiden und die Kreise Tirschenreuth und Neustadt/WN. Der Verbund betreibt eine eigene Pflegeschule. Die reicht aber nicht aus, um den Personalbedarf des 3000-Mitarbeiter-Unternehmens zu decken.

Über Banja Luka nach Weiden

Anfang des Jahres begann eine Gruppe mexikanischer Pflegekräfte ihren Dienst in einer Einrichtung des Unternehmens - zuvor mussten sie auf dem Weg nach Deutschland laut Correctiv einen kuriosen Umweg einlegen: Die Vermittlerfirma QI Consult mit Sitz in Dortmund schickte sie zum Sprachkurs nach Bosnien-Herzegowina.

Anstatt nach dem Unterricht an der Kasse eines deutschen Supermarkts die neu gelernten Wörter anzuwenden, schnappten die Pflegekräfte während ihrer sechs Monate in Banja Luka bosnische Brocken auf. Das instabile Nachkriegs-Land versucht, sich als Ausbildungsstätte für Pflegekräfte mit dem Ziel Deutschland zu etablieren. Arbeitsrechtlerinnen halten zudem Verträge teilweise für rechtswidrig, die der von den Kliniken Nordoberpfalz beauftragte Vermittler mit den Pflegekräften abschloss.

So verpflichteten sich Pflegekräfte, die Kosten ihrer Anwerbung - 15 000 Euro unter anderem für die Sprachkurse - den Kliniken anteilig zurückzuzahlen, wenn sie vor Ablauf von fünf Jahren den Arbeitgeber wechseln. Christiane Brors, Professorin für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht an der Universität Oldenburg sieht diese Klausel als unwirksam. "Das ist moderne Schuldknechtschaft. Wie soll ein Arbeitnehmer, der vielleicht etwas mehr als Mindestlohn verdient, solche Summen zurückzahlen?"

Kliniken AG dementiert

Allerdings: Die Kliniken Nordoberpfalz dementierten eine solche Verpflichtung für ihre Beschäftigten: "Für die an die Kliniken Nordoberpfalz AG vermittelten Pflegekräfte besteht keine Rückzahlungsverpflichtung der Vermittlungsgebühr von 15 000 Euro", teilt Pressesprecher Michael Reindl mit. Man erachte eine Fünf-Jahres-Klausel für nicht zulässig.

Ein Vertreter von QI Consult sagt im Gespräch mit den Correctiv-Journalisten zudem , dass das Unternehmen diese Klausel nur anfangs und in wenigen Fällen verwandt habe und es inzwischen darauf aber verzichte. Derartige Klauseln hingen auch von den Interessen der Arbeitgeber ab. Es sei inzwischen akzeptierter Standard, dass die Pflegekräfte die Kosten ihrer Anwerbung und Integration nicht selbst zu tragen hätten.

Daran halte man sich und begleite die Kräfte auch nach ihrer Ankunft. "Daher kümmern wir uns auch nach Aufnahme der Tätigkeit um unsere Teilnehmer und helfen bei Familien-Visa oder anderen Themen, die der Eingewöhnung in Deutschland helfen", so QI Consult. Bei einer Pilotgruppe habe man den Deutschkurs damals in Banja Luka durchgeführt, weil die Kosten in Deutschland für solche Kurse sehr hoch seien. In Zukunft will das Unternehmen die Kurse schon in den Heimatländern der Pflegekräfte anbieten.

Keine weitere Vermittlung geplant

"Die Integration der internationalen Pflegekräfte bei uns erfolgt zu einem großen Teil über die theoretische und praktische Ausbildung in unserem internen Aus- und Weiterbildungszentrum New Life", teilt der Sprecher der Kliniken Nordoberpfalz weiterhin mit. "Die Pflegekräfte sind hier fester Bestandteil der Klassen der Auszubildenden." Hier erhielten die internationalen Pflegekräfte auch die fachliche Unterstützung bei Abarbeitung ihrer jeweiligen Defizite. "Auch die Möglichkeit, zusätzliche Fortbildungen durchzuführen und sich dadurch fachlich weiterzubilden, besteht", so Reindl weiter.

Das Programmen sei damals als geeignetes Instrument betrachtet worden, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. "Derzeit besteht keine Kooperation mit einer vergleichbaren Organisation oder Teilnahme an einem solchen Projekt." Eine erneute Aufnahme sei nicht vorgesehen.

Pflegekräfte aus dem Ausland sollen den Fachkräftemangel in Deutschland abfedern. Die Arbeitsverträge stehen zum Teil in der Kritik.

Kommentar: Pfleglich behandeln

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Zahlen zur Pflege

  • 1,7 Millionen Pflegekräfte arbeiteten 2018 in Deutschland.
  • Laut Bundesinstitut für Berufsbildung fehlen bis 2035 bundesweit 270 000 Kräfte.
  • Im Jahr 2019 beantragten etwa 12 000 ausländische Pflegekräfte, in Deutschland arbeiten zu dürfen. 2012 waren es weniger als 500.
  • Damit boomt das Vermittlungsgeschäft. Legt man Vermittlungskosten von 10 000 Euro zugrunde, liegt der Markt derzeit bei jährlich 120 Millionen Euro – und dürfte in den kommenden Jahren weiter stark wachsen.

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