Eltern drogenkonsumierender Kinder: Gemeinsam gegen den Kummer

Wird über Drogen gesprochen, geht es meist um Kriminalität. An die Menschen selbst denkt selten jemand. Noch häufiger wird aber vergessen: Hinter jedem Konsumenten stehen Angehörige, die oft viel durchmachen müssen. Drei Mütter erzählen.

Der Zusammenhalt in der Selbsthilfegruppe tut den Eltern gut. Bei gemeinsamen Unternehmungen schöpfen sie neue Kraft für ihren Alltag. (Symbolbild)
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Es sind Geschichten voller Leid, Wut und Scham. Es sind Geschichten voller Hilflosigkeit und Existenzängste. Es sind aber auch Geschichten, die zeigen, dass es irgendwie weitergehen muss. Drei Mütter von drogenkonsumierenden jungen Männern sprechen im Redaktionsgespräch über ihre Erfahrungen, ihre Ängste und das Gefühl, von Gesellschaft und Politik im Stich gelassen zu werden. Sie wollen betroffene Eltern berühren, das Gefühl geben nicht allein zu sein, sie ermutigen aus der Isolation zu gehen und Hilfe zu suchen.

Maria Schmidt, Susanne Fuchs und Andrea Müller (alle Namen von der Redaktion geändert) stecken seit gut zehn Jahren in einem Teufelskreis. Die Söhne haben im Teenageralter begonnen, Drogen zu konsumieren. "Er hatte eine Phase, in der er alles eingeschmissen hat, was er bekommen hat", blickt Andrea Müller zurück. Sie schluckt und erzählt von Nächten, die sie im Auto auf der Straße verbracht hat - auf der verzweifelten Suche nach ihrem Kind, Schmidt erzählt von der Angst, "dass er nicht lebend aus seinem Zimmer kommt". Fuchs fühlt sich betrogen: "Ich habe jahrelang nichts davon gewusst. So viele Menschen wussten Bescheid, keiner hat mit mir geredet. Die Leute wollen sich nicht einmischen."

Es fällt den Frauen schwer, über ihre Söhne und die Drogen zu reden. Trotzdem haben alle drei das geschafft, was viele Angehörige von Drogenkonsumenten nicht können: Sie haben sich eingestanden, dass ihr Kind ein Problem hat, und sie haben sich gleichzeitig selbst Hilfe gesucht. Die Frauen sind Teil einer Selbsthilfegruppe. "Du musst dich irgendwann entscheiden, ob du zu dir zurückkehrst oder selbst untergehst", sagt Schmidt.

Hilfe für Angehörige

Keine Lebensqualität mehr

Einfach war dieser Schritt nicht. Die Frauen sprechen von Co-Abhängigkeit. "Das war als wärst du selbst suchtkrank", beschreibt Schmidt. Ein Teufelskreis: Den Sohn kontrollieren, ihn auffangen, dann wieder nur zuschauen, ihn motivieren. "Fast den ganzen Tag hatte ich meinen Sohn im Kopf. Ich hatte keine Lebensqualität mehr", fährt sie fort, streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Sie habe lernen müssen, in einem gewissen Maß loszulassen. Eine Balance zu finden zwischen Unterstützen und auf sich selbst achten. "Ich habe für einige Zeit den Kontakt komplett abgebrochen." Es sei ihr schwer gefallen. Im Nachhinein sei es aber die richtige Entscheidung gewesen.

Mittlerweile hat Schmidts Sohn ihr erzählt: "Ich werde vermutlich nie ganz auf Drogen verzichten können." Aber sie sagt selbst: "Ich muss das akzeptieren. Für mich ist mittlerweile das wichtigste, dass wir uns treffen, Gespräche führen, die wieder von Herzen kommen." In der Zeit, in der sie versucht hatte, alles zu kontrollieren, sei das nicht möglich gewesen.

Kritik an Gesellschaft

Schwer fällt es den Frauen auch, darüber zu reden, wie Gesellschaft und Politik, mit ihren Söhnen und anderen Drogenabhängigen umgehen. "Es steht immer nur die Droge im Vordergrund. Dabei muss es doch um den Menschen gehen", kritisiert Schmidt. Ihre Stimme wird lauter. Auch an die Angehörigen denke niemand: "Für uns ist das die Hölle", ergänzt Müller und schluckt.

"Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen - von Polizei zum Jugendamt und wieder zurück - niemand hat mir geholfen", beschreibt Müller die Situation, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr Sohn Hilfe braucht. Während sie spricht, kneten ihre Hände ihren Schal. Auch später habe es immer wieder Probleme gegeben. Nach dem Klinikaufenthalt sei dem Sohn zum Beispiel ein Berater zur Seite gestellt worden: "Der hatte leider keine Erfahrungen mit jungen Drogenkonsumenten. Das ganze ging natürlich schief." Ähnliches berichtet Fuchs. In ihrer Stimme ist die Wut deutlich erkennbar: "Mein Sohn wurde in die falsche Klinik zu einer Therapie für Alkoholkranke geschickt. Nach zwei Wochen haben die dort bemerkt, dass das nichts bringt und die Therapie abgebrochen. So etwas darf nicht passieren." Auch gebe es in der Region viel zu wenig Anlaufstellen und Angebote. "Und das in einem Gebiet, das so nah an Tschechien grenzt, wo man ohne Probleme Drogen bekommt", sagt Schmidt.

Für die Mütter ebenfalls unverständlich: Der Umgang der Justiz mit Drogendelikten. "Da werden die jungen Leute zu Geldstrafen verurteilt und wer muss die dann zahlen? Die Eltern." Es gehe dabei auch um Existenzängste. Drogenabhängige Jugendliche verdienen oft kein Geld: "Ich musste mit meinem Gehalt mich und meinen Sohn durchbringen. Kindergeld haben wir keines bekommen", sagt Müller. Auch hier stehe die Sache, das Delikt im Vordergrund - nicht der Mensch, und der sei doch das wichtigste.

Zwei Gesichter

"Eigentlich ist er ein ganz lieber Kerl. Und er ist ein toller Mensch, sensibel und empathisch." Diesen Satz oder so ähnlich, sagt jede Mutter irgendwann einmal im Gespräch. Aber durch die Drogen haben sich ihre Söhne verändert - haben zwei Gesichter. Die Mütter erleben Wutausbrüche und Beschimpfungen. "Das tut tief im Herzen weh", beschreibt Schmidt ihre Gefühle. Trotzdem mussten die Frauen lernen, damit umzugehen - zu erkennen, sie können nur sich selbst und nicht ihr Kind verändern. "Ich hab ihm gesagt, du bist erwachsen und für dein Leben selbst verantwortlich. Du hast ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben", sagt Fuchs.

Und sie mussten lernen zu akzeptieren, dass sie nicht Schuld am Lebensweg ihrer Kinder sind. Auch wenn sie teilweise bis heute nicht wissen, warum ausgerechnet der eigene Sohn angefangen hat, Drogen zu nehmen. Aber sie wissen, dass sie nicht alleine sind: "Die Tür ging auf und ich habe sofort Eltern gekannt. Da wurde mir bewusst, wie klein der Kreis unserer konsumierenden Kinder ist und wie gut die untereinander vernetzt sind", denkt Schmidt an ihre ersten Schritte in der Selbsthilfegruppe zurück. Seitdem geben sich die Frauen gegenseitig Kraft. Durch die moderierte und professionelle Begleitung ziehen sich die Eltern nicht wechselseitig runter. In der Gruppe schöpfen sie neuen Mut für einen liebevolleren Umgang mit sich selbst und ihren Kindern.

Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Drogenberater Gerhard Krones.
Hilfe für Angehörige:

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Drogenberater Gerhard Krones ist Initiator der deutsch-tschechischen Elternwochenenden für Angehörige und Eltern drogenkonsumierender Kinder. Aus diesen Wochenenden ist eine Selbsthilfegruppe entstanden. „Wenn Eltern sich ändern, gibt es Anstöße bei den Kindern, denn Eltern sind lebenslang ein Vorbild“, erklärt Krones.

So lernen die Eltern bei den Wochenenden sowie den Gruppentreffen unter anderem, mit ihren Emotionen umzugehen. In diesem Zusammenhang rät Krones auch im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, emotional nicht überzureagieren. Zum Beispiel, wenn es darum geht, den Drogenkonsum zu thematisieren. Man sollte nicht „lospoltern, beschuldigen oder angreifen“, sagt der Therapeut. Dann würden die Kinder und Jugendlichen abblocken. „Dann kommen Antworten wie ‚ich doch nicht‘.“ Vor so einem Gespräch sei es sinnvoll, innezuhalten und sich mit dem Partner oder jemanden, der sich professionell mit dieser Thematik beschäftigt, auszutauschen.

Fragen zu den Elternwochenenden und der Selbsthilfegruppe beantwortet Gerhard Krones unter GerhardKrones[at]aol[dot]com.

Informationen zum vergangenen Elternwochenende

Weiden in der Oberpfalz
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