Erdäpfl in Ewigkeit

Geschichte und Genuss: Auf der Kartoffelführung in der Weidener Innenstadt erleben und schmecken Gäste die Erdäpfl-Pfalz. Auf der dreistündigen Tour servieren die Stadtführer Wissenswertes zu überraschend kreativen Kartoffelgerichten.

Als Vorspeise gab es im "Edelweiss" im Alten Eichamt in Weiden holländische Poffertjes, Kartoffelrösti und einen cremigen Kartoffeldip.
von Lena Schulze Kontakt Profil

In historischen Gewändern empfangen Richarda Erl und Werner Wilzek ihre Gäste an der Freitreppe vor dem alten Rathaus in Weiden. "Wir wollen euch den Mund wässrig machen", sagt der 77-jährige Stadtführer. Im großen Saal des Rathaus, dem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im mittelalterlichen Weiden, beginnt die historisch-kulinarische Stadtführung.

In historischen Gewändern empfangen Richarda Erl und Werner Wilzek ihre Gäste an der Freitreppe vor dem alten Rathaus in Weiden. "Wir wollen euch den Mund wässrig machen", sagt der 77-jährige Stadtführer. Im großen Saal des Rathaus, dem Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens im mittelalterlichen Weiden, beginnt die historisch-kulinarische Stadtführung.

Leitfrucht: Kartoffel

"Aber zunächst zur Geschichte", sagt die 65-jährige Stadtführerin. Sie erzählt von zwei verheerenden Feuern 1536 und 1540, die Weiden nahezu komplett niederbrannten. Sie erzählt von Pfalzgraf Friedrich von Parkstein, der später die Friedrichsburg in Vohenstrauß brauen ließ, weil ihm Weiden nur Unglück brachte. Von der Erdäpfl-Pfalz war vor 450 Jahren noch keine Rede. Feste feierten die Herren der Stadt mit reichem Büfett: Hasen, Rebhühner, Karpfen, Parmesan, mit Blattgold überzogenes Marzipan. "Das gibt es heute nicht", sagt Wilzek und schmunzelt. Der Oberpfälzer Spruch "Erdäpfel in der Frej (Frühe), mittags in da Brejh (Brühe), af d'Nacht in de Heit (Häute), Erdäpfel in alle Ewigkeit" kommt nicht von ungefähr.

Bildergalerie: Kartoffelführung - Geschichte und Genuss

Stark mitgenommen vom 30-jährigen Krieg und der Pest ist Weiden um 1650 eine arme Stadt, obwohl sie an der "goldenen Straße" liegt. Räuberhorden lauern am Wegesrand, weshalb Kaufleute die Route lieber ändern. Händler und Handwerker in Weiden bleiben ohne Aufträge und verarmen. Was bleibt, ist die ordinäre Kartoffel als Grundnahrungsmittel. So bekommt die Oberpfalz den Beinamen Erdäpfl-Pfalz.

Klassiker und Knollen-Kreationen

Zurück in die Gegenwart: Die Gruppe, größtenteils ehemalige Lehrer des Stiftland-Gymnasiums, rätselt, wie das erste Kartoffelgericht aussehen könnte. Die Führer geben keinen Hinweis, nur Erl verrät: "Sie werden sich wundern. In manchen Gerichten vermutet man die Kartoffel gar nicht!"
Die erste von vier Stationen ist das "Edelweiss" im "Alten Eichamt". "Viele sagen: ,In Weiden is schöi'", berichtet Erl, "aber kaum jemand erkennt, dass das an den baulichen Renaissance-Elementen liegt." Ein besonders gutes Beispiel sei etwa das "Alte Eichamt". Das "Edelweiss"-Team serviert Rösti mit holländischen Kartoffel-Poffertjes (Gebäck, ähnlich wie Pfannkuchen) und Kartoffel-Dip.
Nach einem kurzen Verdauungsspaziergang vorbei an der evangelischen St.-Michaelskirche geht es zur zweiten Station, dem "Heinzelmann". Das geschichtsträchtige Gebäude, das sogenannte "Feste Haus" neben dem Tor am Oberen Markt, erbaute Georg der Reiche von Landshut um 1493. Im ehemaligen Kolonialwarengeschäft, in dem auch der "Stoapfälzer"-Likör seine Geburtsstunde hat, sind auf den Tischen des heutigen Lokals Löffel eingedeckt. Es gibt Kartoffelsuppe.
Im Ratskeller, früher Malzhaus und Brauerei gewesen, gibt es Dotsch im Gulasch und Salat. Besonders gespannt ist du Gruppe aber auf die Nachspeise des Menüs. Die letzte Station ist das "zoe" im sogenannten "Bürgermeisterhaus". Aus diesem Haus, das früher bis zur Stadtmauer reichte, stammt die Familie Vierling. "Die Vierlings sind seit Jahrzehnten im Weidener Stadtrat vertreten und hin und wieder auch Bürgermeister. Daher kommt der Beiname für das Gebäude", weiß Erl. Zum Abschluss der kulinarischen Tour serviert das "zoe" süßen Kartoffelschmarrn mit Apfelkompott und Beeren.

Kartoffel erleben

Auch für die beiden Stadtführer ist es immer wieder spannend, wie wandelbar "da Erdäpfl" ist. "Wir sind die Kartoffel noch nicht überdrüssig". Die historisch-kulinarische Führung bieten Erl und Wilzek seit etwa 10 Jahren, seit fast 25 Jahren sind sie Gästeführer.
Werner Wilzek lernte bei der Eisenbahn und wollte Lokführer werden, als ihn der damalige Pfarrer der Josefskirche für den Mesner-Posten bestellte. Immer wieder beantwortet er Fragen der Besucher über die Kirche. "Eigentlich müsste man mehr darüber wissen", dachte er und machte bei Stadtarchivarin Petra Vorsatz an der VHS die Ausbildung zum Stadtführer. Auch Richarda Erl macht die Gästeführer-Prüfung mit. "Geschichte hat mich schon immer interessiert. Die Kinder waren schon größer und ich hatte Zeit", begründet die 65-Jährige die Entscheidung.
"Die Kartoffelführung ist nicht vergleichbar mit einer gewöhnlichen Stadtführung", weiß sie aus Erfahrung. Die Lokale, als auch die Kartoffelgerichte, wechseln. Das Menü stimmt das Weidener Kulturamt mit den verschiedenen Lokalen ab. "Es geht darum, die Geschichte der Gebäude, in dem die Lokale sind, hervorzuheben und dabei die Kartoffel mit ihren Facetten zu genießen."

Info:

Führungen

Die kulinarische Stadtführung „Rund um die Kartoffel“ ist individuell für Gruppen von 15 bis 20 Personen bei der Tourist-Information Weiden im Alten Rathaus buchbar: Telefon: 0961/814131 oder per E-Mail an tourist-information[at]weiden[dot]de

Wir sind die Kartoffel noch nicht überdrüssig.

Genussführerin Richarda Erl

Sie werden sich wundern. In manchen Gerichten vermutet man die Kartoffel gar nicht!

Stadtführerin Richarda Erl

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