Flucht ins ganz normale Chaos

Diallo ist verdattert. Der Flüchtling versteht die Hartmanns einfach nicht - wieder einmal. Mit großen Augen starrt er auf das nächste Chaos. Dabei könnten sie es so einfach haben.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Als die vierköpfige Familie einstimmig "Willkommen bei den Hartmanns" (Titel des Stücks) schmettert, ist der nigerianische Migrant (Mona Fischer) angekommen und aufgenommen. In Sicherheit vor den Schlächtern von Boko Haram, aber nicht vor Abgründen der gutbürgerlichen Gesellschaft.

Dem Landestheater Oberpfalz (LTO) gelingt mit der Komödie ein großer Wurf. Das Profi-Ensemble seziert sanft die stinknormale deutsche Familie mit Hang zur Vereinsamung und Verwirrtheit mit viel Liebe zum Detail und zu den Figuren. Denn es nicht alles Gold, was wie der Begrüßungsschriftzug glänzt.

"Willkommen bei den Hartmanns": Mona Fischer, Jana Dütsch und Dirk Arlt erzählen über ihr Debüt beim Landestheater Oberpfalz (LTO)

Weiden in der Oberpfalz

Die Bühnenfassung von John von Düffel nach Verhoevens Erfolgsfilm spielt mit den überzogenen Stereotypen, ohne die Figuren künstlich werden zu lassen. In seiner gelungenen Inszenierung führt Till Rickelt das bis zu dem Punkt weiter, an dem die vier dem Premierenpublikum in der Regionalbibliothek vertraut werden. Eine großartige Ensembleleistung macht den hibbeligen Vater im Jugendwahn (Dirk Arlt in Tradition alter Komiker), die zynische, alkoholisierte Mutter (Claudia Lohmann), die Dauerstudentin-Tochter Sophie (Doris Hofmann) mit Loser-Freunden und den ausgebrannten Yuppie-Sohn kurz vor dem Durchdrehen Philip (Julian Struck) einfach sympathisch.

Mona Fischer glänzend

Insbesondere Diallo wächst einem an Herz. Mona Fischers erfrischenden Interpretation des männlichen (!) Flüchtlings mit Herz und lockeren Sprüchen gefällt. Ihr Diallo mit echten Problemen rückt Wohlstandskomplexe ins Absurde, einfach indem er so wunderbar fassungslos auf die Hartmanns blickt. Auf die Frauen, die pilzberauscht mit Sozialarbeiterin Heike (Jana Dütsch als perfekt-emanzipiertes Öko-Abziehbild) eine Party feiern oder auf den Vater, der mit Gelenkproblemen in seiner Teenager-Lederjacke vor seinem jungen Kollegen (David Endress) herumhüpft. Und Fischer ändert mit Leichtigkeit sekundenschnell die heitere Stimmung des Plots. Wenn Diallo nach unzähligen urkomischen Situationen unvermittelt zum Erzähler wird und traumatisiert vom grausamen Schicksal seiner Familie erzählt, sind die Übergänge perfekt und bieten den sogleich angerührten Zuschauern mit einem ebenso schnellen weiteren Tempowechsel eine Chance, wieder Luft zu holen - und viel Stoff zum Nachdenken.

Anderer Blickwinkel

Angesichts langer Integrationsprozesse und drohender neuer Flüchtlingswellen ist es einen Gedanken wert, dass man statt Migranten besser Neuzugänge sagt, dass keine Flüchtlingsgeschichte der anderen gleicht und dass es "Arschlöcher in jeder Religion gibt".

Obwohl ihm Abschiebung droht und er seinen Bruder ins Land holen will, bringt Diallo nebenbei das Leben der vier Vereinsamten langsam wieder auf Kurs. Am Ende klappen Familienzusammenführung und -nachzug doch noch. Aber nicht wie erwartet. Schließlich geht es hier um die Hartmanns.

Termine: 19./20./21. und 22. März; Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice: 0961/85-550, 09621/306-230 09661/8729-0; sowie www.nt-ticket.de

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