Fotos aus dem wirklichen Leben

"Schämen ist angesagt", schrieb uns ein Leser und zeigte sich empört: Die zwei von ihm kritisierten Bilder seien "an Ordinärität und an Obszönität" nicht zu überbieten.

Plößbergs dritte Bürgermeisterin Susanne Bittner und Festleiter Marcus Fritsch beim Anzapfen. Pure Lebensfreude bei der Frau, würde man meinen. Zwei Leser zeigten sich über das Bild entsetzt.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Liebe Leser, Sie sehen die "Aufreger" auf dieser Seite noch einmal. Die eine Aufnahme zeigt eine Szene mit ausgelassenen jungen Leuten, die andere eine Kommunalpolitikerin beim Anzapfen eines Fasses Festbier. Veröffentlicht worden waren die Bilder im Zuge der Berichterstattung über die Veranstaltungen zum 150-jährigen Bestehen der Feuerwehr Wildenau. Der Artikel trug die Überschrift "Mit Schiffschaukel und vielen Schlagern".

Die Fotos "haben bei meiner Frau und mir Bestürzung und Erschrecken ausgelöst", ließ uns ein Leser per Mail an seinem Gemütszustand teilhaben und fügte hinzu: "In nahezu 50 Jahren, in denen wir Abonnenten dieses Blattes sind, waren nach unserer Erinnerung keine Bilder abgedruckt, die diesen beiden erwähnten an Ordinärität und an Obszönität gleichkommen. Superillu haben Sie damit bereits überholt." Eine "ähnliche Wiederholung", drohte der Leser, werde eine sofortige Kündigung des Abos zur Folge haben.

Anderer Ansicht

Wir können es dem Beschwerdeführer nicht ersparen, die von ihm so vehement kritisierten Fotos hier noch einmal zu veröffentlichen. Vor allem aus dem Grund, dass sich andere Leser ebenfalls ein Urteil bilden können. Meines fällt ziemlich deutlich aus: Ich kann die Meinung des Kritikers nun wirklich nicht teilen, bei allem Verständnis für seine Ansichten. Das eine Foto zeigt eine Bürgermeisterin, die sich offensichtlich sehr darüber freut, dass ihr das erste Bieranzapfen ihres Lebens gelungen ist, sie dazu drei Schläge benötigt hat. Die Frau präsentiert sich, als unser Fotograf auf den Auslöser drückt, in Jubelpose mit hochgereckten Armen. Eine Aufnahme, die in meinen Augen einfach nur Lebensfreude ausdrückt.

Zu Bild zwei: drei junge Männer, auf den Schultern des mittleren sitzt eine junge Frau in Netzstrümpfen und obenrum etwas spärlich bekleidet. Sie zieht das Kinn des Burschen mit der linken Hand nach oben, damit der Inhalt der Flasche Likör oder Schnaps, die sie mit der rechten Hand drüber hält, besser in den Mund trifft. Angesichts so mancher Alkoholexzesse bei verschiedenen Festen kann man meiner Meinung nach durchaus darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, solche Bilder in der Zeitung zu zeigen. Es geht aber auch nicht gleich die Welt unter, wenn man es tut.

Eines der Bilder, über das sich zwei Leser fürchterlich aufregten. Aufgenommen wurde es in der Festzelt-Bar, wo ein sogenanntes „Coyote Ugly“-Team im Feier-Einsatz war.

In der Bildunterschrift heißt es: "In der Festzelt-Bar ist ein ,Coyote Ugly '-Team im Einsatz." Ein Hinweis auf eine spezielle Art des Feierns, bei der sexy gekleidete Damen, die als Bedienungen auftreten, beim Einschenken der Getränke gerne mal mit den Flaschen jonglieren und mit heißen Tanzeinlagen auf sich aufmerksam machen. Das veröffentlichte Foto vermittelt einen Eindruck, wie das im Festzelt der Feuerwehr "praktiziert" wurde. Übrigens: Im Jahr 2000 hatte Hollywood den in den USA existierenden "Coyote Ugly Saloons" sogar einen Film gewidmet.

Zeitung ein Spiegelbild

Am Ende vielleicht noch ein paar grundsätzliche Worte: Eine Zeitung ist in gewisser Weise ein Spiegelbild der Gesellschaft. In der Zeitung wird sichtbar, was im realen Leben passiert. Manchmal inklusive Bierseligkeit und Alkoholgenuss. Ist es falsch, dass diese Wirklichkeit ungeschminkt die Leserschaft erreicht?

Bilder sind ein Teil der Berichterstattung, ihre Bedeutung ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Redaktionen müssen verantwortlich mit ihnen umgehen. Wenn in einer Zeitung Texte und Fotos zu einem bestimmten Thema oder einer Veranstaltung erscheinen, bedeutet das nicht, dass sich die Redaktion mit dem Gegenstand ihrer Berichterstattung gemein macht. Sonst würden ja nur noch Dinge verbreitet werden, die den Redakteuren gefallen.

Die Wirklichkeit zeigen

Es ist in einigen Fällen sicherlich schwierig, zu entscheiden, wie "extrem" Bilder sein dürfen, die veröffentlicht werden. Hier zitiere ich gerne Anton Sahlender, den Vorsitzenden der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO): "Nie kann man darauf hoffen, dass alle Leser mit dem Ergebnis einverstanden sind. Aber manches Mal ist es doch unvermeidlich, ein Ereignis in seiner Brutalität und Hässlichkeit sichtbar werden zu lassen. Wirklichkeit zeigt sich leider nicht immer mit einem schönen Gesicht. So lässt es sich nicht vermeiden, mit publizistischer Wahrhaftigkeit mitunter anzuecken. Unmöglich ist es aber, mehr als 300 Mal im Jahr eine Zeitung zu verbreiten, die nur angenehme Optik bietet. Das würde nicht Wirklichkeit widerspiegeln, sondern nur heile Welt vorspiegeln."

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