Eine Frage des Glaubens

Eine Frau mit Schleier windet sich im Bett. Im Hintergrund läuft eine ähnliche Szene als Stummfilm ab. Die Konnersreuther Resl durchlebt die Passion Christi. Eindringlich, drastisch, ikonenhaft - in ohrenbetäubender Stille.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Die hochemotionale Eröffnungssequenz von "Resl unser" packt die Zuschauer sichtlich an. Mit den blutenden Wundmalen und Augen der gepeinigten Frau bringt diese die Inszenierung des Landestheaters Oberpfalz (LTO) gleich zu ihrem Kern. Und das Publikum der Uraufführung in der Weidener Regionalbibliothek mit Schwung in die Handlung.

Ist alles echt oder nur Bluff. Glaubt man daran oder nicht? Was ist dran am Mythos der Konnersreuther Resl (1898 - 1962)? Regisseur Max Reinhardt (Uli Scherr) ist so begeistert von der wahren Geschichte der Oberpfälzer Bauernmagd Therese Neumann, dass er einen Stummfilm plant. Allein - er glaubt, dass eine Art Glaubenshysterie die Stigmata hervorbringt. Kurz: Er hält alles für großes Theater.

Das ist auch Till Rickelts Bearbeitung der vielschichtigen Vorlage von Autor Bernhard Setzwein für das LTO. Gleich nach dem stummen Intro beginnt ein fast babylonisches Sprachgewirr mit endlosen Stimmen, die alle für sich ein höchst subjektives Bild der Resl malen. Vom Dorfpfarrer Naber (eine Paraderolle für Christian Höllerer) und der bodenständigen Schwester (mit trockenem Humor: Sonja Hammer-Kölbl) über Filmstar Lillian Gish und den aufgescheuchten Klerus bis hin zu den Einheimischen.

Die Intensität des Plots baut auf die Reibung der konträren Charaktere, die aufeinanderprallen: Allen voran der herrlich schräg schwäbelnde Regensburger Bischof von Henle und ein lästernder Bierdimpfl/Nazi (beide Stefan Puhane), die ihren Gegenübern, Domkapitular Höcht und dem Dorfwirt (beide Herbert Kreuzer) stark zusetzen. Die herrlichen Dispute zwischen Puhane als Drama-Queen-Bischof zwischen Dogma, Überdramatisierung und Tiraden, und Kreuzer, als personifizierte Stimme der Vernunft sind glänzende Unterhaltung. Mit Scherrs starker Interpretation des ständig selbstreflektierenden Reinhardt, und Doris Hofmann als sehr authentische Diva Lillian Gish kreiert Regisseur Till Rickelt weitere lebendige Charaktere, die die Handlung auflockern und vertiefen. Bonmots wie die angebliche phonetische Nähe des Nordoberpfälzer Dialekts zum Aramäischen oder Spitzen gegen das "Oberpfälzer Sibirien" inklusive.

Doch egal wie viele Mosaiksteinchen zusammenkommen - und das sind in der gelungenen detailreichen, minimalistisch ausgestatteten Inszenierung Rickelts eine ganze Menge - formt sich kein deutliches Bild. Natürlich nicht. Einen Erkenntnisgewinn für eine seit mehreren Generationen andauernde Diskussion zu erbringen wäre zu viel verlangt von einem Theaterstück. Auch läge dies nicht in der Intention des Autors, der wieder ein Händchen für biographische Stoffe beweist. Setzweins Vorlage wertet nicht, rührt nicht am Mythos der Therese Neumann, wohl aber am Wahrheitsbegriff und dem shakespearischen Bild von der Welt als Bühne. Mit kritischen Tönen gegen Schmierenkomödianten in der katholischen Kirche, im Showgeschäft oder bei Radikalen.

Und die Resl? Die Konnersreuther Nebel lichten sich nicht. Die Figur bleibt unscharf. Es bleiben die vielen Ungereimtheiten - in jeder der polarisierenden Theorien. Eben ein Mysterium. Und ein immer noch spannendes Diskussionsthema. Oder wie Oberpfälzer - und Aramäer - so treffend sagen: "Wos Gwiss woas ma niat."

Zusatzvorstellung am 24. März:

Aufgrund der großen Nachfrage zur Uraufführung „Resl unser“ gibt das LTO am Sonntag, 24. März, um 20 Uhr eine Zusatzvorstellung in der Regionalbibliothek.

Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0 oder www.nt-ticket.de

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