Frauenhaus: Schutz in der Krise

In Zeiten von Corona erhält das Thema Partnerschaftsgewalt in den Medien neue Beachtung. Doch Häusliche Gewalt gehört schon seit langem zum Alltag in Deutschland. Und auch in der Oberpfalz.

Das gestellte Bild zum Thema häusliche Gewalt symbolisiert, wie jemand versucht, sich vor der Gewalt eines anderen zu schützen.
von Christa VoglProfil

Wie bei allen Frauenhäusern ist auch der Standort des Frauenhauses in Weiden streng vertraulich. "Das gibt ein Stück Sicherheit für die Frauen, die bei uns Zuflucht finden", sagt Enikö Nagy, 41, Sozialpädagogin und seit 2019 Leiterin des Frauenhauses in der Max-Reger-Stadt. Und eben diese Sicherheit ist von hoher Wichtigkeit.

Sieben Frauen und bis zu zehn Kinder können im Weidener Frauenhaus aufgenommen werden. In der Gemeinschaftswohneinrichtung hat jede Frau zusammen mit ihren Kindern ein eigenes Zimmer. Pro Etage gibt es zur gemeinsamen Nutzung eine Küche und ein Bad. Den Alltag organisiert jede Frau selbst. "Die Frauen, die zu uns kommen, suchen Schutz und Hilfe", sagt Enikö Nagy. Sie sind Opfer von häuslicher Gewalt.

Experten befürchten, dass die Coronakrise eine starke Zunahme der Gewalt in Beziehungen auslöst. Auch Kinderschutzbund und Frauennotruf schlagen Alarm. Dass die Befürchtung nicht unbegründet ist, wird am Beispiel China deutlich: Während der Krise verdreifachten sich die Fälle häuslicher Gewalt. In Frankreich verzeichnete die Polizei innerhalb acht Tagen Ausgangssperre einen Anstieg von 32 Prozent bei ihren Einsätzen im Bereich häuslicher Gewalt. Auch in Weiden stellt man sich auf eine deutliche Zunahme ein. Bei nur sieben Plätzen für Frauen ist die Kapazität allerdings schnell erschöpft. Es gibt 350 Frauenhäuser in Deutschland, doch unabhängig von der derzeitigen Situation fehlen hier 14 600 Schutzplätze. In Weiden denkt man über Ausweichkapazitäten nach. "Falls unser Haus komplett besetzt ist, weisen wir die Frauen keinesfalls ab, sondern vermitteln sie - so schnell es geht - in eine andere Einrichtung", sagt Enikö Nagy.

Bett, Bad und Gespräche

Die telefonische Kontaktaufnahme mit dem Frauenhaus in einer Notsituation ist denkbar einfach, und wird auch während der Krise aufrechterhalten. "Die Frauen können bei uns anrufen und sich beraten lassen. Das geht, auch ohne den eigenen Namen zu nennen", sagt Nagy und erklärt, dass Anonymität oft eine Hemmschwelle beseitige. Möglich seien natürlich auch eine persönliche Beratung und gegebenenfalls die anschließende Unterbringung im Frauenhaus.

Alleine mit der Unterbringung im Frauenhaus sind die Probleme zwar nicht gelöst, aber es ist ein Anfang gemacht. Zusammen mit drei Kolleginnen und einer Praktikantin leistet Enikö Nagy vielfältige Hilfe. Außer "Bett, Bad und Hilfe beim Ausfüllen von Formularen", wie auf der Internetseite des Frauenhauses zu lesen ist, gibt es auch die Möglichkeit zu Gesprächen. Diese ermöglichen es den betroffenen und oft traumatisierten Frauen, das Erlebte aufzuarbeiten. Und noch viel wichtiger: Im Frauenhaus werden ihnen Alternativen aufgezeigt. Denn Alternativen gebe es immer. "Die Frauen werden gestärkt, wir zeigen ihnen, dass ein besseres Leben möglich ist, dass es Hoffnung gibt, dass es Lösungen gibt".

Entscheiden muss jede Frau selbst

Bereits dieser Ansatz würde den Frauen Mut machen, denn in vielen Fällen hätten die Frauen in der bestehenden Beziehung zum Partner ihren Selbstwert und die Selbstachtung verloren. Enikö Nagy bekräftigt: "Wir geben ihnen die Möglichkeit für einen Neuanfang und auch für den Neuaufbau ihres Selbstwertgefühls." Nagy betont aber gleichzeitig: "Wir beraten die Frauen mit dem Ziel, zu einer tragfähigen Entscheidung zu kommen. Sei es die Entscheidung, in der Beziehung zu bleiben mit unterstützenden Angeboten, oder der Entschluss, einen Neuanfang auf eigenen Beinen zu wagen. Die Entscheidung muss jede Frau selbst treffen."

Derzeit rückt die Coronakrise das Thema häusliche Gewalt ins Rampenlicht der Gesellschaft. Der Aufschrei ist groß. Die Leiterin des Frauenhauses Weiden registriert das mit einem Kopfschütteln. Denn: "Häusliche Gewalt ist immer da. Sie war auch schon da vor Corona." Durch die Pandemie sei sie nur verstärkt von den Medien aufgegriffen worden. Und, so befürchtet die Sozialpädagogin, das Interesse an der Thematik könnte mit dem Verschwinden des Coronavirus auch ganz schnell wieder versiegen. Leider sind diese Befürchtungen von Nagy und ihrem Frauenhaus-Team nicht ganz unbegründet.

Info:

Hilfetelefone

An wen kann ich mich wenden?

  • Frauenhaus Weiden, Telefon: 09 61 / 389 31-70
  • Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen", Telefon: 0 80 00-11 60 16 (kostenfrei) oder im Internet: www.hilfetelefon.de
  • Dornrose e.V., Telefon: 09 61 / 330 99 (Fach- und Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt und Frauennotruf)
  • Opfertelefon Weißer Ring, Telefon: 116 006 oder im Internet www.weisser-ring.de
Info:

Ausgangsbeschränkung gilt nicht für das Aufsuchen eines Frauenhauses

Darf ich trotz Ausgangsbeschränkung ins Frauenhaus? Das Aufsuchen eines Frauenhauses gilt als triftiger Grund, das Haus zu verlassen, wie das Staatsministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend informiert. Auch das Aufsuchen "einer Fachberatungsstelle/eines Notrufs für von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt betroffene Frauen und von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche in Bayern" gilt demnach als triftiger Grund.

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