„Ich bin gerne Chansonnier“

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„Testsieger“: Johannes Kirchberg hat neues Album mit großem Orchester aufgenommen

Johannes Kirchberg, hier beim Auftritt bei den Weidener Literaturtagen 2019, hat ein neues Album eingespielt
von Holger Stiegler (STG)Profil

Er lebt zwar in Hamburg, in der Oberpfalz hat er aber schon mehrmals die „hohe Literatur“ auf amüsante und zugleich nachdenklich Art und Weise zum Besten gegeben. So war Johannes Kirchberg unter anderem schon mehrmals bei den Weidener Literaturtagen und in er Kulturscheune Elbart zu Gast – und hat das Publikum jedes Mal begeistert. Ganz neu erschienen ist sein Album „Testsieger“, über das sich die Kulturredaktion mit ihm unterhalten hat. In Zeiten der Corona-Pandemie war dies natürlich nicht das einzige Thema.

ONETZ: Herr Kirchberg, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Wolfgang Borchert – mit unterschiedlichen Programmen über diese drei Literaten hat man Sie bisher in Weiden erleben dürfen. Das neue Album „Testsieger“ geht in eine andere Richtung…

Johannes Kirchberg : Es gibt in meinem künstlerischen Tun mindestens zwei Seiten. Die eine ist die, eine Art Museum zu sein. Ich entdecke und bewahre Literaten, die für mich eine Bedeutung haben. Ich gebe ihnen meine Stimme und hoffe so, andere Menschen für die Poesie und die Gedanken bestimmter Dichter zu sensibilisieren. Das ist für mich immer eine spannende Reise. Und auf der anderen Seite habe ich schon immer 'eigene' Programme gemacht. Ganz früher habe ich auch selber geschrieben. Dann begann die Zusammenarbeit mit dem Texter Tom Reichel. Und seit über 15 Jahren schreibt er mir Texte auf den Leib und in die Tasten. Das sind dann musikalisch-kabarettistische Programme. Und auch zu diesen Programmen gibt es CDs. Und "Testsieger" ist das neue Album. Darauf zu hören sind die Lieder des gleichnamigen Programms. Eingespielt mit ganz großem Besteck.

ONETZ: Das Lied „Komisch, wenn keiner lacht“ nimmt unter anderem Donald Trump, den Rechtspopulisten und die „Influencerin“ aufs Korn. Was eint diese drei Typen?

Johannes Kirchberg : Ach, es geht mir gar nicht um diese drei Typen. Es geht mir darum, dass ich manche Begebenheit, manches Handeln und Tun und manche Aussagen anfänglich für einen Witz halte. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann, dass es Ernst gemeint ist. Und dann merke ich, es ist gar kein Witz. Die meinen das so! Und dann bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Wissen Sie, es gibt einzeln in Plastik eingeschweißte Weintrauben zu kaufen. Ich dachte, dass das ein Witz ist und musste lachen. Aber das ist kein Witz...

ONETZ: Das neue Album wird auch vom orchestralen Sound geprägt. In Weiden hatte man sie bisher als Klavier spielenden Interpreten erlebt. Was macht Ihnen mehr Spaß?

Johannes Kirchberg : Jede meiner CDs ist anders. Da gibt es mich solo am Klavier zu hören, mal mit kleiner Band, mal live, mal in einer Art Hörspielversion. Und diesmal bot sich mir die Chance, mit Wolf Kerschek zu arbeiten, der die Songs für ein großes Orchester und Bläserensemble und Chor in Szene gesetzt hat. Mir hat das Arbeiten im Studio wahnsinnig Spaß gemacht. Und ich habe viel gelernt. Leider kann ich solche Produktionen live nicht umsetzen. Dass ich allein am Klavier auftrete, ist vor allem den finanziellen Möglichkeiten geschuldet. Es ist natürlich toll, allein vor Publikum zu spielen und alle Freiheiten zu haben. Aber mit Band ist's auch schön. Eine CD von mir soll aber nie das Liveerlebnis ersetzen. Ein Album ist immer mehr.

ONETZ: Müsste ich Sie künstlerisch einordnen, würde ich wohl den französischen Begriff „Chansonnier“ wählen, der mit Namen wie Charles Trenet, Charles Aznavour oder Barbara verbunden ist. Lässt sich der Begriff überhaupt 1:1 ins Deutsche übertragen und sehen Sie sich auch selbst so?

Johannes Kirchberg : Ich finde Chansonnier sehr gut. Unter diesem Begriff ist so viel vorstellbar. Blöderweise schreckt der Begriff hierzulande einige Menschen und Veranstalter eher ab. Dann nennt man sich lieber Musik-Kabarettist. Und schreibt auch das Musik auf dem Plakat möglichst klein, damit Leute ins Theater kommen. Schade irgendwie. Ich bin gern Chansonnier...

ONETZ: Wie viele andere Künstler auch leben Sie von Live-Auftritten. Wie gehen Sie kreativ mit der Corona-Pandemie um? Was bedeutet das faktische Auftrittsverbot für Sie?

Johannes Kirchberg : Je länger die Auszeit andauert, um so ruhiger werde ich. Eigenartig. Es ist so einschneidend. Für alle. Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt wie wild streamen und das Internet für Präsentationen nutzen. Ich gehe ja auch nicht virtuell in die Schwimmhalle. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, denn diese erzwungene Auszeit, dieser Stillstand wird das Land und seine Kulturlandschaft verändern. Ich hoffe, auch zum Guten.

ONETZ: Ein Lied auf dem neuen Album heißt „Alles wird gut“. Wird es das?

Johannes Kirchberg : In dem Lied geht es ja in satirischer Form darum, dass uns in schwierigen Zeiten vor allem die Familie Hilfe und Beistand gibt. Wenn man ein Problem hat, geht man im besten Fall zu seiner Mutter. Mit einem Spezialproblem zu einem Spezialverwandten. Wenn mich meine Mama fragt, wie es mir geht, sage ich immer: 'Ach, alles gut'. Und dann sagt sie, wenn du 'Alles gut' sagst, weiß ich, dass was mit Dir ist. Also raus mit der Sprache... Und wenn mir meine Frau sagt: 'Alles wird gut', dann ist das für mich etwas Tröstliches.

"Testsieger" ist der Titel der neuen CD vom Johannes Kirchberg.

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