"Es gibt keine Zweifel an der Urheberschaft Bollhagens"

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Josef Straßer, Kurator der Schau im Weidener Keramikmuseum, erläutert sein Konzept zur Bollhagen-Ausstellung. Er erklärt, warum er an keiner Stelle auf die Zweifel an der Urheberschaft eingeht.

Objekte wie diese Teekannen der Künstlerin Hedwig Bollhagen sind noch bis zum Ende der Ausstellung am 19. April im Internationalen Keramikmuseum Weiden zu sehen.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die Ausstellung zur Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen im Internationalen Keramikmuseum Weiden verschweigt die Vorgeschichte der berühmten HB-Werkstätten und den Zweifel über die Urheberschaft. Andere Museen gehen ganz offen mit diesen Problematiken um. Der Kurator der Schau in Weiden, Dr. Josef Straßer von der Neuen Sammlung München, erläutert im Interview, warum der Besucher in Weiden so wenig über Bollhagen und ihre Vorgängerin, die Jüdin Margarete Heymann, erfährt.

ONETZ: Warum gibt es nur ein Plakat in der Weidener Ausstellung mit ein paar Daten zu Leben und Werk von Bollhagen?

Dr. Josef Straßer: Weil wir uns auch bei den vergangenen Ausstellung auf eine überschaubare Auswahl an Grundinformationen festgelegt haben. Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Erläuterung, sondern um einen publikumsfreundlichen und lesbaren Kurztext.

Kritik an der Bollhagen-Ausstellung in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Der Besucher erfährt an keiner Stelle in der Ausstellung, dass Bollhagen ihr Werk in Marwitz von Margarete Heymann übernommen hat, einer jüdischen Keramikünstlerin, die aufgrund von Hetze und restriktiver Gesetzgebung durch die Nazis ihren Betrieb 1933 verkaufen musste. Warum?

Dr. Josef Straßer: Siehe oben. Diese Thema wäre eine eigene Ausstellung. Hier wäre es wichtig, alle Einzelpositionen und Meinungen neutral abzuwägen. Wir wollten uns hier auf das Schaffen Bollhagens beschränken. Genauere informationen sind im Katalog nachzulesen, der in der Ausstellung auch ausliegt. Wir sind auch nicht darauf eingegangen, dass Bollhagen während der Nazizeit jüdische Mitarbeiter bei sich versteckt hat, dass sie zahlreiche ehemalige Mitarbeiter der Hael-Werkstätten übernommen hat oder dass sie Frau Heymann am Verkauf ihrer (der Entwürfe von Frau Heymann) beteiligt hat.

ONETZ: Warum erfährt der Besucher nicht, dass es Zweifel an der Urheberschaft Bollhagens gibt? Kulturhistorikerin Ulrike Hudson-Weidenmann spricht davon, dass mehr als 50 Prozent der Entwürfe Bollhagens ursprünglich Heymann geschaffen haben soll. Man hätte in der Ausstellung wertfrei darauf hinweisen können – etwa so, wie das Werkbundarchiv in Berlin.

Dr. Josef Straßer: Es gibt keine Zweifel an der Urheberschaft Bollhagens. Ulrike Hudson-Wiedenmann spricht lediglich von der ersten Messebeteiligung Bollhagens, bei der Bollhagen auch Teile des vorhandenen Lagerbestandes angeboten hat. Das bedeutet nicht, dass Bollhagens Schaffen auf die Entwürfe Heymanns zurückgeht. Wenn Sie die Formen der beiden Keramikerinnen analysieren, werden Sie sehr schnell feststellen, dass Heymann sicherlich die innovativere Künstlerin war, Bollhagen hat dagegen eher zurückhaltendere Formen gestaltet, die vielleicht auch ein weniger avantgardistisches Publikum angesprochen haben und auch heute noch ansprechen. In der Sendung des Deutschlandradios von 2008 behauptet Frau Hudson-Wiedenmann eine Menge Dinge, die nicht belegt sind. Sie kennen dazu sicher auch den Bericht der Frankfurter Rundschau. Uns geht es immer um eine neutrale Stellungnahme.

ONETZ: In Weiden sind Krüge und Gießer der Serie „Norma“ zu sehen. Dabei der Hinweis, dass der Entwurf von Heymann stammt. Auf dem Schildchen wird nicht klar, dass „nur“ das Dekor von Bollhagen stammt. Warum fehlt diese Information?

Dr. Josef Straßer: Es tut mir leid, wenn das missverständlich für Sie ist. Wir unterscheiden üblicherweise zwischen Form und Dekor und eigentlich sollte es auch klar sein, dass hier die Formen von Heymann stammen, deshalb heißt es auch Entwurf: Heymann.

ONETZ: Haben die HB-Werkstätten darüber entschieden, welche Informationen in der Ausstellung veröffentlich werden und welche nicht, um einen Teil der Firmengeschichte unter den Teppich zu kehren?

Dr. Josef Straßer: Nein, wir haben von den HB-Werkstätten Leihgaben erbeten, da die ausgestellten Musterstücke nur dort vorhanden sind. Uns ging es darum, das Schaffen dieser außergewöhnlichen Frau über die Jahrzehnte vorzustellen und nicht einen bis zum heutigen Zeitpunkt kontrovers diskutierten Punkt herauszustellen. Dieser Punkt ist sicherlich sehr wichtig und beispielsweise bei von Andreas Heger in seiner Dissertation von 2005 sehr sorgfältig aufgearbeitet und wäre sicher auch, wie bereits gesagt, das Thema einer eigenen Ausstellung.

ONETZ: Wird es in Weiden mal eine Ausstellung zu Margarete Heymann geben?

Dr. Josef Straßer: Mit den Arbeiten der jüdischen Keramikerin Eva Zeisel haben wir in Weiden vor einigen Jahren eine der großen Persönlichkeiten der Keramik vorgestellt. Margarete Heymann-Marcks wäre sicherlich auch hervorragend geeignet, um ihre Arbeiten, die ja ähnlich innovativ und avantgardistisch sind, in Weiden auszustellen. Ich finde das eine sehr gute Anregung und werde dieses Thema gerne weiter verfolgen. Vielleicht gelingt es wie bei Zeisel mit Hilfe einiger engagierter Sammler das Werk dieser Keramikerin zu zeigen.

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