Großstadtkind mit Sinn fürs Grüne

Christoph Scharf (38) stammt aus der am dichtesten besiedelten Region Deutschlands, heute lebt er in einer der dünnbesiedeltsten. Weshalb er den Umzug vom Ruhrpott nach Weiden nicht bereut, erzählt der Rechtsanwalt hier.

Christoph Scharf
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt's?

Christoph Scharf: Nach ersten Begegnungen hätte ich das wohl bejahen müssen. Schaut man sich den Oberpfälzer jedoch genauer an, lässt sich feststellen, dass unter der harten Schale ein weicher Kern steckt. Als Rechtsanwalt hatte ich sofort viele Kontakte. Ich habe gelernt, dass nicht alles so ernst gemeint ist, wie es gesagt wird.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie hergekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Ehrlich gesagt, hatte ich nie Vorurteile. Ich war vor meinem Umzug 2013 zwei Mal vor Ort. Beim ersten Kontakt spielte ich mit meiner Bochumer Wasserballmannschaft in der voll besetzten WTW, erlebte wie gefühlt eine ganze Stadt die Mannschaft zum Sieg gepeitscht hat und ein starker Zusammenhalt zu spüren war. Dies hat mir imponiert. Nachdem mich der Beruf nach Weiden zog, war ich gespannt auf die Menschen und die Oberpfalz. Nach inzwischen sechs Jahren in Weiden kann ich resümieren: „dufte“ Menschen, großartige Region.

ONETZ: Spielen Sie mit dem Gedanken, in die alte Heimat zurückzukehren? Fahren Sie häufig heim?

Anfangs bin ich regelmäßig übers Wochenende nach Bochum gefahren. Seit meine Ehefrau nachgezogen, der Mannschaftssport in Weiden aufgenommen ist und die ersten Freundschaften aufgebaut wurden, sind die Besuche immer weniger geworden. Inzwischen gefällt es uns hier so gut, dass wir entschieden haben, dauerhaft in der Oberpfalz zu bleiben und diese als Heimat anzunehmen. Dies hat mich auch dazu veranlasst, Anfang 2019 eine eigene Anwaltskanzlei in Weiden zu gründen. Aus diesem Grund setze ich mich mit einer Rückkehr in das Ruhrgebiet zum Leidwesen meiner Bochumer Familie und Freunde nicht mehr auseinander.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von hier? Was würden Sie Freunden bei einem Besuch zuerst zeigen?

Habe ich doch in Bochum zentral in der Innenstadt gelebt, so erfreut es mich täglich aufs Neue, ein Haus im Grünen zu bewohnen, umgeben von Wald und Wiesen. Zum Joggen einfach von daheim starten, beim Motorradfahren nicht ständig an roten Ampeln warten und nach hektischen Arbeitstagen der Stille zu lauschen, mal eben zum Skifahren in die Berge, darüber lässt sich einfach schwärmen. Gerne entführe ich meine Besucher in die historischen Altstädte, um die Oberpfälzer Ess- und Zoigl-Kultur zu zeigen.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihnen nach Feierabend ein Bier trinken?

Die Tendenz zeigt deutlich nach oben. Der Vorteil ist, dass sie zumindest mich verstehen. Aber spätestens nach ein bis zwei Bieren gibt es keine Verständigungsprobleme mehr.

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Als „waschechter“ Oberpfälzer gehe ich wohl nicht durch. Allein meine Unfähigkeit, den Dialekt zu sprechen, verrät mich. Allerdings habe ich viele liebe Menschen kennengelernt und Freunde gefunden, die mich herzlich aufgenommen haben. Sie geben mir immer wieder das Gefühl, willkommen zu sein und dazuzugehören.

"Zugroast":

Die Oberpfalz mit anderen Augen

In „Zugroast“ stellen wir Menschen vor, die aus Hamburg, dem Ruhrpott oder Kasachstan in die Oberpfalz gezogen sind – und hier eine neue Heimat gefunden haben.

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