Halber Lärm, schöne Aussicht

Als Alexander Dobrindt den Weg frei machte für den Lärmschutz an der Bahnstrecke Hof-Regensburg, war die Erleichterung groß. Der Teufel steckt aber auch hier im Detail, wie das Beispiel Bamberg zeigt. Verschwindet das Welterbe hinter einer fünf Meter hohen Mauer?

Eine Lärmschutzwand ist keine Augenweide.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein Projekt dieser Größenordnung braucht Zeit. Festlegen will sich die Deutsche Bahn AG deshalb nicht, schließlich ist der verantwortliche Projektleiter Robert Hanft gerade erst mit Voruntersuchungen unterwegs bei betroffenen Kommunen. Der politisch gewollte Lärmschutz macht das Projekt nicht einfacher - vor allem aber teurer. So muss jede Brücke nach ihrer Eignung für die Maßnahme untersucht werden. Ältere Bauwerke dürften schlicht zu schmal für Schallschutzwände sein. Hier können auf Kommunen Kosten zukommen, sofern sich die Infrastruktur auf Gemeindegebiet befindet. Dennoch macht Hanft klar: "Wir begrüßen die Entscheidung für den Lärmschutz, weil er die Akzeptanz erhöht."

"Schön ist was anderes"

Lärmschutz-Wand im Regensburger Westen: Anwohner blicken auf eine graue Mauer.

Szenenwechsel: Im Regensburger Westen Richtung Prüfeninger Schloss blicken die Anwohner auf eine "nur" drei Meter hohe Mauer. "Das ist ein Gefühl, wie an der Berliner Mauer zu wohnen", sagt Anwohnerin Susanne Riedl. "Schön ist was anderes." Auch in Bamberg ist die Freude über geplante Lärmschutzmaßnahmen verhalten. Der Stadtrat ist gespalten. Die große Lösung mit teurem Tunnel scheint vom Tisch. Ein Teil will wie die Bahn hohe Wände, eine zweite Fraktion um die Grünen-Stadträtin Ursula Sowa kämpft für die 74 Zentimeter hohe Schallschutzinnovation der Waldsassener Firma Kassecker: "Damit kann man den Lärm halbieren, ohne das Unesco-Welterbe einzumauern."

Die Vorstellung der Lärmschutzalternative im Stadtrat stieß auf Widerstand: "Der Vertreter der Bahn war not amused", sagt Sowa zu unserer Zeitung, ich vermute, weil Andritzkys Konzept auch passiven Lärmschutz vorsieht, und das Auswechseln von Fenstern der Anwohner auf Kosten der Bahn gehen würde." Dabei habe Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn AG für den Freistaat Bayern, der Stadt zuvor informell bereits einen innovativen Lärmschutz zugesagt. "Die Bahn-Vertreter wechseln ständig und der neue hat gesagt, ,nein, wir machen das konventionell'."

Sechs-Meter-Monstrum

Die Tür sei dennoch nicht zugeschlagen, der Stadtrat ziehe bei der Suche nach einem behutsamen Vorgehen an einem Strang: "Am Bahnhof beginnt unser Welterbe, das will keiner beschädigen." Auf der sechs Kilometer lange Strecke durch die Stadt könnte es eine Kombination aus konventionellen und innovativen Elementen geben. "Ich kann nur jeder Stadt empfehlen, sich das vorher genau zu überlegen - oft wird noch das Gleisbett erhöht und man hat dann ein Monstrum von sechs Metern Höhe da stehen", warnt Sowa.

Mittendrin im Konflikt der Kassecker-Geschäftsführer Josef Andritzky: "Wir haben dort nur unsere Lösung vorgestellt", sagt der 56-jährige Ingenieur, "entscheiden muss der Stadtrat." Dem Konnersreuther bereitet dabei weniger der Streit der Oberfranken Kopfzerbrechen, als das demonstrative Desinteresse der Bahn. Und das, obwohl die Oberpfälzer Erfindung auf das DB-Konjunkturprogramm "Innovative Lärmschutzwand" zurückgeht, für das Kassecker drei etwa 500 Meter lange Bauten im Rheintal realisierte - bei Oberwesel (55 Zentimeter Höhe), Osterspai (55) und Oberwerth (74).

Lärm halbiert

Kassecker-Ingenieur Josef Andritzky (rechts) führt der SPD-Landtagskandidatin Annette Karl (Mitte) seine innovative Lärmschutzwand vor.

Nach Meinung von Dr. Lutz Hohaus, von der Ruhr-Uni Bochum, der die Messungen durchführte, mit großem Erfolg: "Nach der Maßnahme ist es 3 Dezibel leiser", sagt der Professor, "das ist in etwa eine Halbierung des Lärms." Andritzky weiß, dass die Kassecker-Neuheit nur eine Option für spezielle innerstädtische Lagen ist. "Natürlich ist es hinter der hohen Mauer leiser, aber dafür treten eben andere Beeinträchtigungen auf."

Der Techniker setzt für die kleine, aber optisch feinere Lösung deshalb auf ein Maßnahmebündel: "Entscheidend für das Ergebnis ist die Kombination verschiedener Optimierungen wie Schienenstegdämpfer - der Ausgleich zwischen Schiene und Schwelle bringt eine Dämpfung um 2 bis 5 dB(A), ein geschliffenes Rad 1-4, eine geschliffene Schiene 1-4, eine Schalldämmung gegen Brückendröhnung 2-9, eine Flüsterbremse 3-4. Im Vergleich dazu mindert die hohe Wand den Lärm um 8-10 db(A).

Am Interesse würde der Einsatz der sichtfreundlichen Wände nicht scheitern: "Ich habe Anfragen aus dem Allgäu, Bamberg, Würzburg, Weiden und vom Bahnforum Lärm", sagt Andritzky, "aber was nützt es, wenn von der Bahn kein Signal kommt?" So warte man seit Wochen auf eine Spezifikation zu einer konkreten Anfrage wegen einer Anwenderbescheinigung, die man für Bamberg brauche. "Der Innovationspreis nützt uns nichts, wir leben von Aufträgen und haben bereits rund 70 000 Euro in das Projekt investiert."

Abstimmen statt mauern:

Es ist keine Glaubensfrage, noch nicht einmal eine Preisfrage – es ist eine Frage des persönlichen Empfindens. Lärm kann krank machen, der Blick auf eine Mauer trübsinnig. Das Thema Schallschutzmauer vor dem Wohnzimmerfenster wurde bisher ausgeblendet. Die betroffenen Gemeinden sollten sich jetzt mit Anwohnern und untereinander abstimmen. Die Lösung der Waldsassener Firma Kassecker bietet einen Kompromiss: weniger Lärm, weniger Beton. Eine gemeinsame Haltung stärkt die Position gegenüber der Deutschen Bahn, die nachvollziehbar die günstigste Lösung anstrebt.

Kommentare

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Stefan Kreuzeck

Also die Netz AG ist doch in 100%igem Eigentum des Bundes. Da entlasse ich gerade die Bundespolitiker nicht aus der Pflicht. Die haben es doch in der Hand diesen niedrigen Lärmschutz anzuordnen, schließlich sind sie der Eigentümer!

Für die Stadtbilder ist so ein niedriger Lärmschutz enorm wichtig, denn die Mauern sind einfach nur grausam und entstellen jede Stadt. Man sieht ja in Regensburg wie das aussieht, wenn dann Rechts-, Linksradikale und Ultras ihre Botschaften platzieren und so ein Welterbe verschandeln. Wenn dann müsste man die Mauern auch bepflanzen und begrünen.
Auch für die Reisenden sind die Lärmschutzwände eine Zumutung, da sie jeden Blick auf die Landschaft verbauen.

Die Politik hat es doch in der Hand diese niedrigen Wände verbauen zu lassen als Eigentümer der Netz AG.

14.09.2018

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