Handwerker-Hochburg Neustadt

Für Georg Haber, seit 2014 Präsident der HWK Niederbayern-Oberpfalz, ist der Standort Oberpfalz "der Stabilitäts-Anker schlechthin". Und die nördliche Oberpfalz ist die Hochburg des Handwerks: "Von Handwerksbetrieben in der Stadt Weiden werden 40 Prozent aller Umsätze erarbeitet, im Landkreis Neustadt sind es knapp ein Drittel."

Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Denkbar gute Voraussetzungen seien das in Ostbayern, findet der Regensburger Unternehmer: "Zwei der fünf Kreise und Städte in Deutschland mit dem höchsten Handwerkeranteil sind in der Oberpfalz, die Stadt Weiden und der Landkreis Neumarkt. Zwei weitere befinden sich in Niederbayern." Zum Vergleich: Im bayerischen Schnitt erwirtschaften Handwerker 10 Prozent des Gesamtumsatzes, im Kammerbezirk 20 und in Neumarkt 36 Prozent. 38 000 Betriebe in Ostbayern garantieren eine ausgewogene Wirtschaftsstruktur: "Wo Handwerkerregionen sind, ist das soziale Gefüge stabil.

Das mache die Region krisensicherer als andere: "Selbst die Leman-Krise hat man hier deutlich weniger gespürt." Während es anderswo zu Verlagerungen gekommen sei, seien Handwerker eben auf andere Betätigungsfelder ausgewichen: "Wir sind da flexibler als die Industrie." Insofern seien die guten Arbeitsmarktdaten kein Zufall: "Deshalb haben wir die geringste Arbeitslosigkeit." Die andere Seite der Medaille: der Facharbeitermangel und die Schwierigkeiten der Privathaushalte, überhaupt noch einen Termin zu bekommen: "Insbesondere bei den Elektrikern in Schwandorf haben wir eine kritische Situation", nennt Haber ein Beispiel, "dort sind an sich schon wenige ansässig, und die dort sind, arbeiten dauerhaft für die Industrie in der Instandhaltung - da bleibt für Privathaushalte wenig Spielraum." Sein Tipp: "Den Rat der Innung einholen und aufs Land ausweichen."

Gegen den Fachkräftemangel empfiehlt Haber den Betrieben eine aktive Herangehensweise: "Ein Topbetrieb wie die Bäckerei Brunner mit 800 Mitarbeitern, komplett digitalisiert, hat keine Probleme, Azubis zu bekommen, weil sie in zwei Schichten arbeitet." Auch neue Ideen seien hilfreich: "Bäckermeister Christian Glaab baut einen Internetvertrieb auf, und der Rosner in Waldsassen, bei dem ich immer meine Lebkuchen kaufe, hat auch erfolgreich eine Nische gefunden." Schwierig werde es für die, die sich nicht anpassen.

Wozu gibt es die Politik?

Düstere demografische Prognosen, die gerade der Grenzregion eine weitere Abwanderung prognostizieren, machen Haber nicht nervös: "Es wäre doch eine Bankrotterklärung, wenn ich 2019 eine mögliche Bevölkerungsentwicklung prognostiziere und mich damit abfinde, das ist dann halt 2033 so." Wozu gebe es denn die Politik? "Und auch wir als Körperschaften können dagegensteuern."

Die Gründung und Entwicklung der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden sei so eine politische Entscheidung gewesen, die dazu beigetragen habe, junge, gut ausgebildete Menschen in der Region zu halten. Von der Polarisierung zwischen Handwerk und Hochschule hält der Chefrestaurator, selbst promovierter Kunstwissenschaftler und Silberschmiedemeister, wenig: "Weder der akademische Elfenbeinturm noch die berufliche Praxis allein sind glückselig machend." Sinnvoller sei die Verzahnung von Hochschulen und beruflicher Bildung: "Duales Studium, Berufsabitur neben der handwerklichen Ausbildung, früher Berufsschule plus, allgemeine Hochschulreife mit Meister, Fachhochschulreife mit Gesellenbrief - die Wege sind vielfältig geworden, wir sind auf einem guten Weg."

Im Bildungssystem gebe es keinen Abschluss ohne Anschluss mehr. "Früher über das Abendgymnasium war ein viel steinigerer Weg." Was das Handwerk besser darstellen müsse: "Nirgends sind Karrierechancen so glänzend wie bei uns", sagt Haber, "11 000 Betriebsübergaben stehen in den nächsten Jahren an." Ingenieure oder Betriebswirte könnten in Handwerkbetrieben Fuß fassen. "Wir machen Werbung für Karrieren im Handwerk und umgekehrt."

Ein Miteinander von Handwerk und Hochschule propagiert Haber, der selbst Hochschulratsmitglied der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg und Kuratoriumsmitglied der Universität Regensburg ist. Um junge Leute auf die Idee zu bringen, ihr Glück im Handwerk zu suchen, engagiert sich die HWK bei der Berufsorientierung: "Wir bieten Schülern 14 Tage an, sich bei uns auszuprobieren - inzwischen auch am Gymnasium."

"Kinder nicht überfordern"

Über ein Drittel der Handwerker-Azubis hätten mittlerweile einen Realschul-Abschluss, acht Prozent Abitur, der Rest Mittelschule. "Unser Ziel ist ein ausgewogenes Verhältnis von 40-40-20." Haber appelliert an die Eltern, ihre Kinder nicht zu überfordern: "Bei uns ist das noch ganz in Ordnung, aber in Starnberg gehen fast 100 Prozent der Schüler aufs Gymnasium."

Die Eltern erzwängen die vermeintliche Karriere mit Nachhilfe und unglücklichen Kindern. "Wir müssen dem Kind Zeit einräumen, sich zu entwickeln" fordert er, auch wenn sein eigener Sohn Arzt geworden ist, die Tochter Hotelkauffrau.

Angemerkt:

Lebenstüchtig nur mit Handwerk

Die Achtung gegenüber handwerklicher Tätigkeit möchte Handwerkspräsident Georg Haber stärken. Deshalb ist die HWK bereits im Kindergarten mit dem Programm „Technik für Kinder“ präsent. Ein guter Anfang, aber das reicht nicht aus. Wenn Schule für sich den Anspruch reklamieren will, „fürs Leben lernen wir“, kommt der handwerkliche Ansatz viel zu kurz.

Die Fähigkeit, mit Händen Werkzeuge zu formen, hat die heutige Zivilisation – mit allen Vor- und Nachteilen – erst möglich gemacht. Inwieweit das Handwerk auch heute noch Technologie-Treiber ist, ist aber kein Teil des Lehrplans. Deshalb entsteht der Eindruck: Nur die Arbeit am Laptop ist High-tech, die Intelligenz, die durch die Hände fließt aber oldschool.

Wer nicht mit einem heimwerkenden Vater, einer technisch geschickten Mutter gesegnet ist, hat das Pech, als handwerklicher Analphabet aufzuwachsen. Jeder Schulabsolvent sollte zumindest in der Lage sein, sein eigenes Fahrrad zu reparieren, sich im eigenen Haushalt so weit zu helfen wissen, dass er nicht bei jedem Umzug, Stromausfall oder Wasserschaden erst auf den Malermeister, Elektriker oder Installateur warten muss, der erst in einem halben Jahr Zeit hat.

Keine Angst, es geht nicht darum, die Handwerker arbeitslos zu machen, sondern die Schüler ein Stück weit lebenstüchtiger. Die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen, die selbstverständlich mit Hammer, Säge und Schraubschlüssel umgehen, dann auch einen handwerklichen Beruf in Erwägung ziehen, ist hoch – gerne auch im dualen Studium.

Handwerk aus Waldsassen für Architektur in der ganzen Welt: Ob eine Rosette für den Kaiserdom in Speyer oder eine Kunstglas-Wand für die Shenzhen Metro Airport Station in China – die Glasmanufaktur Lamberts stellt Fenstergläser als einzige Manufaktur in Deutschland noch auf traditionelle Weise her: Mundgeblasenes Glas wird in einem aufwändigen Prozess zu flachen Scheiben verarbeitet.
Zuwanderer und Inklusion:

Autistischer Drucker ist Bundessieger

Amberg/Weiden. (jrh) Beim Facharbeitermangel drückt dem Handwerk der Schuh. Präsident Georg Haber spricht im Interview, wie findig Betriebe um Mitarbeiter buhlen.

Herr Haber, nördliche Oberpfalz, das war mal wirtschaftliche Sackgasse. Inzwischen ist die Oberpfalz Nummer 1 in Bayern in puncto Arbeitsmarkt. Wie hat sich in diesem Kontext das Handwerk entwickelt?

Georg Haber: Es waren einige Programme notwendig, um den Wandel hinzubekommen. Dazu kam die Öffnung zum Osten – aus einer Randlage sind wir ins Herzen Europas gewandert. Die Handwerkskammer hatte bereits zwei Jahre vor der IHK die Niederlassung „Bayern Handwerk International“ in Pilsen, die Marienbader Gespräche finden heuer schon zum 12. Mal statt.

Der Arbeitsmarkt in Tschechien ist ausgereizt, wo sehen Sie noch Potenziale?

Georg Haber: Meine eigene Erfahrung im Betrieb ist, dass der Böhme kaum bereit ist umzusiedeln. Auf Dauer bekommen wir Fachkräfte aus Tschechien nur grenznah. Das Handwerk schöpft aber alle Möglichkeiten aus: Wir qualifizieren Leute, zeigen Studienabbrechern Karrierewege auf, betreiben aktiv Inklusion, fördern Mitarbeiter durch berufsbegleitende Maßnahmen. Wir stellen mit dem 25-jährigen Sebastian Groß einen Medientechnologen Druck, der als Autist Bundessieger wurde – das setzt wie in der Ernst Vögel GmbH in Stamsried tolle Chefinnen voraus, der ihn in die Betriebsabläufe integriert.

Wie sieht es mit Mitarbeitern aus Südeuropa aus?

Georg Haber: Wir haben es eine Zeit lang mit Spaniern versucht. Einige haben sich richtig engagiert, mittelfristig sind aber alle zurück gegangen – trotz Familienanschlusses und Mitgliedschaft in Vereinen. Die Leute wurden nicht glücklich, es ist zu kalt bei uns.

Georg Haber: Vielleicht aus Südosteuropa?

In Rumänien und Bulgarien müssen wir ansetzen mit beruflicher Bildung. Es darf aber nicht nur einen Gewinner geben, wir müssen die Qualifikation vor Ort erhöhen. Das kann dadurch geschehen, dass ein junger Mensch fünf Jahre in Deutschland arbeitet, zurückgeht und seine Verbindungen mit nach Rumänien nimmt. Ich kenne mich in Siebenbürgen ganz gut aus, Heimat der Siebenbürger Sachsen. Ein Teil der Jugendlichen spricht dort Deutsch.

Georg Haber: Wie entwickelt sich die Integration von Flüchtlingen?

Die Kammer hat sich früh bei Flüchtlingen engagiert. Wir haben zwei Damen aus dem sozialpädagogischen Bereich als Bindeglied zwischen Betrieben und Flüchtlingen installiert. Die kümmern sich um die passgenaue Vermittlung. Wir hatten erst einmal alle informiert und bekamen dann eine Rückmeldung von 300 Betrieben mit 900 Stellen. Wir sind da auf keinen schlechten Weg.

Gibt es Programme für Frauen nach der Babypause?

Georg Haber: In meinem Betrieb habe ich eine Frauenquote von 40 Prozent. Anstatt einer Vollzeitstelle kann ich auch zwei Teilzeitstellen ausschreiben, um Müttern nach der Babypause entgegenzukommen.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.