Heilpraktiker im Kreuzfeuer

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Nirgendwo gibt es mehr Heilpraktiker als in Bayern. Doch dem Berufsstand droht durch Gesundheitspolitiker und Ärztevertreter Ungemach.

Akupunktur ist nur eine Behandlungsmethode, die Heilpraktiker oft anbieten.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wurde vereinbart, "das Spektrum der heilpraktischen Behandlung zu überprüfen“. Als Grund nennen die Koalitionspartner die Patientensicherheit. In der Diskussion um die Zukunft des Heilpraktikerberufs hat der Vizepräsi­dent der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Andreas Botzlar, nun von der Politik klare Entschei­dungen gefordert (unser Bericht vom 23. Januar). Sein Kollege Dr. Wolfgang Rechl aus Weiden, ebenfalls Vizepräsident des Gremiums, sieht das etwas entspannter. "Ich würde das am Bedarf und jeweiligen Einzelfall festmachen", sagt er.

An erster Stelle sollte schon die Schulmedizin stehen.

Dr. Wolfgang Rechl, Vizepräsident der Landesärztekammer, aus Weiden

Offenbar räume die Bevölkerung dem Beruf des Heilpraktikers einen gewissen Stellenwert ein, hält Rechl fest. Tatsächlich zählte das bayerische Landesgesundheitsamt 2018 über 23000 Heilpraktiker, davon allerdings nur rund 1000 in der Oberpfalz. Zum Vergleich: In Oberbayern sind es mehr als elfmal so viele. Für Rechl sind Behandlungen beim Heilpraktiker nicht per se schlecht, "sie können durchaus helfen". Entscheidend sei, dass Patienten sich nicht nur auf die Expertise des Heilpraktikers verlassen. "Davor warne ich. An erster Stelle sollte schon die Schulmedizin stehen, für deren Wirksamkeit und Sicherheit es die beste Datengrundlage gibt. Es geht auch darum, keine wertvolle Zeit zu verlieren, bis man mit der Therapie beginnt."

Für die Zulassung als Heilpraktiker genügt eine Prüfung beim Gesundheitsamt. Diese sei natürlich nicht mit der Ausbildung eines Arztes zu vergleichen, der ein sechsjähriges Studium mit Staatsexamen und im Anschluss noch eine mindestens fünfjährige Facharztausbildung absolvieren müsse."Heilpraktiker kann jeder werden, der wenigstens 25 Jahre alt ist und einen Schulabschluss hat. Noch dazu ist die Ausbildung weder klar strukturiert noch einheitlich", bemängelt Rechl.

Stimmt gar nicht, befindet Homeira Heidary, die Medienbeauftragte vom Bund Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger (BDHN), der seinen Sitz in München hat. "Die Ausbildung erfolgt an allen Schulen nach einem festgelegten Curriculum, und daran hält man sich auch." Der Lehrplan umfasse unter anderem schulmedizinische Diagnostik, Anatomie und Pathologie. "Das ist alles prüfungsrelevant." Zusätzlich böten die Schulen Seminare in verschiedenen Therapiemöglichkeiten an. "Die Heilpraktiker haben dazu auch Leitlinien erarbeitet und an die Politik herausgegeben", betont Heidary und bedauert:"Darüber wird leider nicht berichtet."

Heilsversprechen dürfen Heilpraktiker nicht machen.

Homeira Heidary, Bund Deutscher Heilpraktiker und Naturheilkundiger in München

Zum Thema Patientensicherheit sagt die Verbandssprecherin, dass der obligatorischen Berufshaftpflichtversicherung kaum Schadensfälle gemeldet würden. "Bei Ärzten gibt es auch 20000 Fehlbehandlungen jährlich, da kann man doch nicht den Berufsstand der Heilpraktiker derart diffamieren." Auch den Vorwurf mangelnder Kooperation mit der Schulmedizin will Heidary nicht auf sich sitzen lassen. "Das kann man behaupten, aber nicht belegen. Wir lehren zum Beispiel, krebskranke Patienten immer zum Onkologen zu schicken. Und auch Heilsversprechen dürfen Heilpraktiker nicht machen." Natürlich gebe es "teilweise Einzelfälle", in denen es anders laufe. "Aber wir wollen diese schwarzen Schafe ja selbst sanktionieren und haben zu diesem Thema einen Termin in Berlin." In einem Punkt ist die Verbandssprecherin dann aber doch mit Dr. Rechl einig: "Die Patienten wollen das, die Nachfrage nach dem Heilpraktiker ist definitiv gegeben."

Hintergrund:

Zwei Leser, zwei Meinungen

Zu unserer ursprünglichen Berichterstattung über Heilpraktiker vom 23. Januar auf der Seite "Landespolitik" erreichten uns mehrere Reaktionen. So schreibt eine Leserin aus dem Landkreis Neustadt/WN (Name der Redaktion bekannt):

"Als ehemalige Patientin eines in der Region ansässigen Heilpraktikers kann ich dem Urteil des Vizepräsidenten (Andreas Botzlar, Anmerkung der Redaktion) der bayerischen Landesärztekammer nur voll zustimmen. Das Handeln des Heilpraktikers mag in manchen Fällen Besserung oder Heilung bringen, aber nicht um jeden Preis. Er müsste seine Grenzen erkennen und den Mut und auch den Stolz besitzen zu sagen: ,Hier bin ich überfordert.' In meinem Fall hat er das nicht getan. Warum auch? Einem glücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass einige Tage nach der Behandlung durch den Heilpraktiker ein Arzt das fehlerhafte Tun erkannte. Hätte der mich behandelnde Heilpraktiker 2017 diesen Mut und Stolz gehabt, dann wäre ich nicht in der Notaufnahme gelandet und mir wären monatelange Schmerzen und Probleme der Nachbehandlung erspart geblieben. Mehrere Ärzte waren in die "Reparatur", bedeutet gleichsam Wiedergutmachung, involviert. Meine private Krankenkasse und die staatliche Beihilfe zögerten oder weigerten sich mit entsprechender Begründung bei der Kostenübernahme."

Leser Horst Bauer aus Wernberg-Köblitz ist der gegenteiligen Meinung. Er betont: "Ich lebe gesund, habe noch nie geraucht und gehe jährlich zur Krebsvorsorgeuntersuchung. Vor einigen Jahren informierte mich mein Hausarzt plötzlich, ohne mir eine genaue Ursache zu nennen, dass ich unter starkem Bluthochdruck leide und dieses gesundheitliche Problem bei mir nicht mehr ohne Tabletten in den Griff zu bekommen sei. Nach gründlichem Lesen des Beipackzettels und der Nachfrage bei einem Heilpraktiker stellte sich jedoch heraus, dass das verabreichte Medikament für mich viel zu stark war und die genannten Nebenwirkungen schwerwiegender einzustufen waren als die versprochenen Heileffekte. Also suchte ich den Heilpraktiker auf, der sich die Zeit für eine genaue Diagnostik nahm. Er verabreichte mir gezielt Naturheilmittel ohne große Nebenwirkungen."

Auf unsere Nachfrage erklärt Horst Bauer, heute völlig beschwerdefrei zu sein. "Die Ärzte und die Heilpraktiker sollten sich doch einigen und zusammentun und nicht gegeneinander arbeiten", sagt er. Vor allem wünscht er sich, dass die Krankenkasse auch die Kosten einer Heilpraktikerbehandlung tragen würden, in seinem Fall seien das 3000 Euro gewesen. "Ich glaube, dass Ärzte da viel mehr verlangen." Er stehe seit 40 Jahren im Berufsleben und seine Krankenversicherung erhalte für ihn jährlich 4800 Euro, "da sollte man doch selbst wählen können, ob man sich von einem Arzt oder einem Heilpraktiker behandeln lassen möchte". (m)

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