"IGeL" abgelehnt: Patient büßt Sehkraft ein

Für individuelle Gesundheitsleistungen („IGeL“) können Patienten richtig Geld ausgeben. Nur: Welche Zusatzuntersuchung ist sinnvoll? Wann zahlt die Kasse? Ein Patient büßt durch eine Fehlentscheidung seine Sehkraft ein.

Patientin bei der Augenuntersuchung (Symbolbild).
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der 66-Jährige aus dem Landkreis Neustadt wird nie wieder richtig sehen können, weil er eine Glaukom-Früherkennung abgelehnt hatte.

Die Schuld daran gibt das Landgericht Weiden aber nicht dem Patienten, der die Untersuchung nicht selbst bezahlen wollte. Die 1. Zivilkammer unter Vorsitz von Richter Josef Hartwig sieht vielmehr die Augenärztin in der Pflicht. Sie hätte die Augeninnendruckmessung "zwingend" vornehmen müssen. Das Gericht folgt damit der Meinung eines Gutachters: Die Messung zur Früherkennung eines Glaukoms (Grüner Star) wäre aufgrund der Beschwerden angezeigt gewesen und in diesem Fall auch von der Kasse übernommen worden. Die Medizinerin ist zur Zahlung von 20000 Euro Schmerzensgeld verurteilt worden, zusätzlich erging ein Feststellungsurteil, wonach dem 66-Jährigen künftige materielle Schäden zu erstatten sind.

Für Betroffene eines Glaukoms ist ein Teil des Blickfelds ausradiert.

"Verkauf" beim Eintreten

Dem 66-Jährigen war gleich am Eingang der Gemeinschaftspraxis, noch bevor er überhaupt einen Augenarzt gesehen hatte, von der Arzthelferin eine kostenpflichtige Augeninnendruckmessung angeboten worden. Der Patient lehnte ab. Er litt an konkreten Beschwerden - erhöhtem Augendruck und einem "Schleier" - und wollte untersucht werden. Die Ärztin kam zu dem Schluss, dass "dem Auge nichts fehle". Eine Augeninnendruckmessung nahm sie pflichtwidrig nicht vor.

Nach Einschätzung von Gutachter Dr. Stephan J. Fröhlich hätte die Messung mindestens einen leicht erhöhten Augendruck ergeben. Man hätte sofort mit der medikamentösen Therapie beginnen können, die in 90 Prozent der Fälle ausreiche. Stattdessen wurde der 66-Jährige nach Hause geschickt und für sechs Wochen später wieder einbestellt. Erst da wurde das Problem erkannt. Eine Schädigung des Sehnervs an beiden Augen ließ sich nicht mehr verhindern. Der Patient musste in der Augenklinik Regensburg operiert werden. Er muss heute mit einer deutlichen Sichtfeldeinschränkung leben, die irreversibel ist. Der Verlust des Augenlichts ist nicht ausgeschlossen. Der Anwalt der Augenärztin verteidigt das Vorgehen damit, dass dem Patienten der Aufklärungsbogen ausgehändigt worden sei. Es sei dessen "fehlender Compliance" (Bereitschaft zur Mitwirkung) geschuldet, in dem er selbst weitere Befunde abgelehnt habe.

"Fehler im System"

Für Rechtsanwalt Christoph Scharf, der den 66-jährigen Patienten vertritt, zeigt sich hier „ein Fehler im System“: „Es muss leider immer öfter beobachtet werden, dass wichtige Befunderhebungen durch Ärzte unterbleiben, aus Sorge, eine Zahlung durch die Kasse würde nicht erfolgen.“ Stattdessen werde erwartet, dass der Patient vor der Untersuchung zusichere, diese als IGeL selbst zu bezahlen. Dies ist nach Ansicht von Scharf älteren Menschen mit kleiner Rente oder sozial Schwächeren nicht immer möglich. Zumal gerade in diesem Fall gilt: Der so genannte „IGeL-Monitor“ rät von ei- ner Augeninnendruckmessung regel- recht ab. Diese sei meist überflüssig. Der Patient kann nicht beurteilen, was für ihn medizinisch sinnvoll ist.

Für Anwalt Scharf stellt sich die Frage, ob Krankenkassen sich und der Gesellschaft mit einem solchen Abrechnungssystem einen Gefallen tun: „Die Kosten nach einer Fehlbehandlung überschreiten die der Befunderhebung mehr als das 100-fache und sogar 1000-fache.“

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Christian Weymayr

Sie schreiben: "Zumal gerade in diesem Fall gilt: Der so genannte „IGeL-Monitor“ rät von einer Augeninnendruckmessung regelrecht ab." Das ist nicht richtig. Wir bewerten die Augeninnendruckmessung bei Menschen OHNE BESCHWERDEN mit "tendenziell negativ". Wer Beschwerden hat, wie in dem von Ihnen geschilderten Fall, sollte diese selbstverständlich abklären lassen. Und diese Abklärung ist – ebenfalls selbstverständlich – Kassenleistung.
Dr. Christian Weymayr
Projektleiter IGeL-Monitor

03.05.2019