Inklusion, die sich selbst erklärt

Wolfgang Bauer aus Weiden hat ein Kinderbuch illustriert, in dem ein Elf ohne Flügel seinen Platz in der Gemeinschaft der fliegenden Elfen findet. Für den 20-Jährigen war das Projekt eine besondere Herausforderung.

Die künstlerische Ader von Wolfgang Bauer ist im Haus der Familie in Weiden nicht zu übersehen: Blumenbilder, außergewöhnliche Fahrzeuge und Sonnen zieren die Wände im Wohnzimmer und zeigen, welche Motive dem 20-Jährigen besonders liegen. Nun steht auch ein Buch im Regal der Familie, das seine Handschrift trägt. Wolfgang Bauer, hat ein Kinderbuch in Leichter Sprache illustriert und setzt gemeinsam mit der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) der Diözese Regensburg, die das Buchprojekt finanziell unterstützt hat, ein Zeichen für Inklusion. Ein ganz besonderes Zeichen, denn er selbst hat eine geistige Behinderung.

„Es war anstrengend“, erinnert sich Bauer an das halbe Jahr, in dem die Bilder entstanden sind. Aber mit dem Ergebnis ist er zufrieden: „Mir gefällt das Buch“, sagt er. „Es ist ein Bilderbuch in Leichter Sprache, das für Inklusion wirbt“, sagt KJF-Direktor Michael Eibl, „wir haben dieses Projekt deshalb sehr gerne unterstützt.“ Auch seine Familie ist stolz: „Ich habe ihm immer gesagt: Mach weiter und gib nicht auf“, erinnert sich seine Mutter Christine Bauer.

Angeleitet wurde das Projekt von Renate Höning. Die Künstlerin ist auch Heilpädagogin und leitet bei der KJF das Atelier „KUNST inklusiv“, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam kreativ sind. Bauer fährt bis heute regelmäßig einmal pro Woche nach Regensburg, um im Atelier zu arbeiten und kreativ zu sein. Die Illustrationen im Buch sind allesamt aquarellierte Radierungen. „Es ist nicht nur ein Kinderbuch, sondern auch ein Kunstbuch geworden“, erklärt Höning.

In der Gemeinschaft ist jeder wichtig

„Nimm jeden Menschen so an, wie er ist, denn jeder Mensch kann einen wichtigen Beitrag für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft leisten“, lautet die Botschaft des Buches. Ausgedacht hat sich das Elfenmärchen Carolin Lutter aus dem niedersächsischen Hespe. Die 29-Jährige ist Asperger Autistin und lieferte den roten Faden für die Bildergeschichte. Der Elf ohne Flügel muss gegen eine Spinne kämpfen, um anderen Elfen zu retten. Sie hängen kopfüber in der Höhle des grusligen Tiers. Er gewinnt, weil er keine Flügel hat und nicht in den klebrigen Fäden der Spinne hängen bleibt wie die anderen Elfen. Am Ende nehmen sie den Elf ohne Flügel in ihre Mitte und fliegen mit ihm der Sonne entgegen.

Die Elfen, die Wolfgang Bauer zeichnet, sehen anders aus, als man es gewohnt ist. Statt Glitzer und zarte Gesichtszüge haben die Figuren des 20-jährigen Künstlers ein eher burschikoses Wesen mit vielen Ecken, Kanten und spitzen Ohren. „Mir gefiel die Geschichte, weil sie so positiv ist“, sagt Renate Höning. Als die Anfrage kam, wer die Geschichte illustrieren könne, dachte Höning sofort an Bauer. „Er ist ein Vollblut-Künstler und lässt sich auf Geschichten ein“, erklärt sie.

Das Buch eignet sich für Leser ab drei Jahren. Aufgrund seiner kurzen und einfachen Sätze richtet es sich zudem an Menschen mit einer Lern- oder einer geistigen Behinderung. Für große Leserinnen und Leser wird die Geschichte dann noch einmal in einer Langfassung erzählt. Auf jeder Seite des Buches sind die Illustrationen von Wolfgang Bauer zu sehen. Er zeigt seine Sicht auf die Elfen, den Wald, in dem sie leben und die Höhle der bösen Spinne. Ein Lieblingsbild hat er nicht. „Alle Elfen sind schön geworden“, findet er. Natürlich auch der Elf ohne Flügel.

Künstlerisches Talent früh gefördert

Bereits mit sieben Jahren hat Bauer angefangen zu malen und kleine Geschichten zu erzählen. Im Verlauf seiner Schulzeit im Pater-Rupert-Mayer-Zentrum, Förderzentrum mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, in Regensburg haben seine Betreuer aufgeschrieben, was er sich ausgedacht hat und ihn dabei unterstützt, Bilder dazu zu entwerfen. „Er hat sich über die Jahre sein eigenes Spektrum an Motiven erarbeitet“, erklärt Höning.

Bauer und sein Talent fielen ihr früh auf und sie begann, ihn kontinuierlich zu fördern. Vorläufiger Höhepunkt war im Jahr 2017 seine Nominierung für den europäischen Kunstpreis Euward. Das sei international die wichtigste Auszeichnung für Kunst im Kontext von geistiger Behinderung, sagt Höning. Damit einher ging eine Ausstellung im Buchheim Museum am Starnberger See. An dem Wettbewerb nahmen 400 Künstlerinnen und Künstler mit geistiger Behinderung teil und nur 17 schafften es wie Bauer in die engere Auswahl. „Das spricht für seinen Originalität und Kreativität“, sagt Höning.

Im vergangenen Jahr hat Wolfgang Bauer seine Schulzeit im Pater-Rupert-Mayer-Zentrum in Regensburg abgeschlossen und arbeitet nun in einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung der Einrichtung Dr. Loew. „Für Künstler mit Beeinträchtigung ist es nicht leicht, dauerhaft Unterstützung zu finden“, erklärt Höning.

Service:

Das Buch

Das Kinderbuch „Vom Glück fliegen zu können“ ist für 9,95 Euro unter der ISBN 978-3-00-061206-0 im Handel erhältlich. Es kann auch bei der KJF in der Orleansstraße 2a in Regensburg bestellt werden: presse[at]kjf-regensburg[dot]de oder Telefon: 0941 79887-219.

Die Illustrationen des Buchs sind ab Ende Februar in der Regensburger Stadtbücherei zu sehen.

Ab 21. September folgt eine Ausstellung der Werke im Kunstbau Weiden bei Irene Fritz.

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