Interview Zum 5-Kilo-Gold-Enkeltrick: Es kann fast jeden erwischen

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Ein Ehepaar aus Weiden übergibt 5 Kilogramm Gold an einen Fremden, nur weil sich eine falsche Nichte gemeldet hatte. Wer nun über Senioren spotten will, sollte sich das überlegen. Unter passenden Umständen kann fast jeder Opfer werden.

Am Telefon in der Falle: Besonders Senioren geraten immer wieder ins Visier von Telefonbetrügern.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Im Interview erklärt Polizeihauptkommissar Florian Beck vom Präsidium in Regensburg, wie es sein kann, dass vernünftige und intelligente Menschen auf scheinbar "billige" Tricks hereinfallen. Und Beck erklärt auch, wie die Betrüger das Telefonbuch für ihre Zwecke einsetzen.

ONETZ: Herr Beck, es vergeht keine Woche, ohne Meldungen zum so genannten Enkeltrick. Trotzdem fallen ständig erneut Menschen auf diese Masche herein. Wie kann das sein?

Florian Beck: Weil diese Masche sehr perfide ist. Die Täter spielen mit den Gefühlen ihrer Opfer und nutzen deren Zuneigung für die eigenen Angehörigen. Das kann zum Beispiel so ablaufen, dass sich der Betrüger am Telefon mit "Hallo Oma" meldet. Wenn die Oma dann fragt, "Maxl, bist das du", dann haben die Täter schon beinahe gewonnen. Es wird dann nicht mehr hinterfragt, ob das wirklich mein Enkel am anderen Ende der Leitung ist.

ONETZ: Muss man besonders leichtgläubig oder naiv sein, um auf diese Tricks hereinzufallen?

Nein, sicher nicht. Es sind auch nicht immer Senioren, die auf die Betrüger eingehen. Wenn die Situation passend ist und die Betrüger das "richtige" sagen, kann es jeden erwischen. Dazu passt auch, dass die Opfer sich hinterher oft furchtbar schämen. Die können selbst nicht glauben, dass so etwas ausgerechnet ihnen passiert.

ONETZ: Trotzdem kann man es fast gar nicht glauben, wenn man hört, dass ein Ehepaar kiloweise Gold an einem Fremden übergibt, nur weil sich zuvor jemand am Telefon gemeldet hat.

Wenn die Betrüger ein Opfer an der Angel haben, tun sie alles, um ans Geld zu kommen. Oft rufen dann verschiedene Bandenmitglieder an und bestätigen sich gegenseitig. Wenn der eine sagt, er wäre Polizist, stellt sich der nächste als Notar oder Richter vor. Dazu wird mit moralischem Druck gearbeitet, die Notlage eines nahen Angehörigen vorgetäuscht. Und auch Zeitdruck kann eine Rolle spielen. Die Opfer sollen keine Zeit haben, über die Geschichte nachzudenken.

ONETZ: Informieren sich die Täter vorab über ihre Opfer? Oder geht es um Zufall?

Meistens versuchen die Täter die selbe Masche einfach immer wieder, bis es einmal passt. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass oft ganze Stadtviertel abtelefoniert werden. Die Betrüger nehmen sich dazu das Telefonbuch und rufen einen nach den anderen an. Das bemerken wir, weil uns oft viele Anrufe aus derselben Straße oder demselben Viertel erreichen. Auffällig ist außerdem: Die Täter suchen gezielt nach alten Vornamen. Sie hoffen, dass sie so vor allem ältere Menschen erreichen, die sie dann leichter mit ihrer Masche um ihr Geld bringen können.

Florian Beck

ONETZ: Das bedeutet, dass es auch um statistische Wahrscheinlichkeit geht. Je mehr Anrufe mit der immer gleichen Geschichte, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Betrüger einmal erfolg mit ihrer Masche haben.

Ja, das ist tatsächlich so. Wenn sie es oft genug versuchen, steigt für die Betrüger die Wahrscheinlichkeit, ein potenzielles Opfer zu finden, das die Geschichte glaubt. Zum Beispiel, weil es tatsächlich einen Enkel gibt, dessen Stimme so klingt wie die des Betrügers.

ONETZ: Lässt sich sagen, wie hoch die "Erfolgsaussichten" für die Betrüger sind? Wie viele Anrufe sind nötig, bis man ein Opfer findet, dass sich betrügen lässt?

Das lässt sich nur schwer sagen. Es melden sich ja nicht alle, die die Betrugsmasche als solche erkannt haben. Manchmal zögern sogar die Opfer, den Betrug anzuzeigen. Das liegt dann an der Scham, die diese Menschen empfinden, wenn sie sich haben betrügen lassen.

ONETZ: Soll man sich denn bei der Polizei melden, wenn man rechtzeitig gewarnt worden ist und nichts gezahlt hat.

Ja, unbedingt. Das Gespräch beenden, auflegen und sofort bei der Polizei anrufen. Die Information, wo die Täter gerade am Werke sind, ist für uns sehr wichtig.

ONETZ: Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Täter geschnappt werden, das Ehepaar ihr Gold zurück erhält?

Das ist sicher nicht ausgeschlossen und kommt auch immer wieder vor. Im konkreten Fall stehen die Ermittlungen noch am Anfang, deshalb ist eine Prognose schwer. Fest steht aber, dass es am besten ist, auf diese Betrüger gar nicht erst hereinzufallen.

ONETZ: Was kann man tun, um nicht hereinzufallen?

Man kann zum Beispiel den Vornamen aus dem Telefonbucheintrag durch den Anfangsbuchstaben ersetzen. Dann sind über den Namen keine Rückschlüsse mehr auf das Alter der Person möglich.

ONETZ: Und wenn ich einen älteren Angehörigen schützen will?

Man sollte mit ihm sprechen, immer wieder auf die Gefahr hinweisen. Auch Pfarrgemeinden, Sozialdienste oder Angebote wie „Essen auf Rädern“ können einen Beitrag leisten, indem sie ihre Kunden auf die Gefahr hinweisen. Der wichtigste Tipp bleibt dabei: Niemals Geld an Unbekannte übergeben.

5 Kilogramm Gold verschwunden

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Enkeltrick: Einige Beispiele

Immer wieder liest man von Betrügern, die mit dem Enkeltrick Erfolg hatten. Einige Beispiele:

Enkel in finanzieller Not

Eine Senioren aus dem Nabburger Ortsteil Perschen erhielt im Juli 2019 einen Anruf eines angeblichen Enkels in einer finanzielle Notsituation. Weil bei der Geldübergabe nicht der Enkel, sondern ein fremder Mann zu ihr kam, wurde sie misstrauisch und weigerte sich, das Geld zu übergeben. „Der Täter entriss ihr dieses in einem Gerangel und flüchtete mit einem Pkw“, heißt es dann im Polizeibericht. Bei dem Gerangel zog sich die Frau

Tochter will Haus kaufen

Als die Tochter sich per Telefon meldet und um Hilfe bim Kauf einer Immobilie bittet, denkt ein älteres Ehepaar aus Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) nicht lange nach. Die Frau am Telefon sagt, sie benötigte einen fünfstelligen Bargeldbetrag, eine „Freundin“ werde als Abholerin zu dem Ehepaar nach Hause kommen. Tatsächlich taucht die fremde rau auf, tatsächlich übergibt das Ehepaar den fünfstelligen Betrag. Das Geld war damit erst einmal weg. Die Polizei meldete an diesem Tag zudem einen weiteren Betrugsversuch, ebenfalls in Hahnbach. Dabei erkannte eine Seniorin den versuchten Betrug rechtzeitig.

Rentner schießt auf echte Polizei

Wie heftig der Einfluss der Betrüger sein kann, zeigt noch dieses Beispiel aus Hessen. Ein 90-Jähriger hatte dort Anfang 2018 einen Anruf von falschen Polizisten erhalten. Die Fremden wollten den Mann dazu bringen, Geld vor die Haustür zu legen, dort soll es die Polizei zum Schutz an sich nehmen. Der Senior bekommt Zweifel, ruft die echte Polizei. Er telefoniert aber auch weiter mit der Betrügerin. Der gelingt es, denn Mann völlig zu verwirren. So sehr, dass der alte Herr sogar mit einem Gewehr auf die echten Beamten schießt, die wegen seines Notrufs vor seiner Haustür stehen. Ein Beamter erleidet ein Knalltrauma

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