Ironisch, poetisch und treffsicher

Famoser Auftritt von "Lüül" und Kerstin Kaernbach bei "Klein & Kunst" in der Weidener Max-Reger-Halle.

Lüül und seine Bühnenpartnerin Kerstin Kaernbach begeisterten bein der "Klein & Kunst"-Reihe.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Inspiriert von Jack Kerouac oder Allen Ginsberg hat er sich gefühlt, als er sich musikalisch seiner Heimatstadt angenommen hat. Den Song "West-Berlin" könnte man aber auch in gewisser Weise als deutschsprachiges Gegenstück zu Billy Joels "We didn't start the Fire" interpretieren. Wie auch immer: "Lüül", mit bürgerlichem Namen Lutz Graf-Ulbrich, gelingt mit seiner Bühnenpartnerin Kerstin Kaernbach ein bemerkenswerter Auftritt bei der "Klein & Kunst"-Reihe im Untergeschoss der Max-Reger-Halle.

Berlin - da ist er geboren, da lebt er auch heute wieder. Und dazwischen liegt ein äußerst aufregendes Musiker- und Privatleben mit Höhen und Tiefen, Abstürzen und Wiederauferstehungen. Lange Zeit war "Lüül" mit "Velvet Underground"-Ikone Nico unterwegs, deren bizarrer und exzessiver Lebensstil ("Es war eine intensive Zeit") an ihm nicht spurlos vorüberging. "Unser Meer war der Wannsee, unsere Insel West-Berlin", singt "Lüül" an diesem Abend seine Berlin-Hymne über die Zeit, als die Welt am Checkpoint Charlie noch zu Ende war. "Wir waren alle kleine Che Gueveras nach dem Schuss von Karl-Heinz Kurras", singt "Lüül" in dem Lied weiter.

Die Zuhörer erleben einen politischen und zugleich amüsanten und selbstironischen Liedermacher, der mit Kerstin Kaernbach eine multiinsturmentale Partnerin an seiner Seite hat: Da ist nicht nur deren famoses Spiel auf der Geige, vielmehr bringt sie sogar die (echte) Säge zum Singen und fasziniert mit ihrem berührungslosen Agieren und Kontrollieren der Schwingungen am Theremin, einem ganz und gar ungewöhnlichem Instrument, das gelegentlich in Tom-Waits-Stücken durchschlägt. So wundert es auch nicht, dass "Lüül" einen Song des kauzigen Kaliforniers Waits ins Deutsche übersetzt hat: "In der Nachbarschaft".

In dem Lied "Hohe Wellen" blickt der Sänger auf das, was schon war, und auf das, was noch sein wird - die autobiographische Note des Songs ist unverkennbar, auch von durchschrittenen tiefen Tälern ist darin die Rede. "Lüül" ist nicht nur Sänger und Schreiber voller Wortwitz und Alltagspoesie, sondern auch ein ausgezeichneter Gitarrist, was er den ganzen Abend über eindrucksvoll demonstriert. Und so singt er von den "Party-People", die mit dem Bier in der Hand durch die Straßen ziehen, erinnert sich an eine Postkutschenreise an der Müritz und die Wirtin, der er mit "Rote Andrea" ein Denkmal gesetzt hat. Er besingt die Gewissheit, dass der Untergang kommt, erinnert sich an die "Schwarze See" und konstatiert "Leben ist gut".

Vieles an diesem Abend kommt im Chanson-Charakter daher, sich darauf einzulassen bedeutet für die Zuhörer, einen herausragenden Abend mit stimmigen Texten und Klängen zu erleben.

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