Kontrollierte Eruption

Zum Ende der 20. Max-Reger-Tage waren „Orgel-Eruptionen“ angesagt: Der finale D-Dur-Akkord von Regers Sinfonischer Phantasie und Fuge op. 57 sollte einen würdigen Abschluss bilden.

Professor Bernhard Haas an der Weimbs-Orgel in St. Michael. Chapeau: Er spielt auswendig und ohne Assistenten.
von Peter K. DonhauserProfil

Eine große Stunde für den Organisten Bernhard Haas. Er ist Professor an der Hochschule für Musik und Theater München. Schon auf der DVD-Kompilation "Maximum Reger" fasziniert sein informiertes, kluges, überlegenes Orgelspiel - am Sonntag begeistert er die Zuhörer mit einem Orgel-Konzert zum Abschluss der Max-Reger-Tage.

Auch seine Interpretation von Mendelssohn-Bartholdys Sonate A-Dur op. 65/3 besticht mit rhythmischer Klarheit und viel abgeklärter Gelassenheit. Wie später auch Reger integriert Mendelssohn in die zweisätzig frei gestaltete Sonate einen Choral, nämlich "In tiefer Not schrei' ich zu dir", Haas lässt ihn dezent im Pedal zu der vierstimmigen Manual-Fuge treten.

Bachs Choralvorspiele waren richtungsweisend für Reger; Haas wählt BWV 653: "An Wasserflüssen Babylons". Die Begleitstimmen sind als Triosonate angelegt, der Organist spielt das Pedal nur mit schlanker 8'-Registrierung, der Cantus Firmus im Tenor versteckt sich manchmal ein wenig hinter den fülligen Flöten.

Die Romantik ist die eigentliche Heimat der Weimbs-Orgel in St. Michael, bei der "Fantasie do majeur" von César Franck wird sie auch der französischen Variante dieses Klangstils gut gerecht. Haas arbeitet introvertierte wie dramatische Passagen klar heraus. Als meditative Schnaufpause "Les Espaces" aus den "Six Études pour Orgue" (1982) des Kanadiers Bruce Mather. Lang gehaltene sphärisch changierende Töne gleiten in die Tiefe und empor, doch hinterlässt das Etüden-Einzelkind - seinen fünf Geschwistern entrissen - etwas Ratlosigkeit.

Ganz bestimmt hinterlässt das Stück aber konzentrierte Hör-Energie für Regers ebenso sinfonische wie fantastische "Inferno-Phantasie", die er 1901 in Weiden komponiert hatte. Erst später stellt er einen Bezug zu Dantes "Göttlicher Komödie" her, deren Themen Verdammnis und Erlösung sind. Heute noch passt Regers Warnung an den Sänger Loritz: "Mache Dich auf was gefasst", und damit sind nicht die 142 (!) Versetzungszeichen allein in Takt sechs gemeint, die vom Spieler alle Notenlesekunst fordern, von den immensen technischen Hürden (Straube: "unmenschlich schwer") ganz abgesehen. Haas meistert alle Hürden mit Leichtigkeit. Dazu tritt seine hervorstechende aufwendige Registrierkunst, die das Opus schier in ein Orchesterwerk zu verwandeln scheint.

Haas behält stets kühlen Kopf, er spielt so klangsensibel, durchhörbar, durchstrukturiert, mit solch intelligenter Führung der Stimmen, dass neue Zusammenhänge und Ausdruckstiefen an die Oberfläche treten. Man zieht gern den Hut vor dieser Leistung, danach "klebt kein Zuhörer wie ein Relief an der Wand" (Reger). Als blutdrucksenkende Zugabe spielt Haas Bachs zweistimmige Invention D-Dur BWV 774.

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