Lieferengpässe bei Medikamenten: "Fast schon katastrophal"

Die Szene spielt sich in einer Apotheke in Weiden ab - so wie täglich tausende Male in ganz Deutschland. Eine Patientin braucht ein Medikament, in diesem Fall ein Antiepileptikum. Aber sie bekommt es nicht. "Lieferengpass."

Die Szene spielt sich in einer Apotheke ab - so wie täglich tausende Male in ganz Deutschland. Eine Patientin braucht ein Medikament. Aber sie bekommt es nicht. "Lieferengpass."
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Es ist eine Katastrophe", sagt Martin Wolf aus Vohenstrauß, Sprecher der Apotheken im Landkreis Neustadt/WN. In den letzten ein, zwei Jahren habe sich das Problem immer mehr verstärkt. Seine Kollegen in der Oberpfalz teilen seine Meinung: "Wir haben richtig zu kämpfen", sagt Christian Bauer, Sprecher der Apotheker im Landkreis Schwandorf. Kollege Peter Kindler aus Neunburg vorm Wald schätzt die Lage als "fast schon katastrophal" ein. "Deutschland war einmal die Apotheke der Welt. Jetzt ist es das Land der Lieferengpässe", so Christian Züllich, Sprecher der Apotheken im Landkreis Tirschenreuth.Der Aufwand für alle Apotheker ist enorm. Kein Kranker soll mit leeren Händen gehen. "Inzwischen wenden wir gefühlt unsere halbe Arbeitszeit dafür auf, Alternativen für die Patienten zu suchen", berichtet Apotheker Wolf aus Vohenstrauß. Die Apotheker fragen Kollegen nach Restbeständen, prüfen vergleichbare Produkte anderer Hersteller, halten Rücksprache mit den Ärzten. Das kostet Zeit und Nerven. "Das drückt auch auf die Stimmung der Mitarbeiter."

Selbst Ibuprofen betroffen

Und auf die Stimmung der Patienten. Nicht immer kann hopplahopp auf eine andere Firma ausgewichen werden. Beispiel Antiepileptika: "Die Patienten sind sehr sensibel auf ein Präparat eingestellt." Unter den "Top 10" der nicht lieferbaren Medikamente sind auch Antidepressiva, wie Opipramol, oder Blutdrucksenker, wie Valsartan, Säureblocker, wie Pantoprazol. Die aktuelle Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte wird immer länger. "Aktuell sind 265 Artikel, die wir normalerweise auf Lager haben, nicht zu bekommen", sagt Apotheker Wolf.

Kommentar: Wie die Engpässe bei Medikamenten bekämpft werden können

Deutschland und die Welt

Selbst mit dem gängigen Schmerzmittel Ibuprofen gab es jüngst Schwierigkeiten, weil ein Werk in den USA abgebrannt war. Sicher ein Einzelfall, aber es zeigt die Struktur, die für die Lieferengpässe in Deutschland verantwortlich ist. "Es gibt weltweit immer weniger Werke, die Arzneimittel herstellen", so Wolf. Global betrachtet findet die Wirkstoffproduktion aus Kostengründen oft in wenigen Betrieben in Fernost statt. Besonders wichtig ist aus seiner Sicht, dass die Herstellung wieder nach Europa geholt wird. Viele lebenswichtige Arzneistoffe würden derzeit in Europa - geschweige denn Deutschland - überhaupt nicht mehr hergestellt. Darunter spezielle Antibiotika.

Das Thema sei in der Politik angekommen. Beinahe jede Partei habe ein Positionspapier vorgelegt. Strittig sei, inwieweit Rabattverträge der Krankenkassen mit Herstellern eine Rolle spielen. Die Forderung der Apotheker: Die Kassen sollen solche Verträge zumindest mit mehreren Herstellern abschließen. "In der Apotheke muss der Austausch eines verfügbaren Medikaments leichter möglich sein." Die meisten Patienten seien dankbar für die Bemühungen der örtlichen Apotheken. "Nur einige wenige meinen, wir wären zu dumm, ihr Medikament herzubringen."

Problem in den Niederlanden

Im Übrigen: Niederländische Versender bieten einen solchen Service nicht. "Ich will die gar nicht Apotheken nennen", sagt Wolf. Auch dieses Problem ist hinlänglich bekannt: Knapp hinter der Grenze sitzen in den Niederlanden Versandhändler, die ausschließlich den deutschen Markt bedienen (in den Niederlanden ist der Versand rezeptpflichtiger Medikamente verboten). Sie unterliegen weder den deutschen Kontrollen, noch den Verpflichtungen deutscher Apotheker (etwa zum 24-Stunden-Dienst). "Es geht nur um die Zerstörung unseres Systems", sagt Apotheker Wolf. Auch beim Problem Lieferengpässe machen es sich die Versender aus den Niederlanden leicht. Da steht einfach: "nicht lieferbar".

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Doris Mois

Ich finde es eine riesige Sauerei,dass sich da die Politik so wenig kümmert!
Ich war vor kurzem selber betroffen und hätte mit erheblichen gesundheitlichen Problemen rechnen müssen,wenn die Apothekerin mir nicht nach einigen Tagen doch noch mein Medikament besorgen hätte können.
Ich kann das immer noch kaum glauben,dass sowas in einem Land wie Deutschland in diesem Ausmaß möglich ist.Es geht hier ja auch-wie im Artikel schon geschrieben-um Medikamente,die man nicht einfach austauschen oder weglassen kann.
Hier noch vielen Dank an die ganzen Apotheker/innen und PTAs ,die sich so viel Mühe geben !!

19.11.2019