Eine literarische Liebesreise

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Der Berliner Schriftsteller Franz Joachim Behnisch wurde vor 100 Jahren geboren und war immer ein Geheimtipp. Seine "Rummelmusik" (1966) sorgte für Aufsehen, aber erst nach seinem Tod wurde sein literarischer Nachlass veröffentlicht.

Als literarischen und humorvollen Feingeist kann man den Schriftsteller und Lyriker Franz Joachim Behnisch beschreiben, der vor 100 Jahren in Berlin geboren wurde. Einen Großteil seines Lebens verbrachte er in Weiden, wo er, vom Literaturbetrieb nicht beachtet, weiter schrieb und dichtete. Sein Nachlass befindet sich im Literaturarchiv in Sulzbach-Rosenberg. In Weiden erinnert die Franz-Joachim-Behnisch-Anlage hinter der Regionalbibliothek – dort gibt es auch einen nach ihm benannten Saal – an den Autor.
von Externer BeitragProfil

Dies sollte eine Liebesreise werden" - So steht es auf einem aus mehreren Bodenplatten bestehenden Kunstwerk in der Nähe der Universität Erlangen. Im Juni 1983 eilte Ehrentraud Dimpfl dort zum Krankenhaus und sah diesen Satz auf dem Asphalt. Für sie war es eine Liebesreise, doch als sie schließlich in der Klinik angekommen war, eröffnete man ihr, dass ihr Lebensgefährte Franz Joachim Behnisch, der Schriftsteller und Lehrer am Weidener Kepler-Gymnasium im Alter von nur 63 Jahren verstorben war. Er war nach der Operation, der er sich dort unterzogen hatte, nicht mehr erwacht.

Seither gibt es viele, die ihn vermissen. 100 Jahre wäre er geworden: Nicht auszudenken, was er noch geschrieben hätte, würde er noch leben. Und noch viel weniger auszudenken ist, dass dieser Schriftsteller, der vage dem Umkreis der legendären Gruppe 47 zuzurechnen wäre, noch immer ein Geheimtipp ist. Einmal hat er die Einladungskarte zu einem Treffen der Gruppe 47 bekommen, doch ist er nicht hingegangen.

Geboren wurde Behnisch am 19. Februar 1920 in Berlin. Sein Geburtshaus in der Katzlerstraße 11 in der Nähe des Matthäi-Friedhofs, wo die Gebrüder Grimm begraben liegen, taucht immer wieder in seiner Literatur auf. Wie ein Sinnbild mag es da erscheinen, dass dieses Haus zwar den Krieg, nicht jedoch die Nachkriegszeit überstanden hat. Gewiss, es steht noch, doch wurde dieses Gebäude seiner reichen Gründerzeit-Fassade beraubt, alle Ornamente wurden herzlos zerschlagen. Immerhin: Es ist eine Tafel angebracht worden, die daran erinnert., dass Franz Joachim Behnisch dort seine Kindheit verbracht hat.

Nach Weiden verschlagen

Es hatte Behnisch nach dem Krieg und langer sowjetischer Gefangenschaft (bis 1948) nach Weiden in der Oberpfalz verschlagen, "seine ihm vom Schicksal zugedachte Wahlheimat", wie Ehrentraud Dimpfl in vielen ihrer Vor- oder Nachworte betonte. Als Lehrer - Germanist und Historiker im untypischen weißen Kittel - unterrichtete er nicht nur, sondern witzelte über die Historie, unterzog sie theatralischen Darstellungen, zeichnete - zum Beispiel - Kleidungsstile geschichtlicher Epochen mit Schulkreide an die Tafel.

"Ich war dabei" (die Anführungsstriche gehören mit zum Titel, denn Franz Joachim Behnisch wollte sich von dem damals aktuellen Buch Franz Schönhubers abgrenzen, das denselben Titel trug) heißt ein wichtiger literarischer Text, der mir immer wie eine Art von "Behnisch in a nutshell" vorkam. Sein Stil, sein anarchischer Witz, sein Humor, sein Schmunzeln über aufgeblähte Autoritäten tritt hier beinahe emblematisch hervor.

Behnisch berichtet: "Die Vorstellung kann beginnen. Richard, der Pyromane, hat Zündhölzer abgebrannt, mit Spucke befeuchtet und an die Decke geworfen. Ein Großteil von mindestens 34 Animierten macht es ihm nach. Die Zimmerdecke ist bald übersät von Teufelshaaren oder gedrehten Schwarzwurzeln, die - scheinbar - aus dem oberen Raum in den unteren wachsen. Einer, der auf dem Motorrad zur Schule kommt, grinst vor sich hin. Seine Tante liegt im Sterben. Er freut sich auf ihren Tod, weil dann endlich ihr Zimmer für ihn frei wird."

Danach bekommt der Protagonist das Ganze tatsächlich ein wenig unter Kontrolle: "Verslehre wird ventiliert, Jagd gemacht auf bestimmte Taktierungen und Rhythmen, nicht nur bei Hölderlin oder Brecht, sondern auch in Überschriften von Zeitungen, an Fahrzeugen, öffentlichen und privaten, überhaupt bei jeder Art von Reklame, wenn Sprache im Spiel ist."

Fulminantes Finale

Schließlich gelingt ihm das fulminante Finale. Er ist wieder zu Hause. Nachts klingelt es an der Tür: "Ein Schüler ist an der Sprechanlage. "Können wir mal kurz raufkommen? Wir wollen Ihnen den Sarg zeigen." "Was wollt ihr mir zeigen?" "Na, den Sarg. Sie wissen schon, Dok." Für irgendeine Aufführung hatte die Theatergruppe Gott weiß wo einen Sarg ausgeliehen. Die Firma verlangte, um Aufsehen zu vermeiden, daß er nur bei Dunkelheit transportiert werde. "Nee, Freund, heute nicht mehr. Erstens war ich schon im Bett, und zweitens kann ich so spät keine Särge sehen. Ist der Clown dabei?" "Nein, bloß der Kutscher." "Also kein Trenck, kein Trinculo, nicht Tamerlan, weder Klein-Zaches noch Rat Krespel." "Sie sollten d o c h mitspielen, Dok." "Warum laßt ihr den Clown zu Hause?" "Sie vergessen, daß wir mit dem Lieferwagen unterwegs sind. Hinten ist alles voll, und vorn gibt es bloß zwei Plätze." "Ihr hättet ihn ja im Sarg deponieren können." "Tolle Idee, Dok. Nehmen an, Sie schminken uns wieder. Gute Nacht."

Es muss wohl nicht weiter betont werden, dass sich ein derart individualistischer Zeitgenosse nicht bei allen beliebt gemacht hat. Deswegen schrieb Behnisch im selben Text: "Ich greife in die Seitentasche meiner Berufsverkleidung (...) und ertaste Bleistiftstummel, genauer die Reste von Stummeln, requirierte Kaugummis, Zelluloidbällchen, Trillerpfeifen, Radierer, Klappmesser, Spickzettel, Miniwörterbücher, Rennauto-Modelle, Zigarettenbilder und ein paar freche Notizen, Leute betreffend, die meinen, ich vergifte, wenn ich die Anstalt betrete, das Terrain bereits mit den Sohlen. Großer Tinnef! Ich bin eine Nummer, die keiner ernsthaft zu fürchten braucht."

Im Jahr 1966 veröffentlichte Behnisch seinen Roman "Rummelmusik", in dem er auf hintersinnige Art seinen Protagonisten Nikolovius als Helden à la Buster Keaton vorstellte. Der Schutzmann, der verschiedenen deutschen Regierungen und Regimen gedient hatte, soll, so will es der Roman, am Ende im deutsch-deutschen Grenzstreifen zu sehen gewesen sein, mal in grüner, mal in blauer, westlicher oder östlicher Uniform. 1974 verärgerte er in einem Beitrag zur Literaturzeitschrift "Akzente" ("Grüße aus einer kleinen bundesdeutschen Stadt, grenznah, in schöner Umgebung") so manche damalige Autorität einer an der Waldnaab gelegenen Stadt.

Publikationen aus dem Nachlass

1982 erlebte er dann gerade noch die Publikation des Romans "Nicht mehr in Friedenau. Eine Vater-Sohn-Beschwörung". Daran schloss sich etwas an, was sich getrost als wunderbar bezeichnen ließe: Ehrentraud Dimpfl, die ihn um 31 Jahre überlebte, veröffentlichte Buch um Buch aus dem Nachlass, ließ Jahr um Jahr den hintergründigen literarischen Humor aufleben und finanzierte darüber hinaus elf (!) feine im Handpressendruck gesetzte und in der edition fundamental erschienene Werke Behnischs, Gedichte, Notate, Texte über Zinnfiguren. Behnisch war leidenschaftlicher und kenntnisreicher Zinnfiguren-Sammler sowie "Architekt" historischer Dioramen, in denen Schlachten, vor allem aus der napoleonischen Epoche, in Zinn nachgestellt waren.

Gerade in unseren aktuellen, sich immer mehr in allen Richtungen ideologisierenden und zu dramatischer, ja, beschämender Humorlosigkeit neigenden Tagen hätte Franz Joachim Behnisch ein spitzes, treffendes und doch schmunzelndes Wörtchen mitgeredet: als der Freigeist, der er zeit seines Lebens immer gewesen ist. Franz Joachim Behnisch zu lesen, ihn als Schriftsteller aufs Neue zu entdecken, kann so zur feinsinnigen Liebesreise werden.

Info:

Zum Autor

Dr. Thomas Stemmer (geboren 1966 in Weiden) war Schüler am Kepler-Gymnasium und ist jetzt Schriftsteller, Poet, Künstler, Orientalist, Ghostwriter, Korrekturleser, Lektor und Deutschlehrer. Er lebt derzeit in Ost-Frankreich (nördliches Elsaß).

1966 erschien der Berliner Roman "Rummelmusik".
"Rummelmusik" sollte ursprünglich "Im Gleisdreick" heißen. Der Rimbaud-Verlag veröffentlichte den Roman 2006 neu.

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.