Lockdown: Friseure verzweifelt gesucht

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Die Friseursalons bleiben bis mindestens Ende Januar geschlossen, die Haare der Kunden wachsen aber weiter. Wir haben mit Friseuren aus der Region über Schwarzarbeit und unmoralische Angebote gesprochen.

Ungewisse Zukunft - bis mindestens Ende Januar 2021 dürfen Friseure ihrer Arbeit nicht gewerblich nachgehen.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Die Konturen verdecken die Ohrmuscheln, die Scheitel wissen nicht mehr auf welche Seite sie ragen sollen und wachsende Ansätze verhelfen den Haaren zu ungewollten Farbspielen - seit dem 16. Dezember 2020 sind die Friseure in Bayern geschlossen und die Auswirkungen sind spätestens jetzt für alle spürbar. Das Problem: Bis mindestens 31. Januar 2021 werden die Salons auch nicht wieder öffnen. Viele fragen sich deshalb: Kann mein Friseur mich denn nicht einfach privat besuchen und mir die Haare zuhause schneiden? Eine Person eines weiteren Haushalts könne man ja treffen.

Doris Ortlieb, Geschäftsführerin des Landesinnungsverbandes des bayerischen Friseurhandwerks gibt darauf eine klare Antwort: "Die gewerbliche Friseurdienstleistung ist aktuell aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen verboten - egal ob im eigenen Salon, an der frischen Luft oder in der Privatwohnung eines Kunden." Das gewerbliche Haareschneiden wäre also Schwarzarbeit. Laut Auskunft der Stadtverwaltung Weiden drohen bei Missachtung des Verbots der gewerblichen Friseurdienstleistung bis zu 5000 Euro Bußgeld.

Die aktuelle Situation bewegt nicht nur die Kunden, vor allem die Friseure selbst reagieren sensibel. Zuletzt schickte der Zentralverband Friseurhandwerk einen viel beachteten Brandbrief an DFB-Präsident Fritz Keller, in dem große Verwunderung über die frischgeschnittenen professionellen Haarschnitte vieler Bundesliga-Profis geäußert wurde. Der Verband forderte unter anderem: "Zeigen Sie in Zeiten wie diesen Solidarität und setzen Sie mit uns ein Zeichen gegen Schwarzarbeit."

Bianca Schmiegler ist im Raum Weiden als mobile Friseurin unterwegs.

Ein Zeichen gegen Schwarzarbeit - das setzte Bianca Schmiegler bereits am 28. März 2020. Die mobile Friseurin aus Weiden schrieb auf Facebook: "Wir haben Ausnahmezustand! Was ist jetzt wichtiger? Mal drei oder vier Wochen keine Haare gemacht zu bekommen, oder die Gesundheit?" Die 44-jährige Solo-Selbstständige war geschockt von den vielen Anfragen. "Die Leute haben mich damals bombardiert - auf WhatsApp, im Messenger und mit Anrufen." Schmiegler schneidet vor allem Bewohnern in Altenheimen die Haare. "Das ist meine Haupteinnahmequelle", sagt sie. Kontaktiert wurde die Friseurin in dieser Zeit aber hauptsächlich von jungen Menschen, die eigentlich keine Kunden bei ihr waren. Das ärgert Bianca Schmiegler. Für die Schwarzarbeit wäre sie als mobile Haarschneiderin der Jugend wieder gut genug gewesen.

Wie Friseure an der Coronakrise zu knabbern haben

Grafenwöhr

Dieses Phänomen stellt auch Benjamin Dietl fest. Der Oberviechtacher besitzt in Weiden einen Friseursalon. "Ich finde es unmöglich, wenn diese Anfragen kommen", stellt er klar und betont: Von seinen bisherigen Kunden hätte keiner versucht, ihn wegen Schwarzarbeit zu kontaktieren. "Die Menschen wollen ihren Stammfriseuren ja irgendwann wieder in die Augen schauen", vermutet er. Der 34-Jährige vermisse seinen Salon, es gehe ihm ab, seine Kunden zu unterhalten. Dennoch will er sich seine lebensfrohe Art nicht nehmen lassen. Mit einem Schmunzeln sagt er: "Die Leute sollen mal chillen. Im Gegensatz zum ersten Lockdown können die Menschen jetzt ja Mützen tragen."

Friseur Benjamin Dietl und sein Team dürfen aktuell nicht ihrem Beruf nachgehen.

Auch Bianca Schmiegler sieht eine Veränderung zu letztem Jahr. Die Menschen seien nun sensibler, wenn sie ihre Anfragen stellen. "Jetzt fragen die Leute wenigstens zunächst, ob ich das überhaupt darf", erklärt sie. Ihre Antwort ist seit Wochen die Gleiche: Nein. Wann die alleinerziehende Mutter wieder arbeiten darf, wann sie wieder ihre Haupteinnahmequelle, die Altenheime, besuchen kann, ist noch völlig unklar. "Ich denke, die Bewohner müssen erst einmal durchgeimpft sein", vermutet Schmiegler. Die 44-Jährige ist keine, die jammert. Sie finde, alle müssten sich jetzt solidarisch zeigen. Dennoch sagt sie ehrlich: "Wenn es im Februar so weitergeht, wird es finanziell knapp." Ob sie Corona-Hilfen bekomme, wisse sie noch nicht. "Als Solo-Selbstständige bin ich auch während der Pandemie erst einmal auf mich alleine gestellt."

Brandbrief:

Friseur-Verband kritisiert Bundesliga-Profis

In einem offenen Brief auf Facebook appelliert der Zentralverband Friseurhandwerk an die Vorbildfunktion des Deutschen-Fußball-Bundes im aktuellen Lockdown. Adressiert ist der Brief direkt an dessen Präsident Fritz Keller. „Mit großer Verwunderung mussten wir an den vergangenen Spieltagen feststellen, dass ein Großteil der Fußballprofis sich mit frisch geschnittenen Haaren auf dem Platz präsentierte", heißt es unter anderem in dem Statement. Dabei seien die rund 80.000 Salons des deutschen Friseurhandwerks seit dem 16. Dezember 2020 geschlossen. Das Erbringen von Friseurdienstleistungen sei unter Androhung hoher Bußgelder somit seit vier Wochen in Deutschland verboten, mahnt der Verband weiter. Die organisierten Haarschneider appellieren an den DFB: "Zeigen Sie in Zeiten wie diesen Solidarität und setzen Sie mit uns ein Zeichen gegen Schwarzarbeit."

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