Mutter eines Sternenkinds: "Hätte mir gewünscht, einmal ihre Stimme zu hören"

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Alina Bärs Tochter ist ein Sternenkind, sie starb drei Wochen nach der Geburt. Die Weidenerin kämpft seitdem mit psychischen Problemen. Ein Jahr nach dem Tod ihrer Letizia erzählt sie ihre Geschichte. Sie will anderen Betroffenen helfen.

Alina Bär zeigt Erinnerungsstücke an ihre verstorbene Tochter.
von Julian Trager Kontakt Profil

Das ganze Leben ihrer Tochter passt in eine schwarze Schuhschachtel. Alina Bär nimmt den Deckel ab, holt einen Schnuller heraus, eine gehäkelte Krake, eine kleine Mütze. Zwei Decken, so groß wie ein Taschentuch. Die Weidenerin streicht ihre Finger über den Stoff, lächelt. Dann kramt sie ein Patientenarmband aus dem Karton. Es ist so klein, dass manch Erwachsener Probleme hätte, einen Finger durchzustecken - für Alina Bärs Tochter Letizia war das Armband trotzdem zu groß. Das Baby kam viel zu früh und krank auf die Welt. Letizia lebte nur drei Wochen.

Alina Bärs Tochter ist ein Sternenkind. So werden Säuglinge genannt, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben.

In der Oberpfalz sind 2018 laut Bayerischem Landesamt für Statistik 49 Kinder tot geboren worden, 27 Säuglinge starben im ersten Jahr. Für Deutschland zählt das Statistische Bundesamt 3030 Totgeburten und weitere 2505 Babys, die ihren ersten Geburtstag nicht erlebten. Dazu die Fehlgeburten, sie werden statistisch nicht erfasst.

"Viele trauen sich nicht darüber zu reden", sagt Alina Bär. Auch sie tat sich lange schwer. Jetzt, ein Jahr nach Letizias Tod, ist sie so weit. Die 41-Jährige möchte ihre Geschichte erzählen, um sich zu erleichtern - und um anderen zu helfen. "Wir sind so viele", sagt die Kassiererin. Ihre Botschaft an alle Sternenkindmütter: "Ihr seid nicht allein."

Zu klein, zu leicht, steife Gelenke

Im Frühjahr 2018 hatte sich Alina Bär die Idee, Mutter zu werden, schon abgeschminkt. Die Ärzte hatten ihr immer gesagt, dass es schwer wird. Und dann klappte es plötzlich doch. Die damals 40-Jährige machte vier Schwangerschaftstests, um sicher zu gehen. "Ich habe auf dieses Kind zwanzig Jahre gewartet", erzählt sie heute.

Bis zur 24. Schwangerschaftswoche schien alles normal zu sein. Dann der Schock: Infektion im Fruchtwasser. Kaiserschnitt. Am 27. Februar 2019 kam Letizia auf die Welt. 28 Zentimeter, 530 Gramm, steife Füße, steife Hände. Alina Bär war trotzdem optimistisch.

"Zu 99 Prozent war ich mir sicher, dass sie es schafft", erinnert sie sich. Hoffnung machten ihr auch die Ärzte, absolute Experten. Zwei Monate vor Letizias Geburt war im Weidener Klinikum Michael auf die Welt gekommen, mit nur 280 Gramm. Er überlebte. Laut der University of Iowa haben das weltweit bisher nur 12 leichtere Frühchen geschafft.

Frühchen mit 280 Gramm überlebt

Weiden in der Oberpfalz

In Weiden werden im Schnitt jährlich 23 Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm versorgt, erklärt Dr. Fritz Schneble, Chefarzt der Kinderklinik. In den vergangenen vier Jahren starben davon durchschnittlich eineinhalb Kinder im Jahr. Die Zahlen verbessern sich, sagt Schneble. Auch die Zahl der Totgeburten in Nordostbayern geht zurück. "Wegen der verbesserten Versorgung", erklärt Dr. Ines Erhardt, Leiterin der Geburtshilfe des Perinatalzentrums Nordostbayern. Dort, in den Standorten in Amberg und Weiden, gab es 2019 eine Totgeburt.

Alina Bär holt ihr Handy aus der Tasche, zeigt Bilder und Videos ihrer Kleinen. Die 41-Jährige lächelt. In einem Filmschnipsel öffnet Letizia zum ersten Mal ihre Augen, sie sucht nach der Mama. "Ich war im siebten Himmel", erinnert sich Alina Bär an den 14. März. Vier Tage später der nächste Hoffnungsschimmer: "Na Prinzessin, heute haben dir die Ärzte einen Schnuller gegeben." Alina Bär macht eine kurze Pause, dann liest sie weiter im Intensiv-Tagebuch, das die Krankenschwestern des Weidener Klinikums den Eltern schenkten. "Mama hat sich so gefreut, dass du endlich einen Duzi im Mund halten darfst. Wir hoffen, dass es so weiter geht. Es wird alles gut." Es ist der letzte Eintrag im Tagebuch.

"Mein Gott, sie platzt"

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon, der Arzt. Letizias Bauch war blau, aufgebläht - als hätte sie einen Tennisball verschluckt. "Mein Gott, sie platzt", dachte die Mutter. Nekrotisierende Enterokolitis diagnostizierten die Ärzte, der "Dünndarm ist wie ein Netz". Um 19 Uhr wurde das Baby operiert, um 19.30 Uhr sagten die Ärzte: "Man kann nichts mehr machen." Für Alina Bär begannen die schlimmsten und gleichzeitig schönsten Stunden.

Das Baby durfte zum ersten Mal aus dem Brutkasten, frei von den Schläuchen. Für diese eine, letzte Nacht waren Mutter und Kind vereint. "Ich war glücklich, dass ich sie in meinen Händen halten durfte", sagt die 41-Jährige heute.

Stundenlang redete Alina Bär ihrer Tochter gut zu. "Aber ich war auch grausam", sagt die Weidenerin. "Ich denke, ich habe sie nicht sterben lassen." Wenn Alina Bär weinte, erhöhte sich Letizias Herzschlag. Wenn die Mutter ruhiger wurde, schlug das kleine Herz schwächer - das brachte die Mama wieder zum Weinen. Irgendwann sagte sie sich: "Okay, du musst sie lassen." Alina Bär starrte auf die Wand, konzentrierte sich, ruhig zu bleiben. Zehn Minuten später, am 20. März, war Letizia tot. "Sie hat das gespürt", glaubt die Mutter.

Für Alina Bär ging die Qual weiter. "Nach ihrem Tod haben die ganzen Psychoprobleme begonnen", sagt die 41-Jährige. Der Verlust, sie verkraftete ihn nicht. Alina Bär wollte sterben, im August vergangenen Jahres landete sie für drei Wochen in Wöllershof, in der Psychiatrie. "Die Patientin gibt an, den Wunsch zu haben, zu ihrer Tochter zu gehen", steht in der Patientenakte. Als sich ihr Freund, Letizias Vater, nach drei Jahren Beziehung von ihr trennte, verschlechterte sich der Zustand weiter. Einen zweiten Selbstmordversuch brach sie ab - sie hatte an ihre Tochter denken müssen: Was würde Letizia davon halten?

Versprechen am Grab

Laut einer Studie der University of California sind Frauen, die ein Kind verloren haben, um 78 Prozent anfälliger, psychisch krank zu werden als Mütter ohne Verlust. Zudem sind Eltern, die ihr Kind vor dessen ersten Geburtstag verloren haben, stark gefährdet, selbst früh zu sterben. Das fanden Forscher der University of York heraus.

Alina Bär ist auch heute noch in Therapie, nimmt jeden Tag Antidepressiva. "Es tut immer noch weh", sagt die Weidenerin. Sie habe ihre Tochter nie reden, nie schreien, nie weinen gehört - das Baby stand ja ständig unter Medikamenten. "Ich hätte mir gewünscht, einmal ihre Stimme zu hören." Die 41-Jährige sagt aber auch: "Ich habe es akzeptiert." Den Heiligen Abend 2019 verbrachte sie an Letizias Grab, las ihr Kindergeschichten vor. Und sie gab ihr ein Versprechen: "Ich will wieder lachen, ich will wieder leben." Alina Bär schaut lange auf die schwarze Schuhschachtel, klopft dreimal auf den Deckel. Sie sagt: "Wenn meine Geschichte nur einer Person hilft, bin ich glücklich."

Fotos von Sternenkindern

Hilfsangebote in der Region:

STIFTLANDSTERNENKINDER: Der Verein aus dem Kreis Tirschenreuth kümmert sich nicht nur um Familien, die ein Kind verloren haben, sondern auch um solche mit einem chronisch erkrankten Kind. "Wir haben in den letzten paar Monaten drei Kinder verloren", sagt Vorsitzende Beatrix Kempf. Momentan sind elf Familien in der Langzeitversorgung, sie kommen aus den Kreisen Tirschenreuth, Amberg-Sulzbach und Wunsiedel. Der Verein berät, versorgt und unterstützt die Familien in der Pflege. Die Helfer, alle ehrenamtlich, sind Fachkräfte. Weitere Infos unter stiftlandsternenkinder.de.

DONUM VITAE AMBERG: Die Beratungsstelle bietet seit Dezember 2003 vierteljährlich kostenlose Beisetzungen von Sternenkindern auf dem Waldfriedhof in Raigering an. "Wir betreuen jedes Vierteljahr zwischen 60 und 80 Betroffene", sagt Leiterin Ute Schieder. "Es sind so viele, die betroffen sind." Das Team bietet auch Trauerbegleitung an. "Eine Woche vor der Beerdigung laden wir die Eltern ein." Zum gemeinsamen Gestalten des Sargs und zum Erlebnisse austauschen. Es gebe aber auch individuelle Unterstützung, Einzelgespräche. Weitere Infos unter donum-vitae-amberg.de.

VERWAISTE ELTERN WEIDEN: Melanie Reber aus Waldthurn (Kreis Neustadt/WN) ist betroffene Mutter, der vor knapp sieben Jahren ein Baby verstorben ist. Hilfe bekam sie bei den "Trauernden Eltern", einer Selbsthilfegruppe, die sich regelmäßig in Weiden trifft (jeden letzten Montag im Monat, 19.30-21.30 Uhr, Sozialzentrum der Caritas). Diese hat mich gestützt, begleitet und getragen. Ich fühlte mich in meiner Situation verstanden. Seit etwa fünf Jahren leitet Reber in enger Zusammenarbeit mit den Trauernden Eltern selbst eine Gruppe - ein spezielles Angebot der Trauerbegleitung - für Frühtodbetroffene. Weitere Infos unter der Telefonnummer 09657/922 451.

Tote Babys in der Region: Zahlen und Fakten:

TOTGEBURTEN: Im Jahr 2018 gab es laut Statistischem Bundesamt deutschlandweit 3030 Totgeburten. In Bayern waren es laut Landesamt für Statistik 444, in der Oberpfalz 49. Neuere Zahlen konnten die Statistikämter nicht liefern. "Bei etwas mehr als 0,1 Prozent aller Geburten kommen die Kinder tot auf die Welt", erklärt Dr. Ines Erhardt, Leiterin der Geburtshilfe des Perinatalzentrums Nordostbayern (PNZ). Dort habe es 2019 eine Totgeburt gegeben. Die Tendenz sei eher abnehmend, "wegen der verbesserten Versorgung". Die häufigsten Gründe für Totgeburten: Fehlbildungen, Mangelversorgung, Nabelschnurkomplikationen, Infektionen und mechanische Traumata.

GESTORBENE SÄUGLINGE: Im Jahr 2018 starben laut Statistischem Bundesamt 2505 Säuglinge im ersten Lebensjahr. In Bayern waren es 328, in der Oberpfalz 27, wie das Bayerische Landesamt für Statistik mitteilt. Laut Neonatalstatistik des PNZ Nordostbayern wurden 2017 in Amberg und Weiden 47 Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1500 Gramm geboren, davon sind 7 gestorben. Dr. Fritz Schneble, Chefarzt der Kinderklinik Weiden sagt: "Eine Zunahme der Todesfälle ist weder bei den bei uns behandelten Frühgeborenen noch bundesweit zu beobachten. Im Gegenteil, es ist eine kontinuierliche Verbesserung der neonatologischen Behandlungsergebnisse zu beobachten."

FEHLGEBURTEN: Wie oft es zu Fehlgeburten kommt, ist schwierig zu beantworten, da sie statistisch nicht erfasst werden. "Hier kann ich nur schätzen", sagt Dr. Erhardt vom PNZ Nordostbayern. Bei etwa 20 bis 30 Prozent aller Schwangerschaften komme das vor - teils bevor die Schwangerschaften als solche wahrgenommen werden. Im PNZ Nordostbayern passiert das im Jahr etwa 400 Mal. Die Zahl sei seit Jahren konstant. Die häufigsten Gründe für Fehlgeburten: Fehlbildungen, Chromosomenstörungen, Gelbkörperschwäche der Mutter und Schwäche des Gebärmutterhalses der Mutter.

FRÜHCHEN: Deutschland hat weltweit eine der höchsten Frühgeborenenrate - sie liegt bei etwa 8,6 Prozent, berichtet Dr. Erhardt. Jährlich werden rund 60 000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh geboren, schreibt der Bundesverband "Das frühgeborene Kind". Im PNZ Nordostbayern lag die Frühgeburtsrate 2019 bei 12,5 Prozent. Das liegt daran, sagt Erhardt, dass "wir Perinatalzentrum Level I sind, und sich die Frühgeburten aus der Region hier sammeln". Die Zahl der Frühchen nimmt zu, die Ursachen sind allerdings nicht ganz klar, erklärt Dr. Schneble. Vor allem die Reproduktionsmedizin, die zu mehr Mehrlingsgeburten führe, spiele eine Rolle. Auch Erkrankungen der Mutter und ein ungesunder Lebensstil können Ursachen sein. Die bessere medizinische Versorgung führe aber auch dazu, dass immer mehr Frühgeborne überleben.

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