06.11.2020 - 15:22 Uhr
EdelsfeldOberpfalz

Sternenkind: Wenn ein Leben nur 19 Minuten dauert

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Am 6. Januar 2019 kam Finn um 6.22 Uhr zur Welt. Und lebte nur 19 Minuten. Finn ist eines von mehr als 3000 Sternenkindern pro Jahr in Deutschland - Babys, die tot zur Welt kommen, bei oder kurz nach der Geburt sterben.

Eine Länge von 37 Zentimetern und ein Gewicht von 890 Gramm: So groß und schwer war Finn, als er auf die Welt kam und nach nur 19 Minuten starb. Und exakt so groß und schwer ist auch dieses Kissen, das an ihn erinnert.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Ohne Finn hätte Christina Steinert (32) wohl nie nähen gelernt. Ohne ihn hätte sie sich kein Nähkämmerchen eingerichtet. Ohne ihn säße sie nicht an der Nähmaschine, um Kleidung für die Winzlinge zu fertigen: für Kinder, die wie Finn nur kurz leben oder viel zu früh auf die Welt kommen und um deren Leben Familien wochenlang bangen. Christina Steinerts Sohn hat nach der Geburt nur 19 Minuten lang gelebt. Er ist ein Sternenkind.

Christina Steinert lebt mit ihrer Frau, die wie sie Altenpflegerin ist, in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Für das in Edelsfeld wohnende Paar war es das größte Glück, als Steinert nach künstlicher Befruchtung schwanger wurde. Die beiden freuten sich auf ihr Baby, eine Bilderbuch-Schwangerschaft sei es gewesen, sagt die Edelsfelderin. "Ich habe das Kind sehr schnell gespürt." In der 24. Schwangerschaftswoche wachte Christina Steinert nachts plötzlich auf, hatte Schmerzen. Die Fruchtblase platzte. "Da war alles voller Blut", erinnert sie sich.

Rapide Verschlechterung

Ein Rettungswagen sollte die werdende Mutter nach Amberg ins Klinikum St. Marien bringen. Während der Fahrt verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch, bei einem Zwischenstopp im St.-Anna-Krankenhaus stieg ein Notarzt zu. "Um 2 Uhr war ich im Kreißsaal in Amberg", erzählt die 32-Jährige. Noch immer habe sie gedacht, alles werde gut. Doch nichts wurde gut. Christina Steinerts Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie irgendwann aufwachte und nach ihrem Baby rief. Als ihre Frau zu ihr auf die Intensivstation kam, habe sie gewusst, es müsse etwas ganz Schlimmes passiert sein. "Ich habe es sofort an ihrem Blick gesehen." Sie habe dann noch gefragt, ob es eine Mila oder ein Finn sei. "Finn", sagte ihre Frau. "Das war ein ganz, ganz schlimmer Moment", sagt Christina Steinert leise und mit brüchiger Stimme. Die Hebamme brachte ihr das tote Kind. Das Kind, das nur 19 Minuten lebte. Nur zwei Tage blieben den Eltern mit Finn. "Er war fast die ganze Zeit bei uns, wir haben mit ihm gekuschelt."

37 Zentimeter groß war der Bub bei seiner Geburt. Und 890 Gramm schwer. Christina Steinert und ihre Lebenspartnerin besitzen heute ein Kissen, das genauso groß ist und dasselbe Gewicht hat. Es ist ihr größter Schatz geworden. Finn wäre eigentlich lebensfähig gewesen, warum er gestorben ist, ist für das Paar aus Edelsfeld bis heute ein Rätsel. "Ab der 20. beziehungsweise 22. Schwangerschaftswoche liegt die Überlebenschance von Frühgeborenen bei mehr als 50 Prozent." Einen Tag nach Finns Tod kam ein Fotograf, um Bilder von ihm zu machen. Extrem wichtig sei das, sagt Christina Steinert. "Das ist das Einzigste, was man hat."

Als Sternenkinder werden all Babys bezeichnet, die tot zur Welt kommen, während oder kurz nach der Geburt sterben. Bis Mai 2013 wurden sie, wenn sie ein Körpergewicht unter 500 Gramm hatten, nicht als Personen registriert. Seit Mai 2013 gelten auch Kinder, die mit weniger als 500 Gramm geboren werden, als Menschen. Sie können beim Standesamt erfasst werden – mit einem offiziellen Vornamen und einem Geburtstag. Zuvor war eine solche Dokumentation bei tot geborenen Kindern unter 500 Gramm nicht möglich. Die Änderung des Personenstandsrechts ermöglicht einen würdigen Umgang mit Sternenkindern. Eltern können sie auf Wunsch auch beerdigen, entweder in einem Einzelgrab oder bei Sammelbestattungen. Als Frühchen gelten alle Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Dank der sehr guten medizinischen Versorgung in der heutigen Zeit sind zwischenzeitlich auch Frühchen mit einem Geburtsgewicht von 500 Gramm überlebensfähig.

Ort der Erinnerung für Sternenkinder

Amberg

Im Haus in Edelsfeld gibt es eine Gedenk-Ecke für Finn. Dort liegt das Kissen, das so groß und schwer ist, wie er selbst war. Der Strampler, den man ihm angezogen hatte. Als Eltern trauern Christina Steinert und ihre Frau unterschiedlich. "Sie redet nicht viel darüber." Sehe sie einen Regenbogen, sage sie: "Guck mal, da ist Finn." Das Paar hat sich entschieden, sein Kind in Edelsfeld zu beerdigen. In einem Einzelgrab. Ab einem Körpergewicht von 500 Gramm sei das möglich.

Gerührt von den Trostpäckchen

Per Zufall stieß Christina Steinert nach Finns Tod auf eine Facebook-Seite: Sternenzauber & Frühchenwunder. Und war gerührt davon. Vor allem von den Trostpäckchen, die die gemeinnützige Organisation an die Hinterbliebenen von Sternenkindern verschickt. Das Paar aus Edelsfeld bekam auch eines. Es war ein Lichtblick in der Trauer. "Wildfremde Menschen schenken mir so was Schönes", freute sich Christina Steinert. So emphatisch, so liebevoll sei das gewesen.

Heute engagiert sich Christina Steinert selbst für diese gemeinnützige Organisation, näht für Sternenkinder und Frühchen. Individuell würden die Trostpäckchen zusammengestellt. In dem Moment, als sie ihres aufgemacht habe, habe sie sich gefreut und gleichzeitig geweint. "Ich habe jedes noch so kleine Ding andächtig in der Hand gehalten", erinnert sie sich.

Der Entschluss, aktiv für Sternenzauber & Frühchenwunder zu werden, habe sie relativ schnell gefasst, erzählt die junge Frau weiter. Erst habe sie damit begonnen, Karten, die jedem Päckchen beigelegt werden, zu basteln und Texte zu verfassen. Sie brachte sich in der Redaktion der Facebook-Seite des Vereins ein. Ende vergangenen Jahres fing sie mit dem Nähen an. Inzwischen hat sie sich ein kleines Nähzimmer eingerichtet. Fein säuberlich einsortiert im Regal sind die Stoffe, aber auch Christina Steinerts fertige Werke wie Bodys, Strampler und Mützchen.

Beeindruckt ist sie stets aufs Neue, wie liebevolle Freiwillige für die Hinterbliebenen von Sternenkindern oder die Familien von Frühchen Sachen anfertigen: gehäkelte Schmetterlinge, genähte Einschlagtücher, Plüschtiere, Knautschis, verzierte Teelichthalter und Kerzen, Schlüsselanhänger und vieles mehr. Nicht minder fleißig ist Christina Steinert selbst. Ihr gebe es sehr viel, anderen zu helfen, sagt sie.

Die Mutter eines Sternenkinds aus Weiden erzählt von ihren Erfahrungen

Weiden in der Oberpfalz

Donum Vitae berät in allen Fragen rund um die Schwangerschaft

Amberg
Info:

Sternenzauber & Frühchenwunder

  • Der Verein: „Sternenzauber & Frühchenwunder“ bietet Hilfe für die Kleinsten und deren Familien, spendet jenen Trost, die ein Kind vor, während oder nach der Geburt verloren haben, und unterstützt auch Eltern, deren Kinder viel zu früh auf die Welt gekommen sind.
  • Die Unterstützung: Ehrenamtliche, die im Verein Feen genannt werden, nähen, stricken und häkeln Kleidung für Sternenkinder und basteln Andenken an die verstorbenen Kinder. So bekomme jedes Kind – und sei es noch so klein – die passende Kleidung, seinen trauernden Eltern werden kleine Erinnerungsstücke geschenkt. Freiwillige seien immer willkommen, sagt Christina Steinert aus Edelsfeld: „Egal, ob Näherinnen oder Stricklieseln“.
  • Der Bedarf: Für sein Projekt für Sternenkinder und Frühchen benötigt der Verein unter anderem Stoffspenden, Wolle, Bastelmaterial, Perlen und vieles mehr. Geldspenden für „Sternenzauber & Frühchenwunder“: Per Paypal (sternen.wunder[at]gmx[dot]de) oder per Überweisung auf das Konto (Iban DE79 3305 0000 0000 8418 12).

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