Noch kein Pflege-Notstand in Amberg und Weiden

Landrat Christian Bernreiter (CSU) klagt über Pflegenotstand im Klinikum Deggendorf: "Die Intensivstation, Unfallchirurgie oder Kardiologie sind teilweise acht, neun, zehn Tage im Monat abgemeldet." Amberg und Weiden mussten bisher noch keine Patienten weiterschicken.

Politik trifft Wirklichkeit: Bundesgesundheitsminister, Jens Spahn (2. von rechts, CDU) und Bundesfamilienministerin,Franziska Giffey (SPD), unterhalten sich mit Azubis im biz Bildungszentrum für Pflegeberufe der DRK-Schwesternschaft.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Das ist bayernweit ein Thema", sagt Bernreiter. "Soweit ist es bei uns noch nicht", gibt Josef Götz, Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz AG, vorläufig Entwarnung für Weiden. "Wir haben noch ausreichend Personal, aber in belegungsschwachen Phasen wie zu Beginn der Pfingstferien müssen wir Pflegekräfte zusammenziehen, um die Untergrenzen einzuhalten." So habe man gerade eine Station stillgelegt und Personal auf andere Bereiche verteilt. Götz schließt nicht aus, dass die neue Reglementierung mittelfristig zu Engpässen führt: "Wenn dann noch Mitarbeiter krank werden, müssen wird zusätzliche Betten sperren."

Den Mangel managen

Allerdings gibt es in manchen Bereichen auch ohne Untergrenzen Wartezeiten: "Wir müssen Patienten abweisen, wenn sämtliche Plätze in der Beatmungs- oder Intensivpflege besetzt sind", bedauert Götz. Auch das Klinikum St. Marien in Amberg kann den Mangel noch managen: "Wir kommen über die Runden", sagt Vorstand Manfred Wendl. "In Ballungsräumen wird es aber sehr eng." Da die Untergrenzen auf weitere Bereiche ausgedehnt würden, müsse man abwarten, wie sich das auswirke.

Jens Spahns Pflegestärkungsgesetz sei zwar gut gemeint. "Nicht jeder Schuss ist aber gleich ein Volltreffer", kritisiert Götz den seiner Meinung nach praxisfernen, starren Personalschlüssel des Bundesgesundheitsministers: "Der Pflegeaufwand für einen 30-jährigen und einen 75-jährigen Patienten nach einer OP unterscheidet sich deutlich - beide werden aber gleich gewertet." Alexander Gröbner, Bezirksgeschäftsführer von Verdi Oberpfalz, ergänzt: "Es ist gut, dass sich die Politik dem Pflegenotstand in den Krankenhäusern endlich angenommen hat, doch eine bedarfsgerechte Versorgung wird mit diesem Gesetz nicht erreicht." Seit es am 1. Januar in Kraft getreten sei, sei der organisatorische Aufwand enorm: "Eine Pflegekraft ist nur noch damit beschäftigt, schichtgenau den Schlüssel zu überprüfen und für die Kardiologie, die Intensivstation und die Unfallchirurgie nachzusteuern", klagt Götz.

Spahn will nicht warten

Wendl pflichtet bei: "Wenn Sie auf der Station 27 Patienten haben und vier neue aufgenommen werden, brauchen Sie beim starren Schlüssel von 1:10 in der Geriatrie sofort eine vierte Kraft, sonst dürfen Sie den 31. nicht behandeln." Bei einem Haus dieser Größe, eine logistische Herausforderung. Es fehle der Auftrag des Gesetzgebers zur Entwicklung eines Instruments, mit dem der tatsächliche Personalbedarf ermittelt werden könne, bemängelt Gewerkschafter Gröbner: "Maßstab muss eine gute und sichere Patientenversorgung und die dringend nötige Entlastung der Beschäftigten sein."

Einen Lösungsansatz sehen Klinikvertreter im Update der Pflegepersonalregelung (PPR) aus den 1990er Jahren: "Dieser Berechnungsschlüssel ordnete Tätigkeiten wie die Körperpflege anhand von Kriterien wie komplette Wäsche, Teilkörperwäsche oder selbstständige Wäsche in ein neunstufiges System ein", erklärt Götz. Daraus sei mit akzeptablem Aufwand - "man musste nur ein Häkchen beim Zeitwert setzen" - ein Personalschlüssel fürs ganze Haus errechnet worden. Ausgesetzt worden sei die Methode aus einem profanen Grund: "Man hätte zu viel Personal gebraucht", sagt Wendl. Um intern den Bedarf zu ermitteln, nutze man das Instrument noch heute. Etwa zwei Jahre würde es dauern, meint der Amberger Klinikchef, um es den heutigen Rahmenbedingungen anzupassen.

Ob sich die Politik von den Einwänden der Praktiker vor Ort ausbremsen lässt, ist fraglich. "Spahn hat sich eine schnelle Verbesserung der Pflegesituation auf die Fahnen geschrieben", meint Wendl, "er hat erklärt, er werde nicht drei Jahre warten, bis ein Bemessungsinstrument ausgearbeitet ist."

Kooperation im Bereich Neurochirurgie: Dr. Richard Megele, PD Dr. Hischam Bassiouni (1. Reihe von links), Oberbürgermeister Michael Cerny, Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor des Amberger Klinikums, Josef Götz, Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz AG, Dr. Thomas H. Egginger, Ärztlicher Direktor des Weidener Klinikums, Manfred Wendl, Klinikumsvorstand Amberg (2. Reihe von links).

Druck aus eigenen Reihen

Götz versteht dennoch nicht, warum die Politik mit Sanktionen die Situation noch verschärfen will: "Durch das Pflegestärkungsgesetz wird jede zusätzliche Stelle ohnehin finanziert", wundert er sich, "warum sollten wir eine Unterschreitung der Untergrenzen in Kauf nehmen?" Es drohten Strafgelder bis zum Verbot bestimmter Leistungen. "Das kann fatale Folgen für die Versorgungssicherheit in der Region haben." Und Wendl assistiert: "Wir wären schlecht beraten, das nicht umzusetzen." Der Druck komme schon aus den eigenen Reihen. "Wir wollen für unsere Mitarbeiter ordentliche Bedingungen", sagt er. "Wir haben in diesem Jahr eine Aufstockung um 37 reine examinierte Pflegekräfte vorgesehen."

Ausbildung gegen den Fachkräftemangel:

Aufpoliertes Image

Dem Fachkräftemangel begegnet die Kliniken Nordoberpfalz AG mit der Ausbildung des Nachwuchses in der eigenen Krankenpflegerschule. Das Pflegestärkungsgesetz, findet Vorstand Josef Götz, sei geeignet, das angekratzte Image aufzupolieren: „Die zusätzlichen Stellen sorgen für Entlastung und die Bezahlung ist inzwischen relativ gut.“ Natürlich bleibe die Belastung durch die Schichtarbeit, aber der Beruf habe auch schöne Seiten: „Wenn Patienten sich bedanken, weil man ihnen helfen konnte, entschädigt das für vieles.“ Dennoch sei es nicht einfach, alle Ausbildungsplätze zu besetzen: „Wir haben 270 Auszubildende, könnten aber bis 300 hochgehen.“ Besonders schwer zu finden seien Intensiv- oder Anästhesiepflegekräfte. „Wir haben momentan weitgehend unsere Stellen besetzt“, sagt Manfred Wendl, Vorstand des Klinikums St. Marien in Amberg, „im Fachbereich ist die Lage seit längerem kritisch.“ Die Ausbildungsplätze habe man von 125 auf 150 aufgestockt: „Wir bilden die Leute, die wir brauchen, selbst aus.“

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