Pferdefleisch und Eiseskälte: US-Veteran erinnert sich an Stalag XIIIb

Für die Weidener Stadtarchivarin Petra Vorsatz ist es das erste Mal, dass Kontakt zu einem Überlebenden des Stalag XIIIb in Weiden besteht. Der Amerikaner John J. Trzaskos war 1944 in der Normandie gefangen genommen und in die Oberpfalz gebracht worden.

Gedenktag 70 Jahre D-Day: vorne links John Trzsaskos.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Mein Vater hat bis vor 10, 15 Jahren überhaupt nicht über diese Zeit gesprochen", sagt Tochter Christine, Juristin aus dem Bundesstaat New York. Sie war im Dezember mit ihrem Mann Marc Zylberberg in Weiden zu Gast. Vergeblich suchten sie nach Resten des Kriegsgefangenenlagers. Auf dem Gelände der Ostmarkkaserne steht noch eine einzelne Baracke, diese ist im Besitz der Bundeswehr und für Externe nicht zugänglich. "Wo war mein Vater?" Diese Frage konnte Christine Traskos am Ende beantwortet werden. Ihr Vater war einem Arbeitskommando des Stalag XIIIb im tschechischen Sokolov (damals Falkenau) zugeteilt. John Trzaskos war 19 Jahre alt und arbeitete bei General Motors, als er eingezogen wurde. Auf der Queen Mary kam er mit der 29th Division nach England, um für die Invasion zu trainieren. Am 6. Juni 1944, am D-Day, landete seine Einheit in Booten am Omaha-Beach in Frankreich. Tochter Christine hat seine Erinnerungen schriftlich festgehalten. "Die Invasion werde ich nie vergessen", so John Trzaskos. "Wir kamen bei Flut, drei Stunden nach der ersten Welle." Er erinnert sich an einen Strand voll toter Amerikaner. "Der Offizier schrie uns an, wir müssten vom Strand runter." Der Soldat vor Trzaskos trat auf eine Landmine. Ihm wurde das Bein abgerissen, ein Bild, das sich bei Trzaskos eingebrannt hat.

6. Juni 1944. Soldaten der alliierten Truppen verlassen ein Landungsboot am „Omaha-Beach“ in der Normandie. Unter ihnen: John J. Trzaskos

Durch Paris getrieben

Vier Tage und Nächte kämpfte sich die Division über die Klippen. Am 10. Juni 1944 wurden die US-Soldaten auf einem Feld unweit vom Atlantik umzingelt. Trzaskos und 57 Landsmänner kamen in Kriegsgefangenenschaft. Der Amerikaner erinnert sich an einen demütigenden Marsch durch Paris. Die Deutschen wollten der französischen Bevölkerung das Scheitern der Invasion demonstrieren. Dann ging es für den gerade 20-jährigen Trzaskos in einem Güterzug quer durch Deutschland ins Stalag XIIIb. "Dort verbrachte ich den Rest des Krieges."

Das Stalag XIIIb bestand aus einem Lager neben der Kaserne in Weiden (heute Container der Flüchtlingsunterkunft). Dazu kamen Arbeitskommandos im Umkreis von 150 Kilometern. Zu Spitzenzeiten 1944 waren 35 000 Kriegsgefangene registriert, 29 400 waren in Arbeitskommandos eingeteilt. So auch John Trzaskos. Sein Name findet sich auf einer Facharbeiter-Liste des Arbeitskommandos Silvestr bei Sokolov (Falkenau). In Sokolov wurden Kriegsgefangene im Braunkohle-Tagebau eingesetzt, aber auch im Untertage-Kohleabbau. Das Rote Kreuz kritisierte mehrfach die Lebensbedingungen.

Der 95-Jährige kann sich noch an zwei Dinge erinnern: Pferdefleisch und Eiseskälte. "Die Details meiner Inhaftierung sind verblasst, aber ich erinnere mich, dass die Lebensbedingungen nicht die besten waren", so John Trzaskos. "Sie gaben uns am Morgen Brot, mit Sägemehl versetzt. Sonntags haben wir Pferdefleisch bekommen. Es war rot, aber wenn du so hungrig bist, isst du alles." Er erinnert sich an Doppelkojen in den Schlafräumen. Die Männer schliefen auf Brettern und Säcken, mit Stroh gefüllt. "Nachts griffen uns die Bettwanzen an." Er selbst habe nicht in der Mine gearbeitet, sondern in einem Sumpf, in dem eine Art Öl als Treibstoff gewonnen wurde. Museumsleiter Michael Rund meint, dass es sich um "Zypris" gehandelt haben könnte, eine ölige Kohleschicht.

Der junge Amerikaner wechselt den Ort. Möglicherweise hielt er sich im Stammlager XIIIb in Weiden auf, als dieses von US-Truppen befreit wird. Trzaskos erinnert sich an die 42. Division der US-Army, die im Frühjahr anrollte. Einer der GIs staunte, wie gut der Gefangene Englisch sprach, ehe sich Trzaskos als Landsmann "outete".

Unbeschadet hat auch er die elf Monate in Gefangenschaft nicht überstanden. Er erlitt im Winter 1944/45 schlimme Erfrierungen, die ihm bis heute solche Schwierigkeiten bereiten, dass er schon länger auf den Rollstuhl angewiesen ist. Etwa zwei Wochen vor seinem 21. Geburtstag kam der junge GI zurück nach Hause: nach Amsterdam im Staat New York. 1947 lernte er beim Tanzen seine Frau Florence kennen, mit der er heute seit über 70 Jahren verheiratet ist. John Trzaskos wurde Feuerwehrmann, zuletzt war er Battalion Chief der Feuerwehr in seinem Heimatort Amsterdam, einer 12 000-Einwohner-Stadt im Nordosten der USA.

John J. Trzaskos (vorne, links) mit anderen Veteranen bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des D-Days. Am Rednerpult der damalige Präsident Barack Obama.

Neben Obama auf Podium

Das Kapitel schloss er lange Zeit ab. "Mein Vater war einfach nur dankbar, in sein normales leben zurückkehren zu können", berichtet Tochter Christine. Ihre Eltern hätten beide gute Jobs gehabt, hätten ihr das Studium ermöglicht und seien im Ruhestand gern gereist.

Erst an seinem Lebensabend kehrte der Veteran zurück. Im Alter von 89 Jahren nahm John Trzaskos an den Erinnerungsfeiern zum D-Day teil. Am 6. Juni 2014 sprach am Strand in der Normandie der damalige US-Präsident Barack Obama. Mit ihm auf der Bühne saßen eine Reihe von Kriegsteilnehmern, darunter John Trzaskos. Obama verneigte sich in seiner Rede von der Selbstlosigkeit und dem Mut der Veteranen. "Diese Männer führten Krieg, damit wir den Frieden kennenlernten." Es gab Standing Ovations am Omaha Beach - auch für John J. Trzaskos.

John Trzaskos mit einer jungen Französin bei der Zeremonie zur Erinnerung an den D-Day in Frankreich.
Kriegsgefangene im Stalag XIIIb in Weiden.
Übergabe an die Amerikaner am 22. April 1945.
Eines der ganz wenigen Fotos aus dem Stalag XIIIB stellte der Sohn des Dolmetschers Michael Sucharew (Dritter von links) dem Stadtarchiv zur Verfügung. Sucharew war Dolmetscher für Polnisch und Russisch.
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