Pilzdürre und Obstschwemme

Von wegen Insektensterben: Unter dem großen Birnbaum in unserem Garten hat sich inzwischen das schönste Wespen- und Hornissen-Biotop gebildet. Soviel können wir gar nicht ernten, wie der abwirft. Anders sieht's im Wald aus: für Schwammerlsucher nämlich zappenduster.

Norbert Griesbacher begutachtet skeptisch diesen aufgeschnittenen Röhrling – in der Heißzeit dieses Sommers ein Unikat.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Tiefwurzler wie unser Birnbaum haben in der Heißzeit das große Los gezogen - wo rings um ihn die Flachwurzler hecheln, streckt er seine Strohhalme genüsslich ins Grundwasser. Aber nicht nur Birnen, auch Äpfel, Quitten und Zwetschgen haben Hochkonjunktur, bestätigt Sieglinde Pipetz, Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Ammersricht. Sie ist auch Endstation für Früchte aus dem Raum Amberg, die bei ihr zu Saft verarbeitet werden: "Wir füllen in guten Jahren rund 20 000 Liter ab - heuer rechnen wir mit einem besonders guten Jahr."

Alte Obstfreunde

Die Chefin von 150 Obst- und Gartenfreunden kennt allerdings auch die Schattenseiten der Obstschwemme: "Die Jungen haben kein Interesse mehr, deshalb verfaulen Berge von Äpfeln auf den Feldern." Gleichzeitig greifen Verbraucher im Supermarkt zu Braeburn aus Neuseeland. "In unseren Versammlungen appellieren wir an die Mitglieder, lieber unseren gesunden Apfelsaft zu trinken, da weiß man, was drin ist." Vor 16 Jahren, als Pipetz anfing, hörten noch 250 Mitglieder diese Predigt. Und der Rest wird immer älter: "Die meisten sind so zwischen 65 und 75", sagt sie, "wir haben auch ein paar Hundertjährige." Die Zukunft des heimischen Obstes liegt in der Vergangenheit.

Ganz andere Sorgen plagen Pilzexperten Norbert Griesbacher. Der Autor des Standardwerks "Schwammerlsuche in Bayern" musste jetzt sogar eine BR-Moderatorin dabei begleiten, wie sie keine Pilze findet: "Ich sag' noch, lassen Sie uns doch später gehen, das hat ja keinen Sinn - aber die Dame wollte genau das zeigen." Dabei hat Griesbacher extra noch ein relatives Feuchtgebiet bei Friedersreuth auserkoren, wo die Chancen auf Jagderfolg besser standen: "5 bis 6 Vertrocknete und einen Ungenießbaren" sind die magere Ausbeute.

Der Pilzexperte muss nun sogar einen geplanten Schwammerlkurs bei den Oberpfalz-Medien auf den 5./6. Oktober verschieben, damit nicht nur graue Theorie gelehrt werden kann: "Selbst wenn die Niederschläge kommen, die seit Wochen angekündigt sind - ein Gewitter nützt gar nichts, da bedarf es schon eines langen Landregens sowie zusätzlich Wärme." Nach so einer langen Trockenheit reichten ein paar feuchte Tage nicht: "Dass man jetzt denkt, Mensch, da geh ich raus, es heißt doch, die Schwammerl schießen, das können's vergessen!" Mindestens 10 bis 14 Tage dauere es, bis da was schießt.

Kaktus unter Pilzen

Die Situation unterscheidet sich freilich regional sehr stark: "Im Voralpengebiet, zum Teil auch im Bayerischen Wald besonders in der Passauer Gegend und im Böhmerwald gibt es so häufig Gewitter, dass die Böden dort viel mehr Feuchtigkeit bekommen." In Bosnien, habe ein Bekannter erzählt, verkaufe man derzeit kiloweise Steinpilze auf den Märkten - in den Karpaten hat es viel geregnet." Und auch die Pilzarten unterscheiden sich in puncto Durst: "Gallenröhrlinge, auch Bitterlinge genannt, brauchen wenig Wasser - die gibt's oft noch, wenn es weit und breit keinen Steinpilz gibt." Aber selbst der Kaktus unter den Schwammerln macht sich rar. Hitzeperioden mit 30 bis 35 Grad und das über Monate: "Da ist nicht auszuschließen, dass die spinnwebenähnlichen Fäden, die ein bis zwei Zentimeter unter der Erde das eigentliche Pilzsystem ausmachen, irgendwann geschädigt werden." Dass allerdings sämtliche dieser Myzelien gleichzeitig abgetötet würden, sei auch bei langen Heißperioden sehr unwahrscheinlich: "Sie haben im Wald auch schattige Stellen."

Der Supergau, das Verschwinden der Fruchtkörper mit den braunen, roten und weißen Kappen aus unseren Wäldern, sei also nicht zu befürchten. Und auch für heuer ist Griesbacher optimistisch: "Im September kommen die Bodennebel, der bringt Bodenfeuchtigkeit" - dann könne man von Mitte September bis Oktober noch reichlich Schwammerl sammeln.

Nummer 1 im Obst-Ranking:

Äpfel sind hierzulande mit 88 Prozent aller verkauften Früchte die unangefochtene Nr.1 im Obst-Ranking. 18,4 Kilo des Kernobstes kaufte im vergangenen Jahr jeder private deutsche Haushalt. Das macht rund 60 Äpfel pro Person. Der Handel bietet im Schnitt ein Sortiment von etwa 15 verschiedenen Apfelsorten. Den Spitzenplatz in der Rangliste der beliebtesten Äpfel belegt seit Jahren der aromatisch-saftige Elstar. Auf ihn entfallen im Schnitt etwa 20 Prozent der Absatzmenge. Platz zwei hält der süß-säuerliche Braeburn mit rund 13 Prozent. Es folgen die fein-säuerlichen Jonagold und Jonagored, der süße Gala und der süß-aromatische Golden Delicious. Auf dieses Sextett entfällt gut die Hälfte der deutschen Produktion.

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