Radikal und voll sprachlicher Wucht

Das Landestheater Schwaben gastiert am 5. November mit „Die Räuber“ in der Weidener Max-Reger-Halle. Dramaturg Thomas Gipfel im Gespräch über das Stück, seine Zeitlosigkeit und Aktualität.

Zeitlos und aktuell: Das Landestheater Schwaben bringt „Die Räuber“ auf die Bühne der Weidener Max-Reger-Halle.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Ein Klassiker der deutschen Literatur wird am 5. November (19.30 Uhr) in der Max-Reger-Halle auf die Bühne gebracht: Das Landestheater Schwaben gastiert bei der „Kulturbühne“ mit dem Schauspiel „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Was das Besondere an dem Werk ist und warum man es oft auf Spielplänen findet, hat Thomas Gipfel, Dramaturg der Produktion, im Gespräch mit der Kulturredaktion erläutert.

ONETZ: Herr Gipfel, vor knapp 240 Jahren wurden Schillers „Die Räuber“ am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. Was war und ist das Besondere an dem Drama, das – nach zeitgenössischen Beschreibungen – das Premierentheater zum „Irrenhause“ werden ließ?

Thomas Gipfel: „Die Räuber“ ist kein politisches Stück in dem Sinne, dass eine bestimmte Situation Ende des 18. Jahrhunderts genau angesprochen würde oder dass bestimmte Unrechtsverhältnisse, Personen, Fürsten angegriffen würden. Ganz im Gegenteil: Wahrscheinlich erscheint das Stück gerade eben in seiner nicht so genauen Richtung und Greifbarkeit, in seiner reinen Energie des Aufbruchs, so brandgefährlich. Das Stück thematisiert einfach mit einer unglaublichen Radikalität die Unzufriedenheit der Kindergeneration mit den Eltern, mit Staat und Kirche. Die sprachliche Wucht, die hat das Publikum natürlich sofort bemerkt.

Zeitlos und immer wieder aktuell: Das Landestheater Schwaben bringt am 5. November den Klassiker "Die Räuber" auf die Bühne in der Max-Reger-Halle.

ONETZ: Schiller ist ja selbst noch sehr jung, als er das Werk verfasst…

Wir müssen uns vergegenwärtigen: Als Schiller die „Räuber“ schreibt, ist er gerade einmal 18 Jahre alt und studiert Medizin auf der Karlsschule, einer Militärakademie und Eliteschule für Söhne aus angesehenen württembergischen Familien, berüchtigt für Strenge, Drill und autoritäre Erziehungsmethoden. Er schreibt nachts und heimlich, quasi „unter der Bettdecke“. Natürlich ist das Drama also vor allem eins: ein Aufschrei gegen all die Zwänge, die er täglich erfährt. Und dieser jugendliche Aufschrei, in all seiner Sprengkraft und in seiner gar nicht perfekt ausgearbeitet Form - der hat das Publikum wohl ziemlich umgehauen.

ONETZ: Mit der Besetzung – zwei Frauen übernehmen die Rollen der Moor-Brüder und ein Mann schlüpft in die Rolle der Amalia – gehen Sie ja einen ungewöhnlichen Weg?

In der Vorbereitung haben wir immer wieder gemerkt, dass all diese Konflikte des Stückes auch massiv mit den Rollenbilder und Erwartungen zu tun haben, die eine Gesellschaft an uns stellt. Vor allem auch die Geschlechterrollen. Sätze in der Art von „Sei ein Mann“ oder „Sei mannhaft“ fallen unglaublich oft im Text. Der Strudel an Radikalisierung und Gewalt, der im Laufe des Stückes entsteht, entwickelt sich also unter anderem auch aus Vorstellungen von Männlichkeit heraus, die wir zu erfüllen haben. Wir beschäftigen uns also auch mit dem, was man heute oft „toxische Männlichkeit“ nennt. Darüber hinaus sind die Rollen von Franz und Karl einfach so unglaublich faszinierend, dass wir sie unbedingt von unseren großartigen Schauspielerinnen gespielt sehen wollten.

ONETZ: Familienzwist, Selbstzerstörung, Neid, Radikalisierung – die Themen Schillers sind zeitlos. Ist das Stück deswegen im Kanon der deutschen Klassiker so beliebt?

Ja, zeitlos trifft es. Und zweitens tut das Stück dies vor allem auch auf eine sehr offene Art und Weise, die es ermöglicht, die Handlung in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten auf unterschiedliche Art und Weise zu deuten.

ONETZ: Was meinen Sie damit?

Ist der „Aufstand“ der Räuber zum Beispiel linker oder rechter Protest? In den letzten Jahrzehnten gab es beispielsweise Inszenierungen, die in den Räubern eher eine Art RAF gesehen haben, aber auch eine tendenziell faschistische Bewegung. Wie wir die Räuber lesen, sagt also sehr viel über unsere eigene Zeit aus. Das macht diesen Text so zeitlos.

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