Rauer Wind für Weidener Seenotretter

Menschen aus Seenot zu retten, sollte keine Frage von politischen Ansichten sein, findet Dominik Reisinger. Der Weidener war auf dem Schiff "Seefuchs" im Mittelmeer unterwegs, um Leben zu retten. Inzwischen werden er und die anderen Crewmitglieder daran gehindert.

von Autor OTJProfil

Der Wind hat gedreht. Seit dem Regierungswechsel in Italien weht den Seenotrettern im Mittelmeer eine steife Brise ins Gesicht. Der Weidener Dominik Reisinger kann das nicht begreifen. Der 27-Jährige ist Mitglied der Hilfsorganisation "Sea-Eye" sowie der "Seefuchs"-Crew. Er fragt sich: Warum wird es ihm und anderen Aktivisten so schwer gemacht, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren?

Selbst juristisch gehe man gegen sie vor, wie gegen den Kapitän der "Lifeline", Claus-Peter Reisch, der in Valletta vor Gericht steht. "Nicht, wie viele glauben wegen Schlepperei, sondern wegen mutmaßlich falscher Papiere", so Reisinger. "Auch unsere Schiffe sitzen fest, es gibt derzeit keine Rettung. Die Schlepper wissen das. Und trotzdem treiben sie die Flüchtlinge auf die Boote." Ohnehin ginge es denen nicht um die sichere Ankunft in Europa. "Die Menschen werden auf dem Mittelmeer entsorgt, wenn sie in den libyschen Lagern ausgepresst worden sind. Das ist ein regelrechter Wirtschaftszweig."

Immer wieder berichten die Geretteten Reisinger von den Zuständen an der nordafrikanischen Küste. Völlig überfüllte Unterkünfte, zu wenige hygienische Einrichtungen. Einer beschreibt ihm, wie sich zwei Eritreer geweigert hätten, auf ein Boot zu steigen. Sie seien kurzerhand erschossen worden. "Zur Abschreckung", so Reisinger. Er hört von erzwungener Arbeit und Prostitution. Gewalt sind überall. Ein Flüchtling bringt es auf den Punkt: "No matter what you do, they will beat you." (Egal was du tust, sie schlagen dich)

Eigentlich unpolitisch

"Die Forderung, die Flüchtlinge zurück nach Libyen zu bringen, klingt logisch. Wenn man von den Umständen dort weiß, kann nicht von einem sicheren Hafen die Rede sein." Das Seerecht sei da klar. "Gerettete müssen in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden." Auf Reisingers erster Mission 2017 war das europäischer Konsens. Ein harter, gefährlicher Job war es damals trotzdem. Besonders politisch sei er nicht gewesen, sagt Reisinger zu seinen Beweggründen. Aber die Medienberichte und nicht zuletzt das Bild von dem kleinen Jungen Alan Kurdi, der ertrunken an der türkischen Küste angespült wurde, haben ihn bewegt. "Ich habe mich dann tiefer damit befasst. Hilflosigkeit und Wut haben mich zum Handeln gezwungen", schildert der Maschinenbau-Student.

Dann ging alles schnell. Innerhalb von Stunden verfasste er eine Bewerbung, die gleich angenommen wurde. Sein Studiengang machte ihn zum zweiten Maschinisten auf der "Seefuchs". Bereits im November war er auf dem Schiff. Auf dem Flug nach Malta, den er aus eigener Tasche gezahlt hat, ging Reisinger eine Frage durch den Kopf. "Wie kann ich damit umgehen, wenn es Tote gibt?"

Zum Glück habe es auf seiner Mission nur zwei Bewusstlose gegeben, die dehydriert waren. Psychisch belastend waren die Nothilfeaktionen dennoch. "Bei einer Rettung war ich ganz vorne im Rettungsboot, 42 Augenpaare haben mich da fixiert, seit Stunden in der Sonne, ohne Wasser, die waren völlig fertig." Schockiert hätten ihn die Augen der Kinder, die er vom Flüchtlingsboot heruntergehoben habe. "Die schauen durch dich durch. Was müssen die alles erlebt haben?" An Bord sei für die Verarbeitung der Eindrücke oder gar Angst wenig Zeit geblieben. Während der Einsätze sei man fokussiert, unter Spannung und voll Adrenalin. Außerdem steige man aus dem normalen Leben aus. "Du tauschst den Laptop gegen den Schraubenschlüssel. Telefon und Internet gibt es nicht. Nur alle paar Tage konnten wir eine Rundmail schreiben, dass alles in Ordnung ist."

Die Bezugspersonen seien für die Zeit Menschen geworden, die man bis vor Kurzem gar nicht kannte. Man lerne sich in einem krassen Tempo in einer unglaublichen Tiefe kennen. "Wenn man da zu zweit Nachtwache schiebt, erzählt man sich Sachen, die man bisher nicht einmal seinen Freunden erzählt hat." Klar gebe es auch Spannungen, aber man sei gezwungen, das vom Tisch zu schaffen. "Das ist wie das Leben - nur in zwei Wochen."

Was Dominik Reisinger sich von der Zukunft wünscht? "Man soll uns auf See lassen, damit wir das Sterben verhindern können." Er habe viel koordinierende Arbeit geleistet. "Aber sobald es möglich ist, fahre ich wieder raus." Als er das sagt, klingelt sein Handy. Er muss rangehen, es könnte ja wichtige Neuigkeiten von der Seefuchs geben. Auch wenn er derzeit von Bord ist - das Engagement für die Seenotrettung kennt keinen entspannten Landgang.

Die Forderung, die Flüchtlinge zurück nach Libyen zu bringen, klingt logisch. Wenn man von den Umständen dort weiß, kann nicht von einem sicheren Hafen die Rede sein." Das Seerecht sei da klar. "Gerettete müssen in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden.

Dominik Reisinger

Intensive Zeit auf See

"Sea-Eye" und "Seefuchs":

Die Hilfsorganisation "Sea-Eye" wurde im Herbst 2015 gegründet. Die Gruppe um den Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hat zwei alte Fischkutter gekauft und für die Seenotrettung umgerüstet. Die Aufgabe: Menschen in Seenot und Ertrinkende zu retten und Hilfe zu holen.

Seit Beginn der Einsätze im Jahr 2016 konnten die Crews über 13 000 Menschen aus Seenot retten. Die Initiative ist inzwischen auf rund 1000 Menschen angewachsen. Die Aktivisten arbeiten in Urlaub und Freizeit ehrenamtlich.

Vor der libyschen Küste hielten Sea-Eye und Seefuchs bis zur Festsetzung Ausschau nach seeuntüchtigen, überfüllten Booten. Die Menschen wurden mit Rettungswesten und Wasser versorgt, die Boote mittels Rettungsinseln entlastet. Schwerverletzte konnten an Bord der Schiffe in einer Krankenstation versorgt werden. Gleichzeitig wurde ein SOS-Notruf an die "Seenotleitstelle Mittelmeer" abgesetzt. Wie das Boot "Lifeline" wird derzeit aber auch die "Seefuchs" im Hafen von Valeta auf Malta festgehalten.

Den Besatzungen werden formelle Verstöße vorgeworfen. Die Schiffe hätten keine Zulassungen für den Rettungseinsatz und seien nicht gut genug dafür ausgerüstet, lautet die offizielle Begründung als dem maltesischen Innenministerium. Dabei gehe es auch um Fragen der Lizenzierungen und der Versicherungen. (epd/otj)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Johannes Bodensteiner

Als Weidner kann man stolz sein auf solche Leute. Tolle Arbeit, die hoffentlich bald wieder Unterstützung erfährt statt von unseren Regierungen blockiert zu werden ... wo Unrecht zu Recht wird..

28.08.2018