"Sprechen wir über Europa"

Über das gefährdete Europa diskutierten am Mittwochabend an der OTH Amberg-Weiden der frühere tschechische Kulturminister Daniel Herman und Matthias Riedl, Professor an der Central European University (CEU) in Budapest.

Moderator Prof. Dr. Bernt Mayer (links), Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft, moderierte das Europa-Gespräch zwischen dem ehemaligen tschechischen Kulturminister Daniel Herman (2. von links) und Matthias Riedl, Professor an der Central European University (CEU) in Budapest.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Wir sind eine weltoffene und gastfreundliche Hochschule", begründet Andrea Klug, Präsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden die Einladung an die beiden Pro-Europäer, "diese Podiumsrunde sehe ich auch als Element unserer Positionierung."

Zusammen mit den Kooperationspartnern, dem Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee und der Westböhmischen Universität Pilsen, wolle man vor den Wahlen zum Europa-Parlament den Studierenden ein Forum bieten, ihre Vorstellungen von Europa zu formulieren: "Fragen, die junge Menschen im Europa der 28 bewegen, vor dem Hintergrund des Brexit, des erstarkenden Nationalismus, der Flüchtlings- und Eurokrise." Auch, damit die Vielzahl positiver Errungenschaften nicht vergessen würden, die gerade Studenten grenzübergreifend verbinde: "Freiheit im Studium, Praktikum und auf dem europäischen Arbeitsmarkt."

Moderator Professor Bernt Mayer, Dekan der Fakultät Betriebswirtschaft, ist zusammen mit dem Kompetenzzentrum Bayern-Mittelosteuropa und dem Sprachenzentrum an der OTH Ausrichter des Zwiegesprächs, an dem sich rund 50 Gäste, darunter 25 aus dem ostböhmischen Pardubice, beteiligen. Der Wirtschaftspsychologe versucht die Motivation für die derzeitigen Konflikte zu hinterfragen: "Wie verhalten sich die Briten, was ist in Ungarn los?"

Für die zweite Frage ist Riedl der ideale Ansprechpartner: Der Professor an ausgerechnet der kleinen, aber feinen Zentraleuropäischen Universität in Budapest, die schon Václav Klaus nicht in Prag haben wollte, weil sie ihm zu linksliberal erschien, und die gerade Ministerpräsident Viktor Orbán aus Ungarn vertreibt. Die Vermittlung zivilgesellschaftlicher Tugenden, die Mäzen George Soros fördert, läuft dessen autokratischem Regierungsstil zuwider. Riedl, aufgewachsen in Etzenricht, über die USA an die CEU gekommen und dort Leiter des Zentrums für Religionsstudien, verheiratet mit einer Ungarin,gesegnet mit zweisprachig aufgewachsenen Kindern, wird deshalb künftig wohl nach Wien pendeln müssen, um seine Lehrtätigkeit fortzusetzen.

Tschechiens Kulturminister a.D. Daniel Herman (links) und Matthias Riedl, Professor an der Central European University (CEU) in Budapest.

"Europa sucht seine Seele"

Historischer und mit starkem katholischen Akzent betrachtet der laisierte Priester und ehemalige Minister Daniel Herman, die Lage der Europäischen Union. Herman musste am Schicksal der eigenen katholisch-jüdischen Familie erfahren, was es bedeutet, wenn Nationalismus und Rassismus zu Leitbildern europäischer Politik werden. Das Ergebnis, vielmillionenfacher Mord und Vertreibung, sei Gründungsmotor der europäischen Einigung gewesen.

Der Vorsitzende der Ackermanngemeinde auf tschechischer Seite fordert deshalb die Rückbesinnung auf gemeinsame Werte: "Europa sucht die eigene Seele." Die eigene Identität sei in der jüdisch-christlichen Tradition zu finden. Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt er aber auch: "Der Islam gehört zur selben Familie, man muss hier klar zwischen Religion und Islamismus unterscheiden."

Einigen Zuhörern und Riedl selbst ist der theologische Europa-Ansatz angesichts trivialerer Probleme zu hoch gehängt: "Es geht bei der Bildungspolitik los", fordert Riedl mehr Wissen über die Nachbarn als Grundlage für gegenseitiges Verständnis: "Als ich nach Ungarn kam, merkte ich, dass wir in der Schule kein Wort über unsere Nachbarländer gelernt haben." Und die Ignoranz halte an: "Die Berichterstattung der deutschen Presse über Mittelosteuropa ist eine Katastrophe - aber wenn Trump hustet, dann steht das überall ganz groß."

Riedl, der im Zusammenhang mit dem Erasmus-Programm Kontakte zur viel geschmähten Brüsseler Bürokratie pflegt, stellt den EU-Behörden insgesamt ein gutes Zeugnis aus: "Auch bei der Flüchtlingskrise gab es von der EU-Kommission vernünftige Vorschläge." Es seien die nationalen Regierungen, die Lösungen blockierten: "Wir haben rund vier Millionen Erasmus-Studenten", lobt er den kontinentalen Austausch, "da geht europäisches Geld hin." Stattdessen redeten Politiker die EU bei jeder Gelegenheit schlecht: "Dabei ist Ungarn eines der größten Nehmerländer." Diese Unehrlichkeit dürften die Bürger nicht durchgehen lassen.

Herman sieht keine vernünftige Alternative zur Europäischen Union, fordert aber die Institutionen im Sinne der Katholischen Soziallehre zu verbessern: "Wir müssen uns wieder auf die Subsidiarität besinnen", die die christdemokratischen Gründerväter verankert hätten - also die Beschränkung Brüssels auf die großen Leitlinien der Sicherheits- und Außenpolitik. Und als Schlusswort zitiert der Minister a.D. Tschechiens verstorbenen Dichterpräsidenten Václav Havel: "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."

Tschechiens Kulturminister a.D. Daniel Herman (von links), OTH-Präsidentin Andrea Klug und Matthias Riedl, Professor an der Central European University (CEU) in Budapest.

Liveticker zum Europa-Gespräch

ONETZ: Der Professor an der Central European University (CEU) in Budapest stellt sich und seine Agenda vor.

Matthias Riedl: Mein Deutschlehrer aus dem Augustinus-Gymnasium sitzt mir heute gegenüber, ich habe 1989 Abitur hier gemacht, dann kam die Grenzöffnung mit dramatischen Szenen. Ich habe den Wehrdienst verweigert, als Zivildienstleistender beim BRK habe ich Erste Hilfe für Flüchtlinge geleistet – damals war das hier der Arsch der Welt, ein finsterer Ort, von dem man als junger Mensch wegkommen will. Damals ging es für uns nur nach Westen, nach dem Prager Frühling lebten wir an einer geschlossenen Grenze. Ich ging dann zum Studium der Politikwissenschaft nach Erlangen, 2003 hatte ich eine Gastprofessur in den USA, 2006 wechselte ich an die CEU. Europa ist heute in einer Krise: May gibt bekannt, dass die Regierung um einen Aufschub für den Brexit bittet, ein politisches Desaster. Die Europäische Volkspartei suspendiert die ungarische Regierungspartei zumindest vorübergehend aus der EVP. Unsere Central European University steht vor dem Umzug nach Wien – nur eines von vielen Vergehen von Viktor Orbán. Gerade jetzt bräuchten wir aber ein starkes Europa.

ONETZ: Der frühere tschechische Kulturminister stellt seinen katholischen Glauben in den Mittelpunkt seiner Europa-Vision.

Daniel Herman: Im Jahr 790 entstand die vermutlich erste steinerne christliche Kirche im ostmährischen Dorf Modrá bei Velehrad, 863 kamen die byzantinischen Missionare Kyrill und Method ins Großmährische Reich. Ich bin überzeugt, dass die Grenze zwischen West und Ost zwischen den lateinisch und den kyrillisch geprägten Ländern verläuft. Was ist denn Mitteleuropa? Dazu gehören Bayern, Sachsen, die Schweiz, Norditalien, Böhmen, die Slowakei, Österreich.

ONETZ: Der CEU-Professor teilt Hermans Mitteleuropa-Definition nur begrenzt.

Matthias Riedl: Ich stimme ja in vielem überein. Als ich als Gastprofessor in Tokyo europäische Geistesgeschichte lehrte, in einem Land, das von keinem monotheistischen Geist durchdrungen ist, war ich überrascht, wie oft man dabei über Christentum reden muss. Als ich allerdings noch hier in Weiden in der Schule war, hatte man mir gesagt, hier ist Mitteleuropa. In Budapest sagt man mir aber, nein, nein, du bist aus Westeuropa, wir sind Mitteleuropa: Die Frage ist, kann dabei auch eine Verschiebung stattfinden, die über das lateinische Europa hinausgeht? Wir haben EU-Mitgliedsstaaten, die orthodox geprägt sind: Was machen wir mit Griechenland, aus dem doch die Philosophie kommt?

Europa-Gespräch im Sessel.

ONETZ: Der Minister a.D. räumt Gemeinsamkeiten byzantinischer und lateinischer Traditionen ein.

Daniel Herman: Natürlich gibt es eine Symbiose zwischen der byzantinischen und der lateinischen Kultur.

ONETZ: Der Weidener erinnert an die europäische Verfassungsdiskussion zur Glaubenspräambel.

Matthias Riedl: Im Jahr 2005 ist die Idee einer Europäischen Verfassung an Volksabstimmungen in verschiedenen Ländern, darunter Frankreich, knapp gescheitert. Deswegen haben wir jetzt die etwas bürokratische Fassung in Form des Lissaboner Vertrags. In der Präambel wird verhandelt, was ist dieses Europa eigentlich? Dazu gab es eine interessante Diskussion. Die einen sagten, es basiert auf der Tradition des christlichen Abendlandes, auf religiösen Wurzeln also. Frankreich hielt dagegen, es basiert auf Volkssouveränität, Konstitutionalismus und freien Wahlen. Man hat sich dann auf den Begriff spirituell geeinigt. Wir verstehen uns als Europäer, aber wir verstehen uns nicht alle gleich.

ONETZ: Der tschechische Politiker zu den Wurzeln der EU und der Gretchenfrage in Tschechien.

Daniel Herman: Ich gehöre nicht zum Fanclub der Französischen Revolution. Ohne Religion haben wir keine Wurzeln. Wir hatten im Jahr 800 die Kaiserkrönung Karls der Großen. Napoleon war es dann, der das Heilige Römische Reich deutscher Nation zerstörte. Im 19. Jahrhundert entstand der Nationalismus in Europa, im 20. Jahrhundert hatten wir zwei Weltkriege, Europa lag in Ruinen. Die Idee eines gemeinsamen Europa wurde von Christdemokraten neu belebt. Der christliche Glaube gehört zu unserer Identität. Die europäische Familie bildet eine Einheit in Vielfalt. Monokulturen macht nur der Mensch, nicht der Schöpfer. Was die Situation in Tschechien betrifft. Die Mehrheit der Tschechen heute bekennen sich nicht zu einer Religion, das stimmt. Aber viele sind nicht a priori dagegen. Junge Leute suchen wieder nach einem tieferen Sinn. Wir haben heute ein Drittel Christen, die Katholiken stellen die größte Gruppe, die zweitgrößte die Böhmischen Brüder.

ONETZ: Der Oberpfälzer Politikwissenschafter zu europäischen Krisen und den wahren (nationalen) Ursachen der Brüsseler Bürokratie.

Matthias Riedl: Wenn wir auf die ungarische Situation schauen, gibt es zwei große Konfessionen, ca. 50 Prozent sind Katholiken, 30 Prozent Calvinisten. Die haben eine völlig unterschiedliche Geschichte, die Katholiken waren pro Habsburg, die Calvinisten pro türkisch. Heute kämpfen deren rechte Nachfolger gegen Europa statt gegen Habsburg. Pro-Europäer und Liberale werden als schwach betrachtet. Und man darf auch die Wirtschaft nicht vergessen: Seit 2009/10 befinden wir uns in einer Dauerkrise. Die beginnt mit der Finanzkrise in den USA, dem Zusammenbruch des Investment Banking. Es kommt zu einer Kettenreaktion, in deren Folge man entdeckte, dass die Griechen die Bilanzen gefälscht hatten und die EU das akzeptierte, dass Sicherheitsmechanismen versagt hatten. Was sollte man mit Italien mit seiner viel zu hohen Staatsverschuldung machen? Ein Gründungsland ausschließen, das geht nicht. Die EU erweiterte sich, man wollte helfen, die neuen Demokratien in Mittelosteuropa zu stabilisieren, nach dem Modell, das zuvor in Spanien und Portugal, die ihre faschistischen Systeme überwanden, gut funktionierte. Dann kam die Flüchtlingskrise, auf die man viel besser vorbereitet sein hätte können. Die Europäische Kommission hat dazu sehr konstruktive Vorschläge gemacht, aber die scheiterten an den Nationalstaaten. Und dann erinnerte man sich, mit welcher Arroganz sich Deutschland in der Währungskrise aufgeführt hatte, obwohl Berlin deren Profiteur war. Wenn man immer auf Europa schimpft wegen der Gurkenkrümmung oder der Traktorsitzverordnung, die auf eine bayerische Forderung zurückgeht, muss man fragen, woher kommt denn die Bananenverordnung? Dahinter stehen nationale Interessen. Ein dritter Aspekt der Krise: 2014 annektiert Russland die Krim, in einem Moment, als die EU schwach und uneins ist. Die EU steht ohne Außen- und Sicherheitspolitik da – eine Tragödie bei der derzeitigen aggressiven Politik der USA, Russlands und Chinas. Der ausgebildete Spion Putin arbeitet mit Geheimdienst-Methoden unter anderem in den neuen Medien. Wir müssten endlich auf das Prinzip der Einstimmigkeit verzichten, weil so Putin nur eine Regierung umdrehen muss, um alles zu blockieren.

Moderator Bernt Meyer steuert das Gespräch.

ONETZ: Der laisierte Priester über globale Gefahren und das Prinzip der Subsidiarität.

Daniel Herman: Es stimmt, unser Europa ist am Scheideweg. Es gibt keine Alternative, aber viele Alternativen zu dem Europa, das wir heute kennen. Zu den Regelungen, den Institutionen, der Bürokratie, wir brauchen den Dialog. Es gibt kein perfektes Projekt, wir müssen darüber diskutieren, was besser ist. Der Zentralismus ist nicht gut, die Subsidiarität als Grundprinzip, muss erhalten werden. Tschechiens außenpolitische Priorität war immer die Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung. Mein Großvater kam in Mauthausen ums Leben, andere Verwandte wurden in Dachau und Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg wurden viele als Sudetendeutsche vertrieben. Es gibt nicht die Juden, die Deutschen, die Tschechen. Ich war das erste Regierungsmitglied, das offiziell beim Sudetendeutschen Tag ein Grußwort hielt. Es gibt viele globale Bedrohungen, die Verfolgung von religiösen Minderheiten in China, der Uiguren und von Falun Gong, ist inakzeptabel. Wir müssen diskutieren, wie wir das Projekt Europa verbessern können.

ONETZ: Der Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft an der OTH Amberg-Weiden über Wirtschaft und Moral.

Professor Bernt Mayer: In habe ja in Religion mein Abitur gemacht. Ich frage mich, welche Rolle spielen die Kirchen? Was wir versuchen, unseren Studierenden nahezubringen, ist, dass ökonomisches Handeln immer ein Handeln unter Knappheitsbedingungen ist. Wir haben Verantwortung für unsere Ressourcen. Die Rolle der Katholiken ist mir da zu moderat. Unsere Studierenden werden Europa noch länger erleben.

ONETZ: Der Minister a.D. über den Einfluss der Kirche auf europäische Politik.

Daniel Herman: Die Rolle der Kirche war immer sehr wichtig. Sie muss die Botschaft nur so formulieren, dass die Leute das heute verstehen. Der heutige Papst ist ein Wunder oder Johannes Paul II., seine Rolle bei der Befreiung Osteuropas war groß. Auch der Dalai Lama ist eine Persönlichkeit, die verbindet.

ONETZ: Der Appell des Moderators an Europa und die Kirche.

Professor Bernt Mayer: Denken Sie nur an die Einladung Johannes Paul II. in Assisi an den Islam, unter der Fragestellung, was eint uns? Man stelle sich vor, man würde das mit Europa machen. Ich würde mir wünschen, dass die Kirchen provokanter auftreten. Da schafft es eine 16-Jährige, dass Tausende auf die Straße gehen. Mir ist es zu ruhig.

Volkswirt Professor Horst Rottmann hat genug von der Religion.

ONETZ: Die Dozentin des OTH-Sprachenzentrums hinterfragt die Glaubwürdigkeit der Kirche als moralische Instanz angesichts des Missbrauchsskandals.

Renáta Burcsak: Kann man das von der Kirche erwarten, die mit dem eigenen Missbrauchsskandal beschäftigt ist?

ONETZ: Der CEU-Professor nennt weitere Beispiele kirchlichen Versagens in der Slowakei und in Ungarn.

Matthias Riedl: Die Kirche agiert oft sehr unglücklich. Vor einem Jahr wurde in der Slowakei ein Journalist mit seiner Lebensgefährtin regelrecht hingerichtet, ein Oligarch ist angeklagt, es gibt Verbindungen zur Regierung, ein Netz an Korruption, der Ministerpräsident musste zurücktreten. Seitdem ist das Volk auf der Straße. Eine neue Präsidentschaftkandidatin kommt überraschend auf über 40 Prozent, ist jetzt Favoritin im zweiten Wahlgang, weil sie nichts mit der Korruption zu tun hat. Die Kirche aber sagt, es sei eine Sünde, Zuzana Čaputová zu wählen, weil sie eine falsche Sexualmoral habe. Die Leute wählen doch nicht wegen ihrer Haltung dazu. In Ungarn schweigt die Kirche zu allen Repressionen, man hat sie gekauft, hat ihr Schulen zurückgegeben, andere Religionsgemeinschaften entrechtet. Die katholische Kirche hat Dissidenten verfolgt und rückt jetzt die Akten nicht raus. Die Kirche findet keinen Weg, Menschen zu überzeugen, stattdessen laufen sie den Nationalisten mit ihren erfundenen Mythologien und absurden heidnischen Kulten nach. Warum schaffen die Kirchen es nicht, das Vakuum zu füllen?

ONETZ: Der KDU-ČSL-Politiker wünscht sich mehr Differenzierung bei der Beurteilung der Kirche.

Daniel Herman: Innerhalb der katholischen Kirche gibt es verschiedene Strömungen, ich nenne nur die von mir geschätzten Kardinäle Karl Lehmann in Mainz und Carlo Maria Martini in Mailand oder Bischof Klaus Hemmerle in Aache. Das sind offene, interessante Leute. Natürlich dürfen Probleme wie Missbrauch oder Kollaboration nicht verschwiegen werden. Aber es gab auch einen Kardinal Vlk, der war als Dissident acht Jahre Fensterputzer in Prag.

ONETZ: Der Wirtschaftspsychologe wünscht sich eine stärkere Rolle der Kirche.

Professor Bernt Mayer: Ich würde mir wünschen, dass die Kirche mehr Orientierung gibt.

ONETZ: Der liberale Sudetendeutsche sieht ganz andere Defizite.

Dr. Werner Brunner: Mir ist die Diskussion zu sehr auf Kirche abgestellt, wir haben Zuwanderung, mir macht Sorge, dass die rechten Parteien zunehmen, auch weil die Integration vernachlässigt wurde. Unsere Wirtschaftspolitik ist Lobbyismus pur. Und die ganze Sozialpolitik, die Wohnungslage, da müsste man ansetzen.

ONETZ: Dem OTH-Volkswirt ist das Europa-Gespräch zu theologisch.

Professor Horst Rottmann: Die Rolle der Kirche wird mir zu stark betont, wir können nicht auf Religion ein Staatengeflecht aufbauen. Denken Sie an den 30-Jährigen Krieg, es ist ein Irrtum zu glauben, wenn alle Christen sind, funktioniert das schon. Europa wurde nicht von Wissenschaftlern am Reißbrett erfunden, es ist aus der Not nach dem Krieg entstanden. Es funktioniert dann, wenn es für alle eine Win-win-Situation gibt.

Karl Bärnklau, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Weidener Stadtrat, erinnert an die Errungenschaften der EU.

ONETZ: Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Weidener Stadtrat lobt die EU als Garant für Frieden und Freiheit.

Karl Bärnklau: Mein Vater war Soldat, aus der Kriegsgefangenschaft wurde eine Freundschaft in dem im Elsaß, wo es ihn hin verschlagen hatte. Das war ein riesiges Geschenk. Heute kann eine Tochter in Paris, die ältere bei London leben und arbeiten, das geht heute alles.

ONETZ: Der Hochschullehrer mit Sitz in Budapest kritisiert die deutsche Bildungspolitik und die Medien.

Matthias Riedl: Es geht bei der Bildungspolitik los. Die Vergangenheit ist wichtig, aber die haben junge Menschen nicht erlebt. Auch in Ostdeutschland haben sie einen anderen Erfahrungshintergrund. Es gibt rund vier Millionen Erasmus-Studenten, da geht das europäische Geld hin. Als ich nach Ungarn kam, merkte ich, wir haben kein Wort über unsere Nachbarländer in Geschichte gelernt. Dafür über Apartheid in Südafrika. Wir wussten nichts. Man sollte auch mal die mittelosteuropäischen Klassiker lesen von Kafka bis Rilke, und vielleicht nicht nur Kant, sondern auch Masaryk. Die Berichterstattung der deutschen Medien ist eine Katastrophe, aber wenn Trump hustet, das steht das überall groß. Selbst der Rechtsradikalismus in Europa ist sich nicht einig: Italien will eine Umverteilung der Flüchtlinge, Ungarn nicht. Ungarn ist eines der größten Nehmerländer, an jeder zweiten Schule steht das Schild, erbaut mit Mitteln der EU, aber an allem ist die EU schuld. Diese Unehrlichkeit sollten die Bürger nicht durchgehen lassen.

ONETZ: Der Moderator erinnert daran, dass auch die Engländer den Nutzen den offensichtlichen Nutzen der EU ignorieren.

Professor Bernt Mayer: Das steht auch an Gebäuden in Liverpool. Das haben scheinbar viele auch in Mittelengland nicht mitbekommen.

ONETZ: Der Kulturpolitiker schließt das Gespräch mit einem Zitat des verstorbenen tschechischen Dichterpräsidenten.

Daniel Herman: Ich glaube, dass Kultur die wichtigste Brücke ist. In Prag um 1900 gab es eine wunderbare Symbiose deutscher, tschechischer und jüdische Kultur. Die Heimatvertriebenen haben nach 89 viele Kirchen und Denkmäler gerettet, dafür sind wir dankbar. Wir müssen gemeinsam die Zukunft gestalten. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“, hat Václav Havel mal gesagt.

Große Runde der Mitwirkenden beim Europa-Gespräch.
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