Die stillen Helden der Nacht: Eine Zeitungs-Zustellerin erzählt

Sie sind dann unterwegs, wenn die Straßen leer und die Fenster dunkel sind. In den frühen Morgenstunden geben sie alles, damit auf den Küchentischen der nördlichen Oberpfalz eine Zeitung landet: unsere Zeitungszusteller.

Eleonore Sparrer auf ihrer Tour durch Weiden. Etwa 220 Zeitungen stellt sie Nacht für Nacht zu.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Um 3 Uhr morgens macht sich Eleonore Sparrer auf den Weg. Manchmal noch früher. Richtig gefrühstückt hat sie dann noch nicht. Erst die Arbeit. Sparrer ist dafür verantwortlich, dass auf den Küchentischen der Region eine Zeitung, "Der Neue Tag", landet. Knapp 220 Ausgaben wirft sie jeden Tag, von Montag bis Samstag frühmorgens ein. Ihr "Revier" ist in Weiden. In der Innenstadt und die Bahnhofsstraße hinunter kennt die 60-Jährige jedes Haus, jeden Briefschlitz. Mit dem Fahrrad radelt sie los. Erster Halt: der vereinbarte Ablageort. An verschiedenen Orten, die in der Stadt verteilt sind, legen die einzelnen Speditionen ein Paket an Zeitungen ab. Sparrer verstaut es in ihrer Tasche, dann startet ihre Route.

Ein Dank ist selten

Mehr als 1000 Helden der Nacht arbeiten als Zusteller für Oberpfalz-Medien. Hunderte von ihnen sind jeden Tag von Tirschenreuth bis Schwandorf, von Sulzbach-Rosenberg bis an die tschechische Grenze unterwegs. Jeder von ihnen hat sein abgestecktes Gebiet, seine Adressen. In Weiden allein sind es knapp 40 Zusteller. Ihre Aufgabe ist der letzte Akt einer langen Produktionskette, die vom Schreibtisch der Redakteure bis in den Briefkasten unserer Leser reicht. Ausgerechnet von diesem entscheidenden allerletzten Schritt nimmt jedoch kaum jemand Notiz. Schließlich sind die Zusteller dann unterwegs, wenn die Straßen leer sind und in den wenigsten Häusern Licht brennt. "Zu Gesicht bekomme ich so gut wie nie jemanden. So gesehen ist es die langweiligste Aufgabe der Welt", schmunzelt Eleonore Sparrer. Zufrieden ist sie trotzdem, sagt sie. Es sei gleichzeitig auch schön, wenn die Stadt wie leer gefegt ist. Keine Autos, kein Lärm. Oft sieht sie während der Arbeit keinen einzigen Menschen. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Sperrstunde. Ein "Danke" hört sie zwangsläufig selten. Kleine Freuden bereiten ihr aber immer wieder Kunden, die schon sehnsüchtig auf ihre Zeitung warten. "Vor kurzem habe ich eine Dame am Briefkasten getroffen. Ich war etwas später dran. Die war so froh, als sie endlich ihre Zeitung bekommen hat. Das war schön."

Seit 2015 ist Sparrer für Oberpfalz-Medien als Zustellerin aktiv. Nebenher arbeitet sie als Reinigungskraft. Leicht sei ihr das frühe Aufstehen zu Beginn nicht eben gefallen. "Das war schon neu. Es dauert etwas, bis man sich daran gewöhnt hat." Jetzt, nach fünf Jahren, ist sie aber völlig routiniert, nicht einmal einen Kaffee brauche sie. Fällt es ihr denn überhaupt nicht schwer aus den Federn zu kommen? "Nee, gar nicht." Sparrer spricht so ruhig, so abgeklärt über ihren ungewöhnlichen Job. Dabei trotzt sie Jahr für Jahr jedem Winter, jedem Wetter.

Kaum Beeinträchtigung durch Corona

Gerhard Wölfel weiß um die Mühen seiner Zusteller. Er koordiniert den Vertrieb der Zeitungsausgaben Weiden und Vohenstrauß. Immerhin diese Branche, sagt er, sei von der Corona-Pandemie nahezu völlig verschont geblieben. "Am Anfang haben sich einige unserer Kunden noch davor gefürchtet, die Zusteller könnten das Gartentor anfassen und Viren hinterlassen." Längst ist klar, dass die Übertragung vielmehr in größeren Menschenansammlungen stattfindet. "Das ist ein klarer Vorteil für unsere Zusteller. Sie sind ja meistens die einzigen, die schon draußen sind", sagt Wölfel. Gegen widriges Wetter hilft das freilich trotzdem nicht. Dafür bekommen die Zusteller allerlei Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Von Spikes für einen festen Tritt, über Handschuhe bis hin zur Warnweste ist alles dabei.

Was kann dann noch schiefgehen? "Einmal ist mir der Reifen geplatzt", erzählt Sparrer. Das kann die gesamte Arbeit durcheinanderbringen. Im schlimmsten Fall landen die Zeitungen erst Stunden später in den Briefkästen. Zum Glück hatte sie an dem Tag schon den Großteil ihrer Zustellungen erledigt. Die wenigen verbleibenden Zeitungen hat sie zu Fuß zu den Kunden gebracht. Geht alles glatt, ist sie in etwa drei Stunden fertig. Jetzt nimmt sie sich endlich Zeit für ein ausgiebiges und verdientes Frühstück.

Die Post gibt ihr "grünes Projekt" auf

Mitterteich
Hintergrund:

Unsere Zusteller in Zahlen

  • Im gesamten Verbreitungsgebiet von Oberpfalz-Medien sind zwischen 1200 und 1300 Zusteller unterwegs (Vertretungen inbegriffen).
  • In Summe sind sie für 55.332 Zeitungen zuständig. Auf die Ausgabe "Der Neue Tag" entfallen 37.250 Zeitungen, für die "Amberger Zeitung" sind es 13.211 und für die "Sulzbach-Rosenberger Zeitung" 4.871 Exemplare. (Stand: November 2020)
  • Wie viele Zeitungen jeder einzelne Zusteller austrägt, ist wiederum regional sehr unterschiedlich. Die Spanne kann von unter 30 Exemplaren in kleineren Dörfern auf bis zu 600 Exemplare in Amberg ansteigen.
  • Während ihrer Arbeit legen die Zusteller meist über fünf Kilometer zurück, teilweise können es sogar bis zu zehn Kilometer werden, schätzt Gerhard Wölfel.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.