Der Superminister für Finanzen, Heimat und Zoigl

So oft sei er inzwischen in der Oberpfalz und bevorzugt bei der Einweihung von Zoigl-Denkmälern, scherzt Albert Füracker, "dass er Finanz-, Heimat- und Zoiglminister" genannt werden müsse. Nach der Stärkung mit einem Zwergzoigl (0,25) rast er zum Redaktionsgespräch.

Albert Füracker mit einem Zwerg-Zoigl bei der enthüllung des Zoigl-Denkmals in Neuhaus.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Stimme ist durch eine hartnäckige Erkältung angeschlagen, die Stimmung nach der Europa-Wahl aber blendend: „40 Prozent in einem schwierigen Umfeld, ein Zugewinn von über 780 000 Wählern im Vergleich zur Europawahl 2014 – ein größeres Plus als bei den Grünen.“ Ein fast „optimales Ergebnis“. Wenn da nur nicht eine Mehrheit der Deutschen bei einer Umfrage angegeben hätte, sie wollten gar keinen Kommissionspräsidenten Manfred Weber: „Komisch“, sagt Füracker kopfschüttelnd, „ich verstehe manchmal nicht, was die Deutschen wollen, das ist eine einmalige Chance für uns.“ Er wisse ja nicht, wer da gefragt worden sei: „In Bayern vernehme ich nur Unterstützung, und deshalb kämpfen wir dafür, dass er’s wird.“

Die Modernisierung einer Volkspartei, die die CSU gerade betreibe, bedeute einen Spagat zwischen Traditionalisten und Reformern: „Wir vertreten das ganze Spektrum, und ich denke, dass wir darauf ganz gut reagieren.“ Apropos reagieren: Muss sich die Union in ihrer Online-Kommunikation neu aufstellen, um die „Vernichtung“ der Volksparteien durch Youtuber wie Rezo parieren zu können? „Ich bin ständig im Kontakt mit jungen Menschen“, versteht der Minister die Aufregung nicht. Es sei doch selbstverständlich, die nächste Generation ernst zu nehmen. „Ich glaube aber auch, dass wir die Inhalte diskutieren müssen.“ Er rufe jeden politisch interessierten jungen Menschen dazu auf, nicht nur Rezo anzuschauen, sondern sich zu engagieren: „Dann merkt man, dass es in einem demokratischen Prozess ohne Kompromisse nicht geht.“ Strategisch habe man bereits reagiert: „Wir investieren Geld statt in den Bayernkurier künftig noch mehr in digitale Kommunikation.” Dennoch müsse die Partei cooler werden, findet Markus Söder. Wie interpretiert Füracker den Appell? „Zeitgemäßer, mit kühlem Verstand, ohne in Hektik zu verfallen“, schlägt Füracker vor. Und mit Blick auf Rezos Video: „Cooler und interessanter in der Vermittlung von Inhalten.“

Cool und verlässlich

Keinen coolen, sondern einen verlässlichen Ministerpräsidenten forderten die Landwirte bei der Regionalkonferenz zum vom Bauernverband nachträglich scharf kritisierten Gesetzentwurf „Artenvielfalt“. Wie erklärt Landwirt Füracker den Sinneswandel der Staatsregierung? „Die CSU hatte die Alternative, das Gesetz anzunehmen oder einen aussichtslosen Gegenvorschlag zur Wahl zu stellen. „Indem Markus Söder alle an einen Tisch geholt und so vieles wieder ins Lot rückte, war er verlässlich und cool.“ Die Landwirte schmerze, dass sie als Sündenbock einer Gesellschaft in der Sinnkrise herhalten müssten. „Ein ausufernder Verkehr, eine Ernährung geprägt durch ein weltweites Handelssystem: Unsere Lebensweise müssen wir in vielen Punkten überdenken.“ Erst wenn die Gesellschaft den Preis für faire und regional erzeugte Lebensmittel zahle, sei die Agrarwende realistisch.

Windräder sind nicht schön, sollten nicht überall stehen, sagen auch Befürworter, aber sie bedrohen nicht Millionen von Arten wie der Klimawandel. Zeit, um mit Blick auf die „Friday for Future“-Forderungen, die 10-H-Regel zu überdenken? „Wir haben im Landkreis Neumarkt 70 Windräder“, sagt der Freund erneuerbarer Energien, „ich kenne alle Argumente aus den Debatten und prophezeie: Der Bau von 70 Windrädern in der nördlichen Oberpfalz wäre nicht weniger konfliktträchtig als der Süd-Ost-Link.“ Man sollte sich jetzt um das Thema Speicher kümmern, um dezentrale Konzepte auch realisieren zu können.

Maßvolle Weltrettung

Ansonsten plädiert Füracker für Augenmaß bei der Rettung der Welt: „Ein kostenloser ÖPNV in der Stadt und Verteuerung der Mobilität am Land geht gar nicht.“ Dasselbe gelte für den Flächenfraß: Gewerbe- und Industriegebiete vor Ort reduzierten Berufsverkehr. Im Übrigen zählten Sportplätze, Friedhöfe und selbst der Englische Garten zu Siedlungs- und Verkehrsflächen: „Meines Erachtens ist erst versiegelt, wenn kein Wasser mehr versickern kann.“

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Kommentare

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A. Schmigoner

Die CSU ist bescheiden geworden, nachdem jahrzehntelang 50 % + “x“ galt, sind jetzt „40 Prozent in einem schwierigen Umfeld, ein fast ideales Ergebnis“, meint Minister Füracker. „Die Mehrheit der Deutschen will gar keinen Kommissionspräsidenten Manfred Weber“, was Füracker nicht versteht. Heimatverbundenheit ist eine tolle Sache und brachte für die CSU sicher einige zusätzliche Stimmen, zumindest für einen Bayern in Bayern. Aber offensichtlich hält man deutschlandweit Weber nicht für einen geeigneten Kommissionspräsidenten, dieser hat 500 Millionen Bürger in 28 Mitgliedsstaaten und tausende Regionen zu vertreten. Viktor Orban und Emmanuel Macron haben dem braven Weber inzwischen die Gefolgschaft aufgekündigt. Auch in Brüssel gibt es Bedenken, ob sich Weber gegen die mächtigen Staatschefs behaupten kann. Zudem hat Weber als Fraktionschef der größten Fraktion EVP bisher Reformwillen vermissen lassen und trägt hohe Mitverantwortung für zahlreiche Fehlentwicklungen (Urheberrechtsreform, Steuerpolitik, Glyphosat, Agrarpolitik etc.) in der EU. Im Fall von Manfred Weber stellt sich zudem die Frage, wo Bodenständigkeit aufhört und Provinzialität anfängt. Die Bürger wollen eine grundlegende Reform der EU und kein weiter so, mit altem Personal. Bei etwas tiefgehender Wahlanalyse wird auch Minister Füracker zu dieser Erkenntnis kommen.

04.06.2019
Dr. Jürgen Spielhofen

"Die Bürger wollen eine grundlegende Reform der EU und kein weiter so, mit altem Personal."

Dem ist nichts hinzuzufügen!

05.06.2019