Unesco-Gedenktag: Dialekt ist, in der Sprache barfuß zu gehen

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Zum Unesco-Gedenktag für die "Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit" ein Blick auf den Oberpfälzer Dialekt aus drei Perspektiven: der Liedermacher, der Dichter und der Politiker.

Harald Grill liest im Augustinus-Gymnasium.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Hunger nach Sprache ist so groß wie der nach Muttermilch: Bereits beim Embryo ist das Gehörsystem nach vier Monaten voll ausgeprägt. Bis zum dritten Lebensjahr gelingt es Kindern zweisprachiger Eltern spielend beide Sprachen parallel zu erfassen. Auch der Dialekt ist eine Art Zweitsprache - mehr, als nur etwas undeutlich zu nuscheln. Er verhilft zu einem besseren Sprachgefühl.

Grills geraubte Mundart

Opfer eines geraubten Dialekts wurde ausgerechnet Mundartdichter Harald Grill: "Bis 15 durfte ich keinen Dialekt reden", erinnert sich der 68-Jährige." Der schwer kriegsgeschädigte Vater hatte eine Stelle am Postschalter angetreten, wurde aber wegen seines kaum verständlichen Dialekts bald wieder entlassen. Ein Schock in schwerer Zeit, man will dem Buben ein solches Schicksal ersparen. Die Mutter aus Breslau führt künftig das sprachliche Regiment: "Mein Vater hat dann Zeit seines Lebens eine Art niederbairisches Schlesisch gesprochen, das er für Hochdeutsch hielt."

Das färbt ab. In der Schule stempelt ihn der fremde Dialekt zum Außenseiter, er wird nicht nur von Kindern gehänselt: "Weil ich aus Unsicherheit immer leiser wurde, hat eine Lehrerin gesagt, ,as Zeiserl redt wieda'!" Als er mit 15 ein fesches Oberpfälzer Madl kennenlernt, erlebt er sein Coming-out: "Es war wie eine Implosion", sagt Grill, der Dialekt war immer in mir, damals ist er aus mir hervorgebrochen." Ausgerechnet der Junge mit dem geraubten Dialekt entwickelt sich zum modernen Mundartdichter und erfolgreichen Autor für TV-Sendungen. Schon 1975 gewinnt er einen Mundartwettbewerb des BR mit einer Zeile, wie sie schöner die Mundart nicht charakterisieren könnte: "Dialekt ist in der Sprache barfuß gehen."

Völlig unverkrampft geht der Weidener Liedermacher Hubert Treml mit seinem Zungenschlag um: "Das Oberpfälzische ist so leicht, weil's so rudimentär ist."

Hubert Treml war bereits im Jugendalter in den 1970er Jahren ein Pionier des Mundart-Rock. 2005 war er mit seinem Compagnon Franz Schuier nominiert für den deutschen Folk- und Weltmusikpreis. 2013 eröffnete er ein Lieder-Atelier (www.lieder-atelier.de), in dem er maßgeschneiderte Songs für spezielle Anlässe komponiert.

Treml: Die Bitte-Auslassung

Beispiel gefällig? "Die Bitte-Auslassung, koana sagt beim Metzger bitte, sondern i hätt gern." Der Verfasser eines nicht bierernst gemeinten Sprachführers gibt demnächst wieder einen Oberpfälzer Sprachkurs an der VHS Schwandorf.

"Mundart ist einfach Teil meiner Identität", sagt Treml, "ich habe auch Schauspielunterricht genommen, da musste ich so ein Zäpfchen-R lernen, die Bühnensprache ist völlig sinnfrei gekünstelt."

Dialekt sieht er als eine sprachliche Naturgewalt, die sich ihren Weg bahnt, ständig verändert, die man nicht schützen muss: "Jetzt ist die krass-Sprache in, in hundert Jahren sagt man dann vielleicht Dialekt zu einer Art Neusprech mit vielen Einflüssen."

Füracker: "Gefährdete Sprache"

„Mit ihren Klangfarben und Ausdrücken spiegeln die vielfältigen Dialekte Bayerns auf eindrucksvolle Weise die Wesensart der Bevölkerung wider und vermitteln dadurch Heimat“, rühmt Bayerns Heimatminister Albert Füracker die Mundart. Dialekte schafften Geborgenheit und Vertrauen, stifteten Identität, vertieften das Sprachbewusstsein und hielten das kulturelle Erbe lebendig. „Dass wir uns verstärkt um die Mundarten unserer Heimat bemühen müssen, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Unesco das Bairische im Jahr 2009 in den Atlas der gefährdeten Sprachen aufgenommen hat.“

Aber ist München dialektisch nicht längst verloren und Regensburg zumindest gefährdet? „Beide Städte sind in ihren Dimensionen attraktiver Wirtschafts- und Studienstandort“, erklärt Füracker das Schmelztieglerische der Metropolen. „Gerade in den Städten können Mundarten eine Brücke sein, die Menschen zusammenbringt und zugleich das Bewusstsein für die Vielfalt der Kulturen stärkt.“ Es gehe immer auch um eine lebendige Weiterentwicklung des Dialektes, nicht um Konservierung eines „Mundartideals“.

Heimatminister Albert Füracker fördert nicht nur die Eslarner Zoiglkultur tatkräftig. Er redet bei solchen Anlässen auch, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Fördern, nicht verordnen

„Ich bin überzeugt, Dialektpflege lässt sich nicht von oben verordnen“, lehnt der Minister staatliche Schutzmaßnahmen ab. Die Staatsregierung schaffe aber Rahmenbedingungen, um insbesondere im schulischen Bereich das Bewusstsein für den kulturellen und sprachlichen Wert der Dialekte zu fördern und Vorbehalte abzubauen. „Dazu haben wir 2018 den Unterrichtsschwerpunkt ,Mundart und regionale Kultur‘ eingeführt, der auch im Koalitionsvertrag verankert wurde.“ Dialekt sei wieder „in“. Diese positive Entwicklung möchte Füracker mit dem „Dialektpreis Bayern“ stützen, den das Heimatministerium dieses Jahr zum vierten Mal für regionale Verdienste um die Mundartpflege und -forschung verleiht.

Kabarettist und Dialektvirtuose Gerhard Polt.
Gerhard Polts Hommage ans Bairische:

«Hund ist dann übrigens die Steigerung»

Gerhard Polt (77), Kabarettist, empfindet die bairische Sprache als harmonisch sowie mit einem angenehmen Klang verbunden. Das Wunderbare daran sei dieses Erfinderische, dieser verbale Wettkampf, der oft stattfinde, sagte Polt dem «Münchner Merkur» (Freitag). «Du kannst im Bairischen jemanden böse beleidigen und dennoch eine gewisse Höflichkeit an den Tag legen.» Als Beispiel führte er das Wort «Breznsoizer» an. Damit werde jemand als Volldepp bezeichnet, zugleich klinge es aber nett.

Auch «Hundling» sei so ein Wort, das ihm gefalle, so der Kabarettist. Da stecke sogar Respekt für die Person drin, obwohl der Bezeichnete vielleicht einiges Illegales auf dem Kerbholz habe. «Hund ist dann übrigens die Steigerung.» Trotz allem sei die bairische Sprache meist sehr charmant. Erst jüngst sei ihm das wieder im Zug aufgefallen. So könne man einen Mitfahrer natürlich direkt fragen, wo er hinfahre. Allerdings müsse man dann damit rechnen, dass das Gegenüber unwirsch reagiere, weil einen dies schließlich nichts angehe.

Der Bayer sei da weitaus subtiler, findet Polt. Er frage: «Und? Fahr ma furt?» Ein paar Minuten später wisse er dann, wohin die Reise des Fremden gehe. Das Befehlende, der Imperativ sei nicht für den Bayern. «Er will kommunizieren, palavern. Das mag ich.» Dazu passe auch der bairische Konjunktiv. Dieser zeige sich in Fragen wie: «Dürfte ich noch ein Bier haben?» oder «Habt's ihr noch eine Semmel für mich?» Ohne den Dialekt gebe es auch die wunderbare Volksmusik nicht, ist der Kabarettist überzeugt. «Da steckt der Takt unserer Sprache drin. Auch das Gemütliche.» Bei den Italienern verhalte es sich ebenso.

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