Verein "Karolina" im Verdacht

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre es ein handfester Skandal. Die Staatsanwaltschaft Weiden überprüft den Verein "Karolina e. V. zur Unterstützung misshandelter Kinder" mit Sitz im Landkreis Neustadt/WN.

Mit der Plakataktion „Armutszeugnis“ machte der Verein „Karolina e. V.“ 2018 auf die Not von misshandelten Kindern aufmerksam.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer bestätigte am späten Montagnachmittag die Aufnahme von Ermittlungen, was einen Anfangsverdacht voraussetzt.Er betonte aber auch: "Wir stehen ganz am Anfang." Bis zum Abschluss gilt die Unschuldsvermutung. Im Raum steht Veruntreuung von Vereinsvermögen.

Ungereimtheiten mit dem Verein ergaben sich auch bei Recherchen von Oberpfalz-Medien. In einem Gespräch in der Redaktion am 19. März beschrieb die stellvertretende Vorsitzende die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern Weiden und Neustadt. Diese nähmen Kontakt zu "Karolina" auf, wenn misshandelte Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden. "Die rufen uns an und geben uns eine Fallschilderung, um was es finanziell geht." Meist werde direkt an das Jugendamt gezahlt.

Beide Jugendämter Weiden und Neustadt widersprechen dem in allen Punkten: Es bestehe keinerlei Kooperation. "Es fand bisher keine Zusammenarbeit mit Karolina e. V. statt", so Claudia Prößl, Sprecherin des Landratsamtes Neustadt/WN. Die Kontakte beschränkten sich auf einen "Vorstellungstermin" beim Pflegekinderdienst nach der Vereinsgründung 2016 sowie die Entgegennahme einer Gefährdungsmeldung, die der Verein an das Jugendamt weitergeleitet habe. Dem Weidener Sozialdezernenten Wolfgang Hohlmeier ist der Verein völlig unbekannt. Er ist seit acht Monaten, August 2018, Chef des Jugendamtes. Für diese Zeit könne er gesichert sagen: "Keine Zusammenarbeit, auch aktuell nicht."

Es fand bisher keine Zusammenarbeit mit Karolina e. V. statt.

Claudia Prößl für das Jugendamt Neustadt

Vorstand: zwei Personen

Nachgehakt wurde zuletzt noch von anderen Seiten: So hatte eine Teilnehmerin bei der Generalversammlung im November 2018 vergeblich um einen Kassenbericht gebeten. Sie war die einzige Besucherin außer der Vorstandschaft. Diese besteht aus einem ersten und zweiten Vorstand, besetzt mit einem Ehepaar. Im Verein gibt es keinen Schatzmeister, keine Beisitzer oder Revisoren. Die Teilnehmerin regte Kassenprüfer an. Auch diesem Wunsch wurde nicht entsprochen. Sinngemäß hieß es, dies sei Vertrauenssache.

Auch ein Spender hat sich nach eigenem Bekunden im Februar 2019 mehrfach nach der Verwendung seiner Gelder erkundigt. Er hat aus dem Erlös von Benefizkonzerten mindestens 5500 Euro überreicht. Eine Antwort habe er bis heute nicht bekommen, hingegen einen Brief, in dem ihm im Falle weiterer "Verleumdungen" mit dem Anwalt gedroht wird.

"Karolina e. V." wurde im Oktober 2016 gegründet und stieß auf große Unterstützung. Von allen Seiten bekam man Spenden für den guten Zweck: misshandelte Kinder und ihrer Pflegefamilien. Nach Recherchen von Oberpfalz-Medien hat der Verein seit 2017 eine fünfstellige Summe eingenommen. Über 42 000 Euro wurden bei öffentlichen Spendenübergaben überreicht, über die berichtet wurde. Dazu kommen Erlöse aus Benefizveranstaltungen (Lesungen, Konzerte, Backofenfest), bei denen zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch keine Summen feststanden. Nicht bekannt ist zudem die Höhe privater Zahlungen auf das Spendenkonto.

Kein Einblick in Finanzen

Nur teilweise ist bekannt, wofür die Gelder verwendet wurden. Unstreitig hat es Ausgaben für caritative Zwecke gegeben (siehe Kasten), unbekannt ist in welcher Höhe. Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bot die zweite Vorsitzende im Gespräch vom 19. März einen Termin beim Steuerberater an, zu dem es - trotz Nachfrage - nicht gekommen ist. Sie reagierte zunehmend ungehalten. Eine letzte Bitte von Oberpfalz-Medien vom 21. März, den Widerspruch mit den Jugendämtern aufzuklären und einen groben Einblick in Einnahmen und Ausgaben zu gewähren, blieb unbeantwortet.

Das Finanzamt hat dem Verein im November 2016 die vorläufige Anerkennung der Gemeinnützigkeit erteilt. Nach Ablauf des ersten Jahres - in diesem Fall 2017 - prüft das Finanzamt. Dazu ist eine Einnahme- und Ausgaberechnung einzureichen. Passt alles, bleibt die Gemeinnützigkeit bestehen, geprüft wird dann alle drei Jahre. Laut Abgabenordnung hätte der Verein seine Erklärung bis 31. Dezember 2018, bei Fristverlängerung bis 28. Februar 2019, einreichen müssen. Das Finanzamt gab keine Auskunft, ob der "Karolina e.V." eine solche Aufstellung abgegeben hat. Der steuerrechtliche Status von Vereinen unterliege dem Steuergeheimnis. Laut Vorsitzender ist der Verein "jährlich geprüft worden".

Auch beruflich geriet das Ehepaar zuletzt in Schieflage. Er war im Aufsichtsrat einer Wohnungsbaugenossenschaft, seine Ehefrau war dort Mitarbeiterin. Im Mai 2018 beschloss der Vorstand die fristlose Kündigung. Der Mitarbeiterin wurde vorgeworfen, ihrem Mann und ihrem Sohn - ebenfalls dort tätig - erhebliche Provisionen überwiesen zu haben, "ohne dass es dafür eine Grundlage gab". Die Rede ist von einer Größenordnung von 120 000 Euro. Der Vorstand informierte die Mitglieder bei der Generalversammlung im August 2018 über die "Manipulationen". Strafanzeige wurde nicht erstattet. Die stellvertretende Vorsitzende weist diese Vorwürfe von sich.

Hintergrund:

Rätselraten um Ausgaben

Unstreitig hat es Ausgaben für caritative Zwecke gegeben. So bestätigt das Kinderheim Wunsiedel, dass der Verein „Karolina e.V.“ den Kinderheim-Chor unterstützt. Kinder aus dem Wunsiedler Heim nahmen zudem an Ausflügen teil, unter anderem zu einem Erlebnisbauernhof im Landkreis Neustadt/WN. Der Verein sei von sich aus auf die Leitung des Kinderheims zugekommen und habe seine finanzielle Unterstützung angeboten. „Der Verein ist sehr großzügig“, sagte ein Sprecher. Eine Höhe will er nicht nennen.

In einem Gespräch mit Oberpfalz-Medien am Dienstag, 19. März, nannte die stellvertretende Vereinsvorsitzende als konkrete Ausgaben zudem ein Laptop, ein Fahrrad und eine Schlummermatratze, jeweils für traumatisierte Kinder. Hauptausgabe seien aber Therapiestunden, wenn diese nicht von der Kasse übernommen werden. Ein Psychotherapeut aus dem Landkreis Neustadt/WN bestätigte gegenüber Oberpfalz-Medien, für den Verein Therapien übernommen zu haben. Eine Größenordnung seiner Rechnungen wollte er nicht nennen, dies sei Sache des Vereins. In einem Podcast beziffert die zweite Vorsitzende die Kosten für eine Therapiestunde auf 150 bis 250 Euro.

Einen vierstelligen Betrag dürfte auch die Aktion „Armutszeugnis“ gekostet haben, bei der auf etwa zehn Plakatwänden auf schwere Misshandlungen in der Region hingewiesen wurde. Die geschilderten Fälle sind nicht nachprüfbar. Rätselhaft ist auch ein Fallbeispiel aus dem Bereich Cham, das die Vorsitzende öffentlich mehrfach erwähnte. Nach ihrer Schilderung sei dort Ende 2018 ein Bub durch den Vater schwer verletzt worden und verstorben.

„Da ist nichts dran“, sagt der Chamer Jugendamtsleiter Markus Biebl. Es habe im Landkreis Cham „kein einziges Kind“ gegeben, das in Folge von Misshandlungen verstarb. Im Oktober 2016 erlitt ein Fünfjähriger lebensbedrohliche Verbrennungen, als seine Mutter Diebesgut verbrannte. „Das ist drei Jahre her und kann nicht gemeint sein. Gestorben ist dabei auch niemand.“

Kommentar:

Schwerer Gang an die Öffentlichkeit

Die Entscheidung für eine Berichterstattung zu Beginn eines Ermittlungsverfahrens fällt nicht leicht. Der Grat ist schmal zwischen Persönlichkeitsschutz und Informationsbedürfnis der Allgemeinheit. Im Fall des Vereins „Karolina e. V.“ ist „Gefahr im Verzug“, wenn man so will: Weitere Spendenübergaben stehen an, weitere Benefizveranstaltungen sind terminiert.
Es besteht zumindest ein Verdacht, dass hier etwas im Argen liegt. Die Vorstandschaft hat nichts dazu beigetragen, diesen Argwohn zu beseitigen. Die mehrfach vorgetragene Bitte um Einblick in die Finanzen verhallte ungehört. Ein Mix an Unwahrheiten kam dazu. Nur ein Beispiel sei genannt: „Nächste Woche sind wir wieder beim Jugendamt Neustadt“, so die zweite Vorsitzende wörtlich. Wie sich herausstellt, hat das Jugendamt um diesen Termin gebeten: Um zu erfragen, was der Verein eigentlich tut. Eine Zusammenarbeit bestehe ausdrücklich nicht.
Bestenfalls stellt sich in den kommenden Wochen heraus, dass man es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und mit der Buchhaltung schusselt. Der schlimmste Fall wäre ein Supergau für die Großzügigkeit regionaler Spender.

Christine Ascherl

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